TV-Bilder des Senders Al-Jazeera zeigen eine Straßenszene aus Kabul nach der Machtübernahme der Taliban.
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TV-Bilder des Senders Al-Jazeera zeigen eine Straßenszene aus Kabul nach der Machtübernahme der Taliban.

Trotz „erschütternden Berichten“

„Tragisch“: Sitzen die Taliban bald in der UN-Frauenrechts-Kommission? Experte warnt

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Die Radikal-Islamisten der Taliban in der UN-Frauenrechtskommission? Diese groteske Konstellation könnte bald Realität werden, warnt ein Experte.

New York/Kabul - Noch immer ist die Lage am Flughafen in Kabul dramatisch - und die Furcht vor den Taliban dürfte in Afghanistan bitterer Alltag werden. Dennoch steht die internationale Gemeinschaft bereits vor praktischen Fragen im Umgang mit den neuen Machthabern. Etwa: Darf die Islamisten-Regierung anerkannt werden? Sollten die Vereinten Nationen das tun, könnte sich laut einem Experten eine groteske Situation in mehreren Gremien der UN ergeben.

So könnten die Taliban unter anderem Sitze in der UN-Frauenrechtskommission und in der Welterbe-Organisation UNESCO erhalten. Darauf wies am Freitag Hillel Neuer, kanadischer Jurist und Gründungs-Vorsitzender der NGO „Genfer Gipfel für Menschenrechte und Demokratie“, in einem Tweet hin. Diese Perspektive sei „tragisch“, erklärte er.

Afghanistan: Taliban könnten in UN-Frauenrechtskommission rücken - und in UNESCO-Sitz erhalten

Laut Neuer könnten die Taliban die Posten der afghanischen Regierung in den beiden Gremien „erben“. In die Frauenrechtskommission war Afghanistan 2021 nach einer entsprechenden Wahl gerückt. „Das würde bedeuten, dass Terroristen, die Frauen und Mädchen für den Gang zur Arbeitsstelle oder in die Schule auspeitschen, an der Spitze des wichtigsten Frauenrechts-Gremiums der Welt sitzen“, erklärte der Experte. Tatsächlich gibt es bereits Berichte über Rechtsverletzungen gegen Frauen in Afghanistan.

Auch vor Einfluss der Taliban in der UNESCO warnte Neuer. „Unglücklicherweise liegt die Expertise der Taliban im Sprengen des kulturellen und naturräumlichen Erbes der Welt“, schrieb er in einem weiteren Tweet sarkastisch. Der Jurist spielte damit unter anderem auf die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban im Jahr 2001 an, einem Verbrechen vor dem Eingreifen der Nato in Afghanistan.

Zuletzt hatten deutsche Archäologinnen und Archäologen in einem offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf die Lebensgefahr ihrer Kollegen in Afghanistan hingewiesen. „Kolleginnen und Kollegen, die noch in Afghanistan sind, müssen – nach allem, was da jetzt an Unmöglichkeiten auch seitens der deutschen Regierung vorgefallen ist, was Hilfe angeht – sofort und unbürokratisch aus dem Land gebracht werden“, sagte der Berliner Archäologie-Professor Reinhard Bernbeck dem Deutschlandfunk. Er verwies explizit auch auf „diejenigen, die zum Beispiel mit dem deutschen archäologischen Institut zusammengearbeitet haben oder mit anderen deutschen Institutionen.“

Afghanistan: Werden die UN die Taliban als Regierung anerkennen? Guterres sieht „einzigen Hebel“

Dass die Taliban von den Vereinten Nationen als offizielle Regierung Afghanistans anerkannt werden, scheint indes nicht ausgeschlossen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres erklärte am Donnerstag nach einem Treffen des Sicherheitsrates, das Streben der Taliban nach internationaler Anerkennung sei der „einzige Hebel“, um auf die Einhaltung von Rechten zu drängen - auch mit Blick auf Frauenrechte. Er forderte eine „geschlossene Haltung“ der Vereinten Nationen gegenüber den Islamisten ein.

Dass unter anderem Frauen und Mädchen in Afghanistan in Gefahr ist, ist dem UN-Chef bewusst. Er habe „erschütternde Berichte von ernsthaften Einschränkungen der Menschenrechte im ganzen Land erhalten“, sagte Guterres am Dienstag. „Ich bin besonders beunruhigt über Schilderungen von wachsenden Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen und Mädchen in Afghanistan.“

Die Frauenrechtskommission tagt einmal jährlich für zwei Wochen in New York. 45 Staaten sind Mitglied - auch Deutschland ist seit 2020 wieder an der Gruppe beteiligt. Allerdings ist die Mitgliedschaft nicht zwingend als Adelsschlag im Umgang mit Frauenrechten zu verstehen. Vertreten sind aktuell etwa auch Somalia - wo Genitalverstümmelung an der Tagesordnung ist - oder die Türkei, die zuletzt die Istanbul-Konvention für Frauenrechte verlassen hatte. (fn)

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