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„Haben die afghanische Armee blind ins Feld geschickt“

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Von: Kathrin Braun

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Ein Helikopter schwebt über dem von Bombenrauch überzogenen Kabul: Die Taliban siegen in Afghanistan, die Westmächte ziehen sich zurück.
Ein Helikopter schwebt über dem von Bombenrauch überzogenen Kabul: Die Taliban siegen in Afghanistan, die Westmächte ziehen sich zurück. © Rahmat Gul/dpa

Die Taliban setzen sich in Afghanistan durch. Politikwissenschaftler Carlo Masala erklärt, warum die Einsätze der Westmächte trotzdem nicht vergebens waren.

München - Die Taliban kontrollieren fast ganz Afghanistan*. Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München meint: Das Land ist an die Radikalislamisten verloren. Im Interview erklärt er, warum der Westen nichts mehr dagegen tun kann – und weshalb die Einsätze dennoch nicht umsonst gewesen seien. 

Herr Masala, Afghanistan fällt an die Taliban zurück. War der Einsatz der letzten 20 Jahre vergeblich?

Nein. Er hat nur mit einer viel zu hohen Erwartung stattgefunden: die Transformation des politischen Systems in Afghanistan. Man darf aber nicht vergessen, dass wichtige militärische Ziele durchaus erreicht wurden. Etwa die Zerschlagung von El-Kaida. Diese Gruppe wurde nach Nine-Eleven und nach ihrer Invasion in Afghanistan nachhaltig geschwächt. Militärisch gesehen war der Einsatz also erfolgreich. Wenn man aber auf die politische Seite schaut, ist er krachend gescheitert.

In den letzten Jahren ging es aber vor allem um die politische Seite.

Ja, in den vergangenen zehn Jahren hat die Frage dominiert, ob Afghanistan zu einem stabilen, funktionsfähigen und multi-ethnischen Staat aufgebaut werden kann.

Hat der Westen dabei versagt? Oder ist Afghanistan einfach unkontrollierbar?

Es geht nicht um Versagen oder Unkontrollierbarkeit. Es geht darum, dass Staatenaufbau durch externe Interventionsmächte selten erfolgreich war. Das ist auch schwierig, wenn man nicht genug investiert. Wir hatten nie genug Truppen in Afghanistan, um eine Stabilisierung des Landes zu erzielen. Und wir waren auch nie bereit, genug finanzielle Ressourcen bereitzustellen. Außerdem: Es geht um einen sehr langwierigen Prozess. 20 Jahre reichen nicht, um eine funktionsfähige, demokratische Gesellschaft aufzubauen.

Diplomatie in Afghanistan? „Es gibt keine friedlichen Einigungen mehr“

Joe Biden verteidigt noch immer den Abzug der Truppen – weitere Jahre hätten nichts mehr gebracht. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich ähnlich. Auch wenn die Truppen noch jahrelang da geblieben wären: Sie hätten nicht mehr viel bewegt, weil es einfach viel zu wenige waren. Und man darf dabei nicht vergessen: Donald Trump* hat mit den Taliban das Doha-Abkommen geschlossen. Die einzig harte Bedingung, die Trump für den Abzug gestellt hat, war: keine Angriffe auf Koalitionstruppen. Und daran haben sich die Taliban ja gehalten. Wenn die Truppen also da geblieben wären, hätten wir mit Angriffen der Taliban auf unsere Basen rechnen müssen. Der Abzug war richtig.

Warum haben sich fast alle Städte kampflos den militärisch eigentlich schwächeren Taliban ergeben?

Mit der Ankündigung des Rückzugs durch Joe Biden* hat die afghanische Armee wichtige Hilfen verloren: Luftunterstützung, Aufklärungsfähigkeiten sowie die Firmen, die die Maschinen der afghanischen Luftwaffe gewartet haben. Wir haben die afghanische Armee blind ins Feld geschickt.

Diplomatische Lösungen mit den Radikalislamisten: reines Wunschdenken?

Mit welchem Ziel denn? Es gibt keine friedlichen Einigungen mehr. Es läuft nur noch auf eine Kapitulation der afghanischen Regierung hinaus. Die Taliban kontrollieren sämtliche Grenzen und Provinzhauptstädte. Dieses Land ist bereits jetzt unter der Kontrolle der Taliban. Wir können nicht mal mehr militärisch eingreifen – Luftangriffe würden tausende Zivilisten töten. Kabul ist gerade nur noch der symbolisch letzte Schritt.

Afghanistan - „Es wird zu einem Flüchtlingsproblem kommen“

Rechnen Sie mit friedlichen Evakuierungen?

Die USA* versuchen, einen Deal mit den Taliban zu schließen: Dass die Evakuierung durchgeführt werden kann, ohne dass die Taliban kämpfen. Es besteht also die Möglichkeit, dass alles unblutig verlaufen kann. Aber man muss zumindest darauf vorbereitet sein, dass es auch hässlich werden kann.

Wie wird sich das radikal- islamistische Regime auf den Westen auswirken?

Nicht sehr dramatisch. Es wird zu einem Flüchtlingsproblem kommen. Aber der Westen wird sich bemühen, das auf die Region zu begrenzen. Ich rechne auch nicht mit terroristischen Bedrohungen. Die Taliban haben selbst Interesse daran, Terror-Aktivitäten auf ihrem Boden zu vermeiden. Sonst könnten sie – wie 2001 – mit massiven Bombardements der USA rechnen.

Interview: K. Braun*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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