Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer fahren in einem Fahrzeug durch Mehtarlam.
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Die Taliban haben die Macht in

Zwei Jahrzehnte Truppeneinsatz

Taliban erobern Afghanistan zurück: Wie konnte es dazu kommen? Eine Chronologie der letzten 25 Jahre

  • Andreas Schmid
    VonAndreas Schmid
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Die Taliban beherrschen Afghanistan. Die Einnahme Kabuls ist das nächste Kapitel einer über Jahrzehnte andauernden Ausnahmesituation. Eine Chronologie.

Kabul - Die militant-islamistischen Taliban haben die Macht in Afghanistan zurückerobert. Nachdem westliche Truppen 20 Jahre im südasiatischen Land stationiert waren, wurde im Sommer 2020 der Truppenabzug aus Afghanistan beschlossen. Daraufhin nahmen die radikalen Islamisten weite Teile Afghanistans ein und erklärten sich – weitgehend widerstandslos – zu den neuen Machthabern. Der Blitzfeldzug binnen weniger Tage und die Eroberung der Hauptstadt Kabuls stellen den Höhepunkt des über Jahre schwelenden Afghanistan-Konflikts dar. Eine Chronologie der Ereignisse. (Alle aktuellen Nachrichten rund um die Entwicklungen in Afghanistan gibt es in unserem brandneuen, täglichen Afghanistan-Newsletter.)

Afghanistan-Chronologie: Taliban bis 2001 an der Macht - Sturz der Regierung nach 9/11

Herbst 1994: Afghanische Islamisten gründeten die Taliban-Bewegung in den frühen 1990er-Jahren. Die Gruppe geht zurück auf radikale Islamisten, die vor der sowjetischen Besatzung geflohen sind. 1989 verlassen die sowjetischen Truppen Afghanistan und lassen das Land sich selbst überlassen. Erstmals in Erscheinung treten die Taliban in Kandahar, einer Stadt im Süden des Landes, die am 5. November 1994 erobert wird. Daraufhin reißen die Taliban immer mehr Teile des Landes an sich.

27. September 1996: Nachdem die Taliban Kabul über zwei Jahre lang beschossen hatten, gelingt die Einnahme der Hauptstadt. Die Gruppe ruft das „Islamische Emirat Afghanistan“ aus – das lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wird.

1996 bis 2001: Die Taliban haben die Macht in Afghanistan. Für die Menschen gelten strenge Regeln auf Basis des islamischen Rechts, der Scharia. Die Strafen für Gesetzesverstoß sind drakonisch: Es gibt Auspeitschungen, Exekutionen und Verstümmelungen. Außerdem verüben die Taliban mehrere Massaker auf die Zivilbevölkerung, bei denen auch die Terrorgruppe Al-Qaida beteiligt ist. Die Taliban geben dem Al-Qaida-Gründer Osama bin Laden und seiner Organisation Schutz.

9. September 2001: Al-Qaida ermordet – wohl mit Unterstützung der Taliban – Ahmad Schah Massoud. Er war der Anführer des afghanischen Widerstands gegen die Taliban.

11. September 2001: Die Terroranschläge in New York und Washington sorgen für rund 3000 Todesopfer. Die Taliban-Verbündeten von Al-Qaida werden als Attentäter ausgemacht. Der damalige US-Präsident George W. Bush kündigt einen „Krieg gegen den Terror“ an. In den folgenden Wochen fordern die USA die Auslieferung Osama bin Ladens. Die Taliban lehnen ab.

Herbst/Winter 2001: Die Terroranschläge sind längst zum Politikum avanciert. Die Nato schickt eine Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) Soldaten nach Afghanistan. Die Rot-Grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) beschließt, sich am Krieg in Afghanistan mit deutschen Truppen zu beteiligen. Das Regime wird gestürzt. Die Taliban fliehen aus Kabul nach Pakistan. Hamid Karsai wird Chef einer Übergangsregierung.

Das Symbol des Terrorismus: Das World Trade Center in New York

Afghanistan-Chronologie: Krieg im Land - Taliban bleiben trotz West-Truppen präsent

9. Oktober 2004: Erstmals seit dem Sturz der Taliban findet eine Präsidentschaftswahl statt. Viele Afghanen haben Hoffnung, die Wahlbeteiligung liegt bei 70 Prozent. Karsai bleibt im Amt und gewinnt mit 55 Prozent der Stimmen. Die Taliban reorganisieren sich währenddessen im Süden und Osten des Landes sowie hinter der Grenze zu Pakistan.

2009: Die Lage in Afghanistan bleibt angespannt. Zwar verbessern sich für einige Menschen wie etwa für Frauen die Lebensbedingungen, doch das Land steht weiterhin vor großen Problemen. Der Krieg ist nicht beendet. Die Taliban üben Anschläge im ganzen Land aus, etwa bei der von Korruption geprägten Präsidentschaftswahl. Der neue US-Präsident Barack Obama versucht, den Krieg in Afghanistan zu beenden und erhöht die US-Truppenstärke zunächst auf 68.000, 2010 dann auf 100.000 Soldaten.

2. Mai 2011: Osama bin Laden wird von US-Spezialkräften in Pakistan getötet. Obama kündigt daraufhin den Abzug von 33.000 US-Soldaten bis Mitte 2012 an.

Dezember 2014: Die Nato beendet nach 13 Jahren ihren Kampfeinsatz. Ein Teil der Soldaten bleibt jedoch weiter im Land, um die afghanischen Streitkräfte auszubilden, so auch Soldaten der Bundeswehr. Die Taliban gewinnen im Jahr darauf militärisch wieder deutlich an Boden. Auch außerhalb der von ihnen kontrollierten Gebiete verübt die Gruppe Anschläge, vor allem in Kabul. Die Machtverhältnisse in Afghanistan ändern sich derweil. Wirklich verbessern soll sich die Lage unter keinem Präsidenten wirklich.

Afghanistan-Chronologie: Nach Truppenabzug - Taliban erobern Land zurück

29. Februar 2020: Die USA und die Taliban unterzeichnen eine historische Vereinbarung. Darin vereinbaren beide Seiten den Abzug aller internationalen Truppen bis Mai 2021, wenn die Islamisten Friedensgespräche mit der Regierung in Kabul aufnehmen und weitere Sicherheitsgarantien einhalten. Die Gespräche werden von einer Welle der Gewalt überschattet, mutmaßlich durch die Taliban.

Mai-Juli 2021: Die USA und die Nato beginnen mit dem Abzug ihrer verbliebenen 9500 Soldaten. Am 2. Juli übergeben sie den Stützpunkt Bagram, von wo aus lange Zeit der internationale Einsatz koordiniert worden war, an die afghanische Armee. Auch die Truppen der Bundeswehr kehren nach Deutschland zurück.

Sommer 2021: Die Taliban beginnen eine gewaltige Militäroffensive und nehmen weite Teile des Landes ein. Die afghanische Armee zieht sich zunächst in die Provinzhauptstädte zurück. Anfang August fallen binnen weniger Tage die meisten Städte an die Taliban, darunter mit Kandahar und Herat die zweite und drittgrößte Stadt des Landes.

15. August 2021: Die Taliban erobern die Hauptstadt Kabul und erklären ihren Sieg.

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