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Schreckensherrschaft der Taliban: Berichte über Folter und Mord - brutales Video macht die Runde

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Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillierten am Donnerstag nach ihrer Machtübernahme mit wehender Fahne des Islamischen Emirats Afghanistan durch Kabul.
Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillierten am Donnerstag nach ihrer Machtübernahme mit wehender Fahne des Islamischen Emirats Afghanistan durch Kabul. © Rahmat Gul/dpa

Von den Taliban-Beteuerungen scheint in der Realität wenig übrig: Berichte über Tötungen und Folter häufen sich. Auch ein UN-Bericht beschreibt das Vorgehen.

Kabul - Es war eine Pressekonferenz mit merkwürdigen Tönen: „Der Krieg ist zu Ende“, sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid am Dienstag in die Kameras. Jeder sei begnadigt. Keine Verfolgungen, keine Rache-Züge. Auch Frauen dürften weiterhin arbeiten gehen, sofern ihre Erwerbstätigkeiten im Einklang mit „den Prinzipien des Islam“ stünden. Versöhnliche Töne - aber handeln die Taliban-Kämpfer nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan auch so?

Lage in Afghanistan: Regierungsvertreter vermisst

Mehrere Vertreter der bisherigen afghanischen Regierung werden einem lokalen Medienbericht zufolge derzeit vermisst. Verwandte mehrerer Regierungsbeamter sagten dem TV-Sender ToloNews, ihre Familienmitglieder seien verschwunden oder würden seit der Machtübernahme der Taliban vermutlich von den Islamisten festgehalten.

Der bisherige Gouverneur sowie der bisherige Polizeichef der Provinz Laghman im Osten des Landes hätten sich den Taliban ergeben, befänden sich aber weiter in Gefangenschaft der Islamisten, hätten die Verwandten gesagt. Auch der Polizeichef von Gasni im Südosten des Landes sei unauffindbar. (Alle aktuellen Nachrichten rund um die Entwicklungen in Afghanistan gibt es in unserem brandneuen, täglichen Afghanistan-Newsletter.)

Racheaktionen gefürchtet: Videos in den Sozialen Netzwerken sollen Exekution des Polizeichefs zeigen

Die Taliban haben eine Generalamnestie erlassen, die ihren eigenen Angaben zufolge alle Menschen umfassen soll - auch Regierungsvertreter oder Angehörige der Sicherheitskräfte. Mitte der Woche erklärten die Islamisten zudem, alle politischen Gefangenen sollten entlassen werden. Ein Verwandter des Polizeichefs von Laghman habe gesagt, alle Regierungsvertreter seien freigelassen worden, nur der Polizeichef nicht, heißt es in dem ToloNews-Bericht weiter.

Regierungsvertreter und Sicherheitskräfte fürchten nach der Machtübernahme Racheaktionen. Seit Donnerstag kursierten in sozialen Medien Videos, die die Exekution des Polizeichefs der Provinz Badghis zeigen soll. In einem der Videos nennt Hadschi Mohammed Achaksai seinen eigenen Namen; in einem zweiten ist er in gleicher Kleidung am Boden auf Knien zu sehen, seine Augen und Hände verbunden. Wenige Sekunden später wird er mit vielen Kugeln erschossen. Ein Kommentar der Taliban zu den Vorfällen war zunächst nicht verfügbar.

Bericht der Vereinten Nationen: Taliban suchen nach Helfern und deren Familienmitgliedern

Die Taliban suchen einem für die Vereinten Nationen erstellten Bericht zufolge gezielt nach vermeintlichen Kollaborateuren. Sie drohen auch offen mit Repressalien für deren Familienmitglieder. In dem vertraulichen vierseitigen Bericht des RHIPTO Norwegian Center for Global Analyses, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es, dem größten Risiko seien Personen ausgesetzt, die wichtige Positionen im Militär, der Polizei oder anderen Ermittlungsbehörden eingenommen hatten. Die Beteuerungen der Taliban, keine Vergeltungsaktionen vornehmen zu wollen, hält der Leiter der Denkfabrik, Christian Nellemann, nicht für glaubhaft. „Sie versuchen einfach, die Leute an Ort und Stelle zu halten, um sie festnehmen zu können“, so Nellemann auf dpa-Anfrage.

Darüber hinaus mehren sich auch Medienberichte, dass die Taliban mit Listen von Tür zu Tür streichen und Personen suchen. Darunter etwa Journalisten. So schreibt die Deutsche Welle, die Taliban hätten den Angehörigen eines ihrer Journalisten getötet und einen weiteren schwer verletzt. Der Mitarbeiter selbst arbeitet inzwischen in Deutschland. Berichte über Folter, Tötungen und Einschüchterungen widersprechen damit den Ankündigungen der Taliban-Vertreter.

Diese gezielten Tötungen sind ein Beweis dafür, dass ethnische und religiöse Minderheiten auch unter der neuen Herrschaft der Taliban in Afghanistan besonders gefährdet sind.

Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International macht die Taliban auch für ein Massaker an der Hazara-Minderheit in Afghanistan Anfang Juni verantwortlich. Nach der Machtübernahme in der Provinz Ghazni hätten die militanten Islamisten neun Männer auf grausame Weise getötet, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht. „Diese gezielten Tötungen sind ein Beweis dafür, dass ethnische und religiöse Minderheiten auch unter der neuen Herrschaft der Taliban in Afghanistan besonders gefährdet sind“, sagte Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard. Zahlreiche Menschen versuchen derzeit aus dem Land und der drohenden Schreckensherrschaft zu entkommen. (dpa/cibo)

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