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„Die Taliban haben sich verändert“: Filmemacherin schildert Wandlung seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs

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Von: Kathrin Braun

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Vanessa Schlesier in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan.
Vanessa Schlesier in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan. © Privat

Der Ukraine-Krieg bewegt und entsetzt die Welt. Doch es gibt auch Profiteure: Die Taliban in Afghanistan fühlen sich mehr und mehr unbeobachtet. Mit Journalisten springen sie hart um.

Kabul/Mannheim – Vanessa Schlesier hatte erst fünf Minuten gefilmt, da ging schon ein Talib mit einer AK-47 auf sie los. „Wir haben Frauenproteste in Kabul begleitet“, erzählt die 38-jährige Journalistin aus Mannheim unserer Zeitung. „Der Talib hat die Kalaschnikow als Schlagstock benutzt und meinen Übersetzer geschlagen. In Afghanistan haften mittlerweile Männer für ihre Frauen.“ Eine halbe Stunde lang sei der Kämpfer ihnen dann durch die Stadt gefolgt. „Da wurde ich richtig nervös“, erinnert sich Schlesier.

Seit November war die Filmemacherin immer wieder in Afghanistan. Schlesier hat mit ihrer Kamera die Arbeit der „Kabul Luftbrücke“ dokumentiert, einer zivilen Hilfsorganisation aus Berlin, die Ortskräfte, Menschenrechtsaktivisten und Frauenrechtlerinnen aus Afghanistan evakuiert hat. „Die Taliban und die Lage in Afghanistan haben sich in dieser Zeit stark verändert“, sagt Schlesier. „Als ich im letzten Winter das erste Mal nach Afghanistan ging, wurde ich freundlich von den Taliban empfangen. Ich habe eine Presseakkreditierung bekommen und ein Sprecher des Außenministeriums sagte zu mir: ,Ihr Journalisten seid sehr wichtig für uns, ihr dürft euch hier frei bewegen – denn ihr müsst darüber berichten, wie sicher unser Land mittlerweile ist‘.“

Taliban schüchtern Reporter ein und verweisen sie des Landes

Aber die Afghanen, sagt Schlesier, fühlten sich alles andere als sicher. Und viele westliche Journalisten hätten genau darüber berichtet. Irgendwann hätten die Taliban dann begonnen, Reporter einzuschüchtern und des Landes zu verweisen. „Eine Kollegin wurde einen Tag unter Hausarrest gestellt. Andere Journalisten wurden gefangen genommen und mussten sich auf Twitter für ihre Berichterstattung entschuldigen.“

Spätestens seit dem Ukraine-Krieg hätten sich die Taliban nicht mehr groß um ein freundliches Image bemüht. „In der Nacht, in der Russland die Ukraine überfiel, haben sich die Taliban in den Straßen Kabuls versammelt – sie haben jedes Haus und jedes Auto durchsucht“, erzählt Schlesier. „Die ganze Welt hat in die Ukraine geblickt, die Taliban haben sich nicht mehr beobachtet gefühlt.“ Wenn sie ihre Kamera zückte, habe es nur Minuten gedauert, bis ein Spitzel der Taliban sie kontrollierte. „Sie sind uns immer wieder gefolgt. Ich habe mich vor allem um meine lokalen Mitarbeiter wie den Übersetzer oder unseren Fahrer gesorgt. Ich wäre vielleicht des Landes verwiesen worden – den Afghanen drohen viel schlimmere Strafen.“

In den vergangenen sechs Monaten sind die Taliban immer rabiater geworden

In den vergangenen sechs Monaten, sagt Schlesier, seien die Taliban immer rabiater geworden. „Sie hatten überhaupt keine Idee, wie sie ihr Land regieren: Jede zweite Person hungert, man kommt weder an Jobs noch an Nahrung. Die Taliban verfolgen nur einen einzigen Plan: Frauenrechte weiter einzuschränken.“ Frauen sollten nicht mehr nur in Begleitung eines Mannes das Haus verlassen, sondern am besten gar nicht, erzählt die Journalistin.

Taliban-Kämpfer
Ein Taliban-Kämpfer sitzt in Kabul mit einem Maschinengewehr auf der Ladefläche eines Fahrzeugs. © -/AP/dpa

Sie selbst will derzeit nicht mehr nach Afghanistan. Ihre Dokumentation ist mittlerweile in der ARD erschienen. „Ich weiß nicht, ob die Taliban ausländische Berichte überprüfen – und da ich das nicht einschätzen kann, kehre ich erst mal nicht zurück.“

Kathrin Braun

Die vierteilige Doku-Serie „Mission Kabul Luftbrücke“ ist abrufbar in der ARD-Mediathek.

Für IPPEN.MEDIA hatte auch die Journalistin Natalie Amiri aus Afghanistan berichtet. Ihr „Afghan Diary“ ist mittlerweile preisgekrönt.

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