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Fluchtversuch in den Tod: Afghanisches Fußballtalent stirbt bei Verzweiflungstat

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Hunderte von Menschen versammeln sich am 16. August in der Nähe eines Transportflugzeugs der US-Luftwaffe auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul.
Hunderte von Menschen versammeln sich am 16. August in der Nähe eines Transportflugzeugs der US-Luftwaffe auf dem Gelände des internationalen Flughafens in Kabul. © Shekib Rahmani/dpa

Die Machtergreifung der Taliban treibt viele Menschen aus Afghanistan zur Flucht. Sie können sich einen Verbleib nicht vorstellen. Ein junger Fußballer bezahlte mit seinem Leben.

Kabul - Es war die blanke Verzweiflung: Der afghanische Fußballer Saki Anwari fiel vom Himmel, als er versuchte, sich an eine amerikanische Militärmaschine zu klammern. Der 19-Jährige war ein Fußballtalent der afghanischen Jugendnationalmannschaft. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich – aber er glaubte nicht an ein Leben in Afghanistan, wo seit Sonntag der Taliban-Horror regiert.

Die afghanische Sportvereinigung postete auf Facebook eine Traueranzeige für das junge Fußballtalent, dessen Leben so tragisch endete: „Möge er im Himmel ruhen und zu Gott für seine Familie, Freunde und Sportkollegen beten“, steht darin.

Afghanistan: Menschen flüchten vor Taliban - Es gibt lediglich zwei Lösungen

Den Menschen, die nicht für die Islamisten sind, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Zu fliehen oder sich zu verstecken. „Löscht eure Profile in sozialen Medien, radiert eure öffentliche Identität aus, verbrennt die Sportausrüstung“, rät Fußballerin Khalida Popal, die das erste Frauen-Team Afghanistans mit aufgebaut hat. Die 34-Jährige lebt inzwischen in Kopenhagen, auf Twitter schlägt sie Alarm. Frauen rät sie zum „Mundhalten“. Die Taliban, die schon früher Frauen vergewaltigt, gesteinigt und ermordet haben, werden das auch jetzt wieder tun, schreibt Popal.

Afghanistan: Hinrichtungen und Amputationen - Wiederholt sich die Schreckensherrschaft?

Bereits in den Jahren 1996 bis 2001 war das Gahzi-Stadion in Kabul ein Ort der Grausamkeit. Teilweise fast wöchentlich fanden dort öffentliche Hinrichtungen oder Amputationen statt. Im Stadion der drittgrößten afghanischen Stadt Kandahar soll es auch jetzt wieder öffentliche Hinrichtungen gegeben haben. Derweil verkünden Kämpfer der Islamisten auf Twitter und in Pressekonferenzen, sie würden weder zwölfjährige Mädchen an Kämpfer verheiraten, noch morden und auch keine Rache an „Ungläubigen“ oder Helfern der ausländischen Streitkräfte nehmen.

Doch die Bilder aus Kabul zeigen etwas anderes: Eine Frau liegt blutend auf dem Boden, einem Kind wurde ein Auge ausgestochen, ein Mann geteert, ausgepeitscht und an einen Lkw gefesselt. „Kabul wird jetzt tödlich“, schreibt der Journalist Sayed Mustafa Kazemi, Reporter von Radio free Europe, auf Twitter: Die Taliban zögen von Tür zu Tür, um frühere Sicherheitskräfte zu finden und zu töten. Bei der Verfolgung eines Journalisten der Deutschen Welle erschießen die Taliban einen von dessen Familienangehörigen und verletzen einen weiteren schwer.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnt, dass die meisten Taliban-Verbrechen nicht dokumentiert würden, weil sie den Handyempfang vielerorts unterbrochen hätten. Derweil legte ein Afghane in der Heimat eine steile politische Karriere hin - und arbeitet heute als Fahrradkurier in Leipzig.

Kabul: Wettlauf gegen die Zeit für bedrohte Bürger - US-Truppenabzug Ende August

Ein für die UN erstellter Bericht zitiert einen Brief der Taliban, in dem sie einen Ex-Chef der afghanischen Sicherheitskräfte erpressen: Entweder er stellt sich, oder er sei selbst schuld, wenn seine Familienmitglieder verhaftet werden und sterben.

Das Netz der Kon­trollpunkte der Taliban in Kabul wird stetig dichter. Am Flughafen schießen sie wahllos in die zehntausenden wartenden Menschen. Um zu töten und um Chaos zu schaffen, was die Evakuierung erschwert. Wie lange die westlichen Streitkräfte es überhaupt noch schaffen, Menschen aus Kabul auszufliegen, ist unsicher. Der Zeitdruck wächst. Die USA wollen ihre Truppen bis zum 31. August abgezogen haben.

Am Freitag wurde in Kabul ein Deutscher auf dem Weg zum Flughafen angeschossen. Er überlebte und wird ausgeflogen – viele andere Menschen aber lassen am Flughafen ihr Leben. Es spielen sich herzzerreißende Szenen ab. Menschen heben Babys über die Absperrungen aus Stacheldraht und reichen sie US-Soldaten. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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