Die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-wen spricht bei einer Militärübung in Taiwan.
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Verunsicherung nach dem US-Abzug aus Afghanistan: Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen will Vertreidigungskraft stärken (Archivbild).

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Nach Afghanistan-Chaos: Angst vor China auf Taiwan und im Indopazifik - US wirbt bei Verbündeten um Vertrauen

  • Christiane Kühl
    VonChristiane Kühl
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Nach dem Chaos in Afghanistan steht auch in Taiwan und im Indopazifik das Vertrauen in die USA auf dem Prüfstand.

Washington/Taipeh/München - Nach dem chaotischen Abzug der USA* aus Afghanistan fragen sich manche auf Taiwan, in Südkorea und an den Ufern des Südchinesischen Meers: Kann man sich auf den Schutz und ein langfristiges Engagement der Amerikaner noch verlassen? Natürlich wusste man in diesen Ländern, dass ein Abzug aus Afghanistan schon lange grundsätzlich feststand. Es war die plötzliche, überstürzte Art, die die Menschen beunruhigt. “Die Szenen, wie verzweifelte Afghanen versuchen, in Kabul einen Platz in einem US-Militärflugzeug zu ergattern, haben ein tiefes, unauslöschliches Bild der schwindenden US-Führung hinterlassen”, beschreibt Hiroyuki Akita, Kommentator der japanischen Zeitung Nikkei, den Eindruck in Ostasiens Hauptstädten.

Jetzt beobachten asiatische Länder genau, ob und wie sich das Ende des militärischen Engagements in Afghanistan* auf den Ansatz von US-Präsident Joe Biden in der indopazifischen Region auswirken wird. Fokussiert Washington nun stärker nach innen - oder macht das Ende des Afghanistan-Kapitels Kapazitäten frei für Ostasien, wie manche Beobachter hoffen? 

Der Elefant im Raum bei diesen Überlegungen ist China. China* besitzt enge wirtschaftliche Verflechtungen mit vielen Staaten der Region. Aber zugleich tritt es selbstbewusst und zuweilen aggressiv auf, wenn es dort um seine politischen Kerninteressen geht. Das bekommt vor allem Taiwan zu spüren, das China als abtrünnige Provinz ansieht*. Eine gewaltsame Wiedervereinigung hat Peking nie ausgeschlossen.

Taiwan: Stärkung eigener Streitkräfte nötig - Verteidigung gegen Angriff aus China

In Taiwan* steigerte der chaotische Abzug der US-Streitkräfte daher Befürchtungen, Amerika könnte die Insel künftig bei der Verteidigung gegen Drohungen aus Peking sich selbst überlassen. Nationalistische Stimmen in Peking haben Taiwan bereits gewarnt, dass die Aufgabe Afghanistans beweist, dass Taipeh nicht auf den Schutz der USA zählen könne. Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen forderte sogleich größere Anstrengungen zur Selbstverteidigung.

Taiwans Verteidigungsministerium reagierte prompt. Es reichte diese Woche (am Mi, 1.9.) einen Budgetantrag ein, um eine neue Agentur für die Mobilisierung der Reservisten gründen zu können. Damit soll die Kampfbereitschaft der Reservetruppen durch besseres Training erhöht werden, und Offiziere sollen zu Trainings in die USA geschickt werden. Taiwan hört damit auf Kritik etwa aus der US-Verteidigungs-Denkfabrik Rand Corporation, die schon 2017 die laschen Trainings der Reservisten kritisiert hatte. 

Im Laufe der Jahre hatte Taiwan seine reguläre Truppenstärke von 380.000 Soldaten im Jahr 2001 auf jetzt etwa 170.000 reduziert. Das nährte den Vorwurf, man verlasse sich zu sehr auf den Schutzschirm der USA. Im Oktober 2020 hatte die Trump-Regierung noch Waffenexporte in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar an die Insel genehmigt - in einem Deal, der erstmals in den vergangen 40 Jahren auch nennenswerte Angriffswaffen enthielt, darunter Raketen, welche die chinesische Küste treffen können. “Ich glaube, dies zeigt die Bedeutung, welche die USA der Sicherheit im Indopazifik und der Taiwanstraße beimessen”, sagte damals Taiwans Verteidigungsminister Yen Te-fa.

Indopazifik: Kein Land möchte von China dominiert werden

Ob es dabei bleibt, ist derzeit noch unklar. Zumindest vorübergehend zogen die USA Ressourcen aus dem Pazifik ab, um den Rückzug aus Afghanistan zu decken. Der lange in in Japan stationierte Flugzeugträger USS Ronald Reagan beispielsweise befindet sich jetzt im Arabischen Meer im Dauereinsatz. Grundsätzlich gehen die meisten Verbündeten aber davon aus, dass die USA in der Region aktiv bleiben.

Fest steht, dass die USA im Indopazifik* um Vertrauen werben müssen, wenn sie dort weiter ein wichtiger Player bleiben wollen. Was die Staaten am Indopazifik beruhigt, ist die Tatsache, dass Biden - wie sein Vorgänger Trump - China als strategischen Wettbewerber ansieht und sich entschlossen zeigt, den Herausforderungen durch Peking zu begegnen. “Zwar gibt es Unterschiede in der Nähe zu China und der Risikotoleranz”, glaubt Hiroyuki Akita. “Aber kein Land möchte, dass die regionale Ordnung von Peking dominiert wird.”

Peking setzte gerade wieder ein Zeichen - mit einem neuen Gesetz, das ab September eine Anmeldung von Schiffen verlangt, die in Chinas Hoheitsgewässer einfahren. Schiffe, die Chinas - nicht näher definierte - Sicherheit bedroht, können demnach zum Verlassen der Gewässer aufgefordert und verfolgt werden. Die taiwanische Zeitung Taipei Times bezeichnete das Gesetz als “tickende Zeitbombe”. Konflikte sind programmiert, da China auch die See um künstlich aufgeschüttete Inseln im Südchinesischen Meer* als Hoheitsgewässer ansieht - was die USA und ihre Verbünden zurückweisen. 

Kamala Harris im Indopazifik: Charme-Offensive der USA

Noch bevor das letzte Flugzeug vom Flughafen Kabul abhob, reiste US-Vizepräsidentin Kamala Harris zu einer Charme-Offensive in die Region*. Der Indopazifik sei eine Top-Priorität der USA, sagte sie in Singapur, wo sie für eine Vision von “Frieden und Stabilität, Freiheit auf den Meeren, ungehinderter Handel, Förderung der Menschenrechte und ein Bekenntnis zur internationalen regelbasierten Ordnung” warb. “Unsere gemeinsamen Interessen sind kein Nullsummenspiel”, betonte Harris. China erwähnte sie nicht.

In Vietnam übte sich die Vizepräsidentin in Impfdiplomatie: Eine Spende Corona-Impfdosen aus China konterte sie mit einer noch größeren Impf-Spende und der Eröffnung eines Regionalbüros des amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC) - das fünfte in der Region. Nur knapp zwei Prozent der 97 Millionen Vietnamesen sind bisher vollständig gegen das Coroanvirus geimpft; Vietnam nahm die Spende dankbar an. In Hanoi kündigte Harris ganz direkt an, die US-Regierung werde „den Druck auf China erhöhen“.

Singapur und Vietnam sind indes relativ einfache Partner für die USA. “Singapurs politische Führer sind die versiertesten Strategen der Region und erkennen eine US-Militärpräsenz als notwendig an, um ihre eigene strategische Autonomie und das breitere regionale Gleichgewicht zu bewahren”, argumentieren die australischen Verteidigungsexpertinnen Susannah Patton und Ashley Townshend. “Vietnam ist das Land in der Region, das am ehesten bereit war, China offen die Stirn zu bieten.” Im Südchinesischen Meer sehe Hanoi die US-Prässenz als wesentlichen Baustein des strategischen Gleichgewichts an. Auch wenn Vietnam und China das gleiche sozialistische System teilen, sind sie selten einig - und haben 1979 sogar einen kurzen Grenzkrieg gegeneinander geführt.

Andere Partner - wie Thailand oder Indonesien - würden dagegen eine gegen China ausgerichtete US-Strategie nach Ansicht der Expertinnen nicht unbedingt unterschreiben. Sie wollen es sich nicht mit Peking verscherzen, mit denen sie enge Wirtschaftsbeziehungen pflegen - und wollen sich nicht für eine Seite entscheiden müssen. Generell sei die Region von einer „hohen Fluktuation bei politischen Bündnissen” geprägt, so Patton und Townshend. Wichtig sei daher auch eine ökonomische Strategie, sagen die Expertinnen - etwa der Beitritt der USA zu bestehenden Freihandelsabkommen: “In einer Region, in der wirtschaftliche Zusammenarbeit tendenziell höher bewertet wird als Sicherheitsbeziehungen, erschwert das Fehlen einer gemeinsamen Wohlstandsagenda Washington einen positiven Umgang mit Südostasien.” Allein mit einer Anti-China-Agenda sei dort niemand zu begeistern.

Südkorea: Debatte um US-Truppen im Land

Etwas anders ist die Lage in Südkorea. Die Bedrohung stammt dort aus Nordkorea*; China ist eher ein wirtschaftlicher Partner. Auch erhofft Seoul sich von Peking mäßigenden Einfluss auf Machthaber Kim Jong-un* in Pjöngjang. Die USA haben rund 28.500 Soldaten in Südkorea stationiert. In Kriegszeiten liegt die militärische Führung seit dem Koreakrieg in den Händen der USA, die dann Hunderttausende südkoreanischer Truppen befehligen würden. Dies stellt die Regierung jetzt in Frage: “Wir müssen die Afghanistan-Krise als Chance sehen, um unsere Selbstverteidigungsfähigkeit zu stärken”, forderte Song Young-gil, Vorsitzender der Regierungspartei DP. Die operative Kontrolle der Streitkräfte müsse an Südkorea zurückgegeben werden. 

Es gärt in Südkorea. Auslöser waren US-Pläne, Geflüchtete aus Afghanistan vorübergehend auf seinen Militärbasen in Japan und Südkorea unterzubringen. Das stieß umgehend auf Widerstand in Seoul; Washington gab nach. Doch die Probleme reichen tiefer. Ex-Präsident Donald Trump hatte immer wieder den Abzug der US-Truppen aus Südkorea und Japan ins Spiel gebracht und verlangte eine höhere Beteiligung der Gastländer an den Kosten. Südkorea gibt heute mehr als eine Milliarde US-Dollar für die Präsenz des US-Militärs aus. Auch das führt zu einer gewissen Unzufriedenheit im Land. Bidens Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan sagte am Dienstag, dass der Präsident keinerlei Absicht habe, Truppen aus Südkorea abzuziehen - ebensowenig übrigens wie aus Europa.

Militärexperten in den USA und der Region fordern, dass politische und sicherheitsbezogene Treffen mit US-Beteiligung in den kommenden Wochen und Monaten trotz Afghanistan wie geplant stattfinden müssten. Abkommen und verbale Abschreckung zeigten durchaus Wirkung, so Akita. “Seit Japan und die USA am 16. April ihre gemeinsame Erklärung unterzeichnet haben, sind die Provokationen chinesischer Militärflugzeuge in Richtung Taiwan deutlich zurückgegangen.” Darin hatten beide Staaten ihre Allianz auch in Sicherheitsfragen bekräftigt, einschließlich der Taiwanstraße. “China überlegt möglicherweise, ob es derzeit eine gute Idee ist, die militärische Provokation zu eskalieren.” (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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