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Die Kanzlerin, hier mit Nigers Präsident Mahamadou Issoufou (in Weiß), vor einem Jahr bei ihrer Reise nach Mali, Niger und Äthiopien.

EU-Afrika-Gipfel 

Afrika-Experte: „Die Migration aus Afrika wird zunehmen“

Wie geht es weiter mit Afrika? Wir haben mit Christian von Soest vom Hamburger GIGA-Institut über die neue Strategie der EU und die Erwartungen an den Afrika-Gipfel gesprochen.

Christian von Soest forscht am Hamburger GIGA-Institut.

München – „Wir brauchen Frieden und Jobs, Jobs, Jobs.“ Das rief Simbabwes neuer Präsident Emmerson Mnangagwa kürzlich seinen Anhängern in Harare zu. Der Satz ist zugleich die Hoffnung eines ganzen Kontinents. Beim EU-Afrika-Gipfel, der heute und morgen in der Elfenbeinküste stattfindet, soll es vor allem um die Zukunftsperspektiven der afrikanischen Jugend gehen. Auch Kanzlerin Angela Merkel wird teilnehmen.

-Herr von Soest, die EU will Afrika wirtschaftlich stärken, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Geht diese Rechnung für Sie auf?

Die Ansätze sind grundsätzlich richtig. Ziel soll es ja sein, die Infrastruktur und die Investitionsbedingungen in den afrikanischen Partnerländern zu verbessern. Das ist ein Teil der Antwort auf die großen Entwicklungs-Herausforderungen. Was die Migration betrifft, ist die Gleichung allerdings nicht so einfach.

-Warum?

Wir beobachten, dass der Wunsch zu migrieren tendenziell mit dem Bildungs- und Einkommensniveau steigt. Afrikanische Migranten, die in die EU kommen, sind überdurchschnittlich gut gebildet und wohlhabend. Es kann also sein, dass die Migration durch eine moderate Stärkung der Wirtschaft zumindest nicht sinkt – oder sogar ansteigt. Einen schnellen Rückgang wird es sicher nicht geben.

-Und langfristig?

Migration aus Afrika wird in Zukunft wahrscheinlich zunehmen, es gibt aber keinen Exodus nach Europa und die meisten Menschen flüchten nicht zu uns, sondern in afrikanische Nachbarstaaten. Zudem liegt die Hauptverantwortung für die Verbesserung der Lebensbedingungen bei den Regierungen Afrikas. Deshalb ist es wichtig, mit reformorientierten Ländern zusammenzuarbeiten, denken Sie zum Beispiel an Ghana.

-Ein Kernproblem ist die Bevölkerungsentwicklung. Bis 2050 verdoppelt sich Afrika. Frisst das nicht jedes Wirtschaftswachstum auf?

Es stimmt, das Bevölkerungswachstum und seine Effekte sind zentrale Probleme. Bessere Bildung würde helfen, es einzudämmen, und hier besonders Bildung von Frauen. Aber da hört es nicht auf. Die Schaffung von Jobs ist immens wichtig und zu Recht ein Schwerpunkt des Gipfels.

-Man könnte auch auf Familienplanung und Geburtenkontrolle setzen. Sollte Merkel das in Abidjan offen ansprechen?

Zumindest sollte die Bevölkerungsentwicklung ein zentrales Thema sein – das wäre meine Hoffnung. Wenn ich aber an bisherige Gipfel denke, habe ich Zweifel. Es scheint unter einigen Präsidenten tatsächlich das Denken zu geben: Größere Bevölkerung heißt größere Macht.

-Entwicklungsminister Gerd Müller sagt unentwegt, der Handel zwischen der EU und Afrika müsse fairer werden...

Die Handelspolitik ist noch ein großes Problem. Beispiel: Die Agrarsubventionen der EU, die die europäische Landwirtschaft stärken, schaden den afrikanischen Märkten. Ich denke, die Handelspolitik müsste stärker mit der Entwicklungspolitik verknüpft werden. Da passiert zu wenig.

-Konkret: Die EU müsste ihre Agrarsubventionen überdenken?

Ja, aber das ist nicht alles. Man darf auch nicht vergessen, dass die Zölle, die bei Freihandelsabkommen wegfallen, einen wichtigen Teil der Einnahmen einzelner afrikanischer Staaten ausmachen. Diese Einnahmen müssen ersetzt werden, zum Beispiel durch ein besseres Steuersystem. Wichtig ist auch, den noch recht schwachen Handel zwischen den afrikanischen Staaten zu stärken. Das würde wahrscheinlich sogar größere Effekte zeigen. Die EU-Agrarpolitik ist jedenfalls nicht der alleinige oder zentrale Grund für Armut im ländlichen Raum.

-Was wäre ein gutes Ergebnis des Gipfels?

Erstens müssen sowohl Europäer als auch Afrikaner offen sagen, wohin sie mit dieser Partnerschaft wollen, welche Bereiche zentral sind. Zweitens muss es eine Diskussion darüber geben, wie wir verschiedene Politikfelder wie Handel, Sicherheit und Entwicklung besser miteinander verknüpfen können. Und zuletzt sollten die Europäer nicht alles unter dem Gesichtspunkt Migration sehen. Menschenrechte dürfen nicht hinten runterfallen.

Interview: Marcus Mäckler

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