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Agrarministerin Aigner bei der Hauptalmbegehung

Hauptalmbegehung

Aigners Auftrieb auf der Alm

Grassau – Auf der Alm warten Sonne, hitzige Diskussionen und der künftige Chef. Einen Tag läuft Agrarministerin Aigner die Hauptalmbegehung mit. Sie verspricht den Bergbauern mehr Hilfen. Und ihr verspricht der Tag sympathische Fotos.

An dem Tag, als Ilse Aigner in Berlin obdachlos wird, sitzt sie gut gelaunt auf einer oberbayerischen Almwiese. Es ist früher Vormittag, einer neben ihr im Gras reicht ihr das zweite Bier, sie verscheucht eine Fliege vom grünen Wanderhemd. Wer will schon eine Wohnung in Berlin, wenn er hier dahoam ist?

Am 31. Juli, Mitternacht, ist der Mietvertrag von Aigners Dachgeschosswohnung in Berlin abgelaufen. Die Möbel wurden nach München gekarrt, ein Nachmieter gefunden, Aigner ließ die Wände streichen. Im Herbst verlässt sie die Hauptstadt, kandidiert für den Landtag. Die letzten Tage in Berlin kann sie im Hotel schlafen. Ein willkommenes Symbol: Am Umzugstag wandert die Bundesagrarministerin aus Feldkirchen-Westerham durch Bayern. Motto: Da bin ich.

Aigner ist Ehrengast der Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Jährlich laden die Almbauern bei jedem Wetter zur ungewöhnlichen, schweißtreibenden Mischung aus Kundgebung und Wandertag. Die rund 10 000 bayerischen Bergbauern wollen aufmerksam machen, wie hart es ist, die 1400 Almen zu bewirtschaften; wie enorm Landschaftsbild und Tourismus davon abhängen. Und wie dringend sie vom Staat Subventionen brauchen. „Wenn das nicht bewirtschaftet wird“, sagt Aigner auf einer Weide nachdenklich, „dann ist das bald alles weg.“

Diesmal ist die Strecke eher gemütlich, fünf Stunden Gehzeit von nahe Grassau (Kreis Traunstein) aus über ein Dutzend der schönsten Almen zur Rachlalm. 800 Gäste folgen, an jeder Station warten Musi, eine Brotzeit in der Sonne und lange Reden. Große Kraxeleien wie im Vorjahr, als Politiker, Beamte, Verbandsleute heftig schwitzten, sind nicht nötig.

Für Aigner ist das ein Heimspiel. Nicht mal Jürgen Trittin, das alte grüne Feindbild, ist heuer auf der Tour dabei. Ein bisserl Wahlkampf läuft also mit auf den Almen, zumal an der letzten Station auch noch Ministerpräsident Horst Seehofer wartet. Er ist erstmals dabei in 66 Jahren Hauptalmbegehung. Zu Aigners Gunsten ist aber zu sagen: Die Noch-Ministerin geht nicht nur in Wahljahren mit rauf.

Belohnt wird sie dafür verlässlich. Selten kann sich ein bodenständiger Politiker so gut inszenieren wie auf der Alm. Nach der Hauptalmbegehung 2012 druckten Zeitungen bundesweit oft das Foto, wie eine Kuh der lachenden Aigner leidenschaftlich den Arm abschleckt. Dazu Artikel über eine sympathische Oberbayerin, die das Zeug habe, politisch ganz den Gipfel zu erreichen.

Diesmal erklärt Aigner den Korrespondenten vom „Spiegel“ den Sinn eines Kuhgatters und von Sat 1 die Lage der Kampenwand, was beiden wohl schon klar war, aber immer sympathisch rüberkommt. Auch die Tierfotos gibt es wieder, wenn auch unter skurrilen Bedingungen: Die Kühe rennen heuer scheu davon, Aigner geht hinterher, die Fotografen laufen der Ministerin nach und ihre Sicherheitsleute den Fotografen. Es dauert, bis sich eine Kuh erbarmt und mit Aigner posiert. Als hätte sie Mitleid mit der Ministerin, die sonst vor allem für Dioxin im Ei, Hormone im Rind und Gammel im Fleisch zuständig ist.

Aigner hat hier viele Sympathien. „De mog i ganz gern“, sagt die Bäuerin auf der Erlbergalm über Aigner, „weil die für die Bauern no was macht.“ Nicht alle sind so begeistert. An einer Alm wird’s ruppig, als ein Milchbauer heftig über die „schwarze Politik“ schimpft, höhere Preise festgelegt haben will. Da rücken die Sicherheitsleute nah ran an Aigner, aber sie braucht sie nicht. In den Agrarthemen ist sie tief drin, zerpflückt unterwegs manchen Kritiker mit Argumenten. „Den kauf’ i mir“, murmelt sie dann.

Für die Bergbauern geht es ja gerade um viel. Es war ein ungünstiges Jahr bisher. Viele Unfälle, aktuell Wassermangel auf vielen Almen; dazu Unsicherheit über die Förderung. Aigner will für die Berglandwirte kämpfen, „sie gehören eindeutig zu den Gewinnern der EU-Agrarreform“, verspricht sie. Drastische Kürzungen der Direktzahlungen seien vom Tisch. Sie will sogar eine spezifische Förderung für Raufutterfresser in umweltsensiblen Gebieten.

Ihr künftiger Regierungschef Seehofer fährt zwar im Polizei-Jeep zur Alm, trifft aber sonst den Ton. Vor allem verspricht er, persönlich den Bau von Almwegen durchzusetzen. Wenn es wo ein Problem mit der Regierung von Oberbayern gebe, solle man sich an ihn wenden. Oder, in Aigners Worten: Die Kritiker neuer Wege sollten die Sachen doch mal persönlich rauftragen. „Vom g’scheit daherreden kommt des Zeug net rauf.“

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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