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AKW-Streit: Meiler laut Physikerin auf Sicherheit geprüft – „aber nach dem Stand der Achtziger“

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Von: Franziska Schwarz

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Kernkraftwerke Isar
Der Meiler Isar 2 nahe Landshut in Bayern. © Armin Weigel/dpa

Stresstest und Streckbetrieb: Der Streit um die Atomkraft geht weiter. Auf einer Pressekonferenz in München ist die Skepsis groß.

München - Markus Söder und Friedrich Merz drängen auf längere AKW-Laufzeiten. Nach Ansicht des bayerischen Ministerpräsidenten sollte das Kraftwerk Isar-2 nicht nur für drei Monate, sondern bis mindestens Mitte 2024 weiterbetrieben werden. Und der CDU-Chef formulierte, er habe „große Sympathien“ dafür, Brennstäbe für mindestens zwei oder vielleicht zwei bis fünf Jahre zu bestellen.

Beide Politiker betonten, dass ein Streckbetrieb den Betreibern zufolge möglich sei. Söder warf der Ampel-Koalition vor, Unwahrheiten über die Atomkraft zu verbreiten. So sei es durchaus technisch möglich, Isar-2 weiterzubetreiben, wie ein TÜV-Gutachten gezeigt habe - an diesem gab es allerdings auch Kritik. So auch aus einer Pressekonferenz (PK), zu dem Bund Naturschutz am 11. August München geladen hatte.

Das TÜV-Gutachten zeige eine für ihn „nicht akzeptable Diffusität“, kritisierte Atomrecht-Fachanwalt Ulrich Wollenteit auf der PK, vor allem in Bezug auf die geplanten Zeiträume. Als eine der „vielen Auffälligkeiten“ nannte er ein fehlendes Datum auf dem Dokument sowie dessen Länge von nur sieben Seiten. Er sieht beim TÜV „Befangenheit“ und äußerte den Verdacht, dass es sich um ein „Gefälligkeitsgutachten“ für Markus Söder (CSU) handeln könnte.

AKW-Zoff: Bundesministerium kritisiert TÜV-Gutachten

Der TÜV Süd hatte im April in einem als „Bewertung“ betitelten Papier geschrieben, dass er keine sicherheitstechnischen Bedenken gegen einen Weiterbetrieb von Isar 2 über das Jahresende hinaus habe - das Bundesumweltministerium bemängelte allerdings die Methodik stark.

Die Stellungnahme im Auftrag des bayerischen Umweltministeriums erfülle „grundlegende Anforderungen an Gutachten und seriöse Sachverständigenaussagen nicht und sollte deshalb nicht zur staatlichen Entscheidungsfindung herangezogen werden“, schrieb das Ministerium in einem internen Vermerk, der der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. Das bayerische Umweltministerium wies die Kritik zurück.

Was bedeutet „Streckbetrieb“?

Die Betreiber lassen ein AKW länger am Netz, verzichten aber auf neue Brennelemente. Das geht allerdings nur, indem sie eine verminderte Produktivität in Kauf nehmen: Der Reaktor verliert in diesem Prozess laufend 0,5 Prozent seiner Leistung pro Tag.

Längere AKW-Laufzeiten in Deutschland? „Die Meiler sind ermüdet“

„Windräder nein danke, Stromleitungen in der Erde, Gaswerke in Österreich“, mit diesen Worten erlaubte sich auch die Physikerin Karin Wurzbacher vom Münchner Umweltinstitut einen Seitenhieb gegen Söder. Sie betonte die Alterungsschäden an den mehr als 30 Jahren alten AKW in Deutschland. „Sie unterliegen einer Alterung und Ermüdung.“

Der Ansicht, im Alter würden die AKW sicherer, „weil man sie besser kenne“ und daher besser handhaben könnte, widersprach Wurzbacher heftig: „Bei Isar 2 wurde gar nicht erst nach Rissen geschaut - und die zwei anderen können ja keine Einzelfälle sein“, meinte sie. Die letzte umfassende Sicherheitsüberprüfung der noch aktiven drei deutschen Atommeiler liegt 13 Jahre zurück. In allen dreien besteht der Verdacht, dass sich durch Korrosion unerkannte Risse an sicherheitsrelevanten Rohren gebildet haben.

Deutsche AKW laut Physikerin „sicher nach dem Stand der Achtziger“

Auch die Physikerin Oda Becker konstatierte in der PK eine „mangelnde Sicherheitskultur im Zusammenhang mit der Restlaufzeit“.  Sie verwies darauf, dass die turnusmäßige umfangreiche Überprüfung der deutschen AKW eben 2009 stattfand. „Da galt noch ein Regelwerk aus Anfang der Achtziger - das heißt, sie sind sicher nach dem Stand der Achtzigerr“, kritisierte Becker.

Auch Heinz Smital von Greenpeace sprach sich in der PK entschieden gegen den Streckbetrieb aus und sagte: „Wir fordern, dass mit Sparen in Bayern endlich ernst gemacht wird.“ Zwei der Experten auf der PK argumentierten, dass AKW keine nennenswerten Mengen an Gas ersetzen können, sondern nur maximal ein Prozent des Verbrauchs insgesamt.

Wegen der Energiekrise ist eine Debatte um eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten entbrannt. Eigentlich ist vorgesehen, dass die Meiler Isar 2 in Niederbayern, Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg zum Jahresende außer Betrieb gehen. Die Ampel-Koalition hat eine etwas längere Nutzung nicht ausgeschlossen. Vor einer Entscheidung solle aber zunächst das Ergebnis des laufenden erneuten Stresstests zur Energieversorgung abgewartet werden, bekräftigte Kanzler Olaf Scholz (SPD). (frs)

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