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AKW Saporischschja: Droht Kernschmelz-Unfall? Wie sicher das Atomkraftwerk ist

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Saporischschja ist das größte Kernkraftwerk Europas. Die von Russland besetzte Anlage stand im Ukraine-Krieg unter Beschuss. Experten sind besorgt.

Enerhodar/München - Die Angriffe auf das AKW Saporischschja könnten eine Atomkatastrophe auslösen, glaubt Wolodymyr Selenskyj. Sind die Warnungen des ukrainischen Präsidenten im Ukraine-Krieg überzogen? Nach mehrmaligem Beschuss ist die Anlage beschädigt. Auch deutsche Nuklear-Fachleute sind äußerst beunruhigt.

„Wenn die russische Seite scheinbar damit anfängt, mit dieser Situation zu spielen, ist das extrem besorgniserregend“, äußerte sich Thomas Walter Tromm vom Karlsruher Institut für Technologie im Fernsehsender phoenix. Als größte Gefahr sah der Wissenschaftler einen Kernschmelz-Unfall an.

AKW Saporischschja unter Beschuss im Ukraine-Krieg: „Extrem gefährlich“

„Dieses Szenario wäre extrem gefährlich für die Ukraine, aber auch für die umgebenden Länder, je nachdem, wie die meteorologische Lage gerade ist“, so Tromm weiter. Auch eine vorübergehende Stilllegung des AKW Saporischschja sei möglich. „Aber das ist die größte Anlage in Europa und dominant in der Ukraine. Das würde das Land sehr hart treffen“, meinte Tromm.

Notwendig sei es jetzt, dass internationalen Atomexperten ungehinderter Zugang ermöglicht werde. Nur dann sei es möglich, sich einen Überblick zu verschaffen und die Frage zu beantworten, in welchem Zustand sich die Mitarbeiter befänden, und ob sie von der Seite von Kremlchef Wladimir Putin unter Druck gesetzt würden.

Saporischschja im Vergleich zu Tschernobyl oder Fukushima: Experten wägen ab

Allerdings habe die Ukraine nach dem Atom-Unfall im japanischen Fukushima bei den in Europa stattgefundenen Stresstests gut mitgearbeitet und Nachrüstungen vorgenommen. „Gegen kleinere Raketenangriffe ist die Anlage sehr gut geschützt“, war Tromm überzeugt.

Ähnlich äußerte sich Jewhenij Zymbaljuk. Er ist Kiews Botschafter bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Ein Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja wäre beispiellos. „Was dann im Radius von 40 oder 50 Kilometern um das Kraftwerk passieren würde, wäre mit Tschernobyl und Fukushima absolut nicht vergleichbar“, sagte Zymbaljuk laut dpa.

AKW Saporischschja: Welche Schutzmaßnahmen gibt es?

Laut Nuklear-Experten ist Saporischschja durch einen getrennten Kühlkreislauf und eine besondere Schutzschicht besser geschützt als die zwei Unfall-Akw Tschernobyl und Fukushima. Einem gezielten militärischen Angriff würde Saporischschja jedoch wohl nicht standhalten.

Hintergrund: Im ukrainischen AKW Tschernobyl kam es 1986 zu einer verheerenden Kernschmelze. 2011 lösten ein Erdbeben und ein Tsunami eine weitere Atomkatastrophe im japaniscen Kraftwerk Fukushima Daiichi aus.

Gefechte um Saporischschja: Das sagt das Bundesamt für Strahlenschutz

Nach Kenntnis des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) ist aus Saporischschja bislang keine radioaktive Strahlung herausgedrungen oder nach Deutschland gelangt. Laut BfS bewegten sich alle vorliegenden radiologischen Messwerte „im normalen Bereich“, erklärte es gegenüber den Funke-Zeitungen vom 9. August.

„Das BfS sieht keine akute Gefahr einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen, teilt aber die Sorge um einen dauerhaft sicheren Betrieb des Akw Saporischschja“, hieß es weiter. In Deutschland misst die Behörde routinemäßig die natürliche Strahlenbelastung. „Würde der gemessene Radioaktivitätspegel an zwei benachbarten Messstellen einen bestimmten Schwellenwert überschreiten, würde automatisch eine Meldung ausgelöst.“

Möglicher Atomunfall in Saporischschja: Notfallmaßnahmen in Deutschland

Für den Fall, dass radioaktive Stoffe infolge einer Freisetzung in einem ukrainischen Kernkraftwerk nach Deutschland gelangten, „würden sich die Notfallmaßnahmen voraussichtlich auf die Landwirtschaft und die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte beschränken“, teilte das Bundesamt weiter mit.

Nach den Berechnungen des BfS sei „nicht zu erwarten, dass weitergehende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung notwendig wären“.

Ein russischer Soldat steht auf dem Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja.
Ein russischer Soldat auf dem AKW-Gelände Saporischschja. © ANDREY BORODULIN/AFP

AKW-Unfälle allgemein: Wetter hat Einfluss auf Radioaktivität

Entscheidend für die Verbreitung radioaktiver Stoffe sei die Wetterlage. Laut BfS bewegten sich aus der Ukraine „in der Vergangenheit nur an etwa 60 Tagen im Jahr die Luftmassen nach Deutschland - also in 17 Prozent der Wetterlagen“.

Die russischen Besatzungstruppen stationieren eigenen Angaben zufolge Luftabwehrsysteme nun rund um die Saporischschja-Anlage. Moskau und Kiew hatten sich in den vergangenen Tagen wiederholt gegenseitig für Angriffe auf das AKW verantwortlich gemacht. Unabhängig lassen sich die Angaben nicht überprüfen.

Das Atomkraftwerk Saporischschja verfügt über insgesamt sechs Blöcke mit einer Gesamtleistung von 5700 Megawatt. Damit ist es das leistungsstärkste Kernkraftwerk in Europa. Bis zum Beschuss am Wochenende waren davon laut ukrainischen Angaben noch drei Blöcke in Betrieb.

Wie hoch ist das Risiko einer Nuklear-Katastrophe durch das AKW Saporischschja? Der Chef der Atomenergiebehörde warnt vor einer „immer gefährlicheren“ Lage. Beim Besuch der beiden Nationen im Oktober 2022 betätigt sich der Argentinier als Vermittler. (AFP/dpa/frs)

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