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AKW Saporischschja: Ukraine-Russland-Streit im Lichte einer „selbstmörderischen“ Nuklearkatastrophe

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Von: Andreas Schmid

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Das Atomkraftwerk Saporischschja: Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin
Das Atomkraftwerk Saporischschja: Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin (hier auf einem Archivfoto von 2019) werfen mit gegenseitigen Vorwürfen um sich. © IMAGO/Zuma Wire//Ian Langsdon/EPA Pool/AP/dpa (Montage)

Russland und die Ukraine beschuldigen einander, auf das AKW Saporischschja zu feuern. Beide warnen vor einer Katastrophe – tragen dadurch aber nicht zur Entspannung bei.

Enerhodar/Saporischschja – Kiew, Butscha, Mariupol: im nunmehr fast ein halbes Jahr andauernden Ukraine-Krieg avancieren bestimmte Orte und Regionen regelmäßig zum militärischen Zentrum der russischen Invasion. Im August 2022 dreht sich im eskalierten Ukraine-Konflikt vieles um die Kleinstadt Enerhodar. Dort steht das Atomkraftwerk Saporischschja, das leistungsstärkste Europas. Es wird derzeit immer wieder beschossen.

„Selbstmörderischer“ Streit: Beschuss von AKW Saporischschja

Seit März besetzt Russland das AKW. Die Meiler liegen am Fluss Dnipro im Süden der Ukraine, unweit der Städte Nikopol und Saporischschja. Beide konnten noch nicht von Russland eingenommen werden. Macht sich der Kreml dafür das AKW zu eigen? Der vor allem aus der Ukraine geäußerte Vorwurf: Russland schießt vom AKW aus in Richtung Ukraine. Die wiederum könne nicht zurückfeuern, da sonst eine nukleare Katastrophe drohe. So weit die bisherige Argumentation, nun droht die Situation zu eskalieren.

Tatsächlich sind die Meiler des AKWs bereits mehrfach beschossen worden. Von wem, ist unklar. Russland und die Ukraine machen einander dafür verantwortlich. Beide Kriegsparteien beschuldigten sich am Donnerstag zudem gegenseitig, für Freitag einen Anschlag zu planen. UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete den Beschuss am AKW als „selbstmörderisch“. Bei einem Dreiergipfel mit Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj und Türkeis Staatschef Recep Tayyip Erdogan forderte er am Donnerstag eine entmilitarisierte Zone rund um die Atomanlage. Auch Selenskyj machte Druck – Russland erteilte Verhandlungen allerdings eine Absage.

Die Vereinten Nationen müssen die Sicherheit dieses strategischen Objekts, seine Entmilitarisierung und seine vollständige Befreiung von den russischen Truppen gewährleisten.

Selenskyj am Donnerstag in Richtung UN mit Blick auf das AKW Saporischschja

Russland lehnt AKW-Forderungen ab: Erdogan spricht von „weiterem Tschernobyl“

Russland werde nicht auf die Forderungen eingehen, hieß es schon vor dem Dreiergipfel am Donnerstag aus dem Kreml. Das Atomkraftwerk sei sicherer, wenn es von Russland kontrolliert werde, sagte ein Sprecher des russischen Außenministeriums. Die Sicherheit des AKWs ist derzeit das entscheidende Thema. Erinnerungen an die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 kochen hoch. „Wir sind besorgt“, sagte Erdogan am Rande der Gespräche am Donnerstag. „Wir wollen kein weiteres Tschernobyl.“ Für allzu große Entspannung sorgte das Dreiertreffen im westukrainischen Lwiw allerdings nicht. Das liegt auch an neuen Aussagen des Kreml.

Aufräumarbeiten nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986
Aufräumarbeiten nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Am 26. April 1986 kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl zum Super-GAU. Der Reaktormantel explodiert, Trümmer und radioaktives Material werden nach außen geschleudert, eine nukleare Wolke breitet sich über weite Teile Europas aus. © dpa/Archiv via picture alliance

Atomkraftwerk Saporischschja: Moskau und Kiew warnen vor Katastrophe

Russland warnte am Freitag erneut vor einer Katastrophe am AKW Saporischschja. Das ukrainische Militär beschieße das AKW mit von den USA gelieferten Waffen, sagte der Sekretär des russischen nationalen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax. „Wenn es zu einer Katastrophe kommt, dann werden die Folgen in allen Ecken der Welt zu spüren sein.“ Dass es ohne den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gar keine Gefahr für das größte AKW Europas geben würde, sagte Patruschew nicht.

Kiew wiederum warnte vor erneuten russischen Provokationen. Der ukrainische Militärgeheimdienst meldete am Donnerstagabend, dass Russland für Freitag Sabotageakte im AKW Saporischschja plane. Ein befürchteter Beschuss der Meiler blieb zunächst aus. Auch Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), warnte bereits vor der „sehr realen Gefahr einer nuklearen Katastrophe“.

Ukraine-Verhandlungen rund um AKW-Saporischschja: Putin plötzlich offen?

Das Atomkraftwerk Saporischschja ist derzeit der Knackpunkt möglicher Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Die aktuelle Kriegsdiplomatie kommt aber immer wieder mit Drohungen daher. So teilte der ukrainische Kraftwerksbetreiber Energoatom mit: „Es gibt Informationen, dass die russischen Besatzer planen, den Betrieb der Reaktoren zu stoppen und sie von den Versorgungsleitungen des ukrainischen Energiesystems abzuschneiden.“

Ein weiterer Streitpunkt ist der AKW-Zugang für eine unabhängige Expertenrunde der Internationalen Atomenergie-Organisation. Russland lehnte das lange mit dem Sicherheitsargument ab, ehe sich Kremlchef Wladimir Putin am Freitagnachmittag überraschend offen zeigte. Nach einem Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach sich Putin für eine Inspektion der Meiler durch Vertreter der Atomenergiebehörde aus. Russland sichere die „erforderliche Mithilfe“ zu, gab der Kreml bekannt.

Unklar bleibt aber, wie die Experten zu dem Werk gelangen könnten. Russland will die im Kriegsverlauf eroberten Gebiete rund um das AKW nicht räumen, wie von der UN gefordert. Grünen-Politiker Jürgen Trittin sagte am Freitag: „Nur wenn es eine unabhängige Kontrolle vor Ort gibt, kann die Melange aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Kriegspropaganda geklärt werden.“ Eine Melange, die wohl noch weiter bestehen wird.

Wie hoch ist das Risiko einer Nuklear-Katastrophe durch das AKW Saporischschja? Der Chef der Atomenergiebehörde warnt vor einer „immer gefährlicheren“ Lage. Beim Besuch der beiden Nationen im Oktober 2022 betätigt sich der Argentinier als Vermittler. (as)

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