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Neue Erscheinung: Optisch ist Alexander Dobrindt die Verwandlung bereits gelungen. In Berlin muss der künftige Bundesminister nun sein Rüpel-Image loswerden.

Der Feind in meinem Kabinett

Darum wird Dobrindt unterschätzt

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München - In weiten Teilen der Republik wird die Personalie Entsetzen auslösen: Wie kann die CSU nur diesen Dobrindt in die neue Bundesregierung schicken? Der Oberbayer gilt als tumber Rüpel – und wird unterschätzt.

Manchmal werden selbst in der Politik Versprechen gehalten. Sogar nach mehr als zwei Jahren. Es ist März 2011, als Alexander Dobrindt einen Karriereschritt wittert. Der ehrgeizige Peißenberger nimmt Anlauf, Hans-Peter Friedrich als Chef der mächtigen CSU-Landesgruppe zu beerben. Doch der Parteichef redet auf ihn ein. Horst Seehofer braucht ihn an der Nymphenburger Straße München. Er hat längst erkannt: Dieser Dobrindt mag nach außen mit dem Dampfhammer agieren, in der Parteizentrale ist er ein kluger Stratege und ein gewiefter Organisator. Ein Generalsekretär habe ohne Wahlen nichts erreicht, lockt Seehofer. Dobrindt solle sein „Werkstück“ zu Ende machen. Die Doppelwahl 2013. Dann werde er ihn zum Bundesminister machen.

Jetzt hat Seehofer Wort gehalten. Dobrindt wird am Sonntag in der Ministerriege der CSU auftauchen. Vielleicht als Landwirtschaftsminister, vielleicht aber auch als Mautbeauftragter im Verkehrsministerium. So oder so. Seehofer sieht in ihm den stärksten seiner Statthalter in der Hauptstadt.

Und die Republik stöhnt auf. Die Linke nennt ihn einen „politischen Quartalsirren“, die SPD „Doofbrindt“. Für einen CSU-General sind das Adelungen, falsch bleiben sie trotzdem. Dumm nämlich ist Dobrindt keineswegs. Er kalkuliert seine Grobheiten eiskalt. In Interviews wägt er Schmähungen sauber ab, ehe er sie ausstößt, räuspert sich vorher professoral für ein paar Sekunden Denkpause. Dass das Ergebnis dann trotzdem grobschlächtig ist, rechnet er ein. Es sind Grüße an den harten Kern der CSU-Basis, der auf sowas steht.

Das beste Beispiel sind die Pädophilie-Vorwürfe gegen die Grünen. Dobrindt hatte in den Wochen vor der Bundestagswahl systematisch die Debatte über frühere Kindersex-Aktive bei der Partei am Kochen gehalten. Er formulierte so provokant, dass es zum Rechtsstreit mit den Grünen kam. Es war nicht der heilige Zorn, der ihn dazu trieb, sondern die kühle Kalkulation: Auch wegen der Pädo-Debatte brachen die Grünen bei der Bundes- wie Landtagswahl drastisch ein. Bezeichnend: Seitdem sind die Vorwürfe kein Thema mehr. Zweck erfüllt.

„Dobrindt hat als Generalsekretär immer wieder gerne auch unter der Gürtellinie agiert“, schnaubt Bayerns Grünen-Vorsitzender Dieter Janecek. „Als Minister wird man ihn nicht an Sprüchen, sondern an Taten messen. Gut so.“ Doch auch als General stimmte für Dobrindt die Bilanz. Zwar gelang die Organisation des Doppel-Wahlkampfs bei genauem Hinsehen längst nicht so toll, am Ende zählt aber, im Bund wie in Bayern, zu regieren. Parteichef Seehofer lässt, für die Spitzenpolitik ungewöhnlich, Dobrindt viel von diesem Ruhm. Der General habe alles allein vorbereitet und nur ab und zu einen Zettel rübergeschoben mit Slogans, die Seehofer abnickte.

Dobrindt hat das halt auch gelernt, den Beruf Politik. Der Abschluss „Diplom-Soziologe“ ist nebensächlich. Die „FAZ“ stichelte dazu neulich: „Früher hieß es in der CSU: Wenn schon Diplom, dann Diplombrauer.“ Dobrindt tut zwar gern so, als sei ihm Karriere egal. „Ich strenge mich an, Bundestagsabgeordneter zu bleiben“, untertreibt er bei Fragen nach dem Ziel. Dafür reibt er sich aber ziemlich auf. Parallel zu Seehofers Versprechen erfand sich Dobrindt vor zwei Jahren neu. Durch eisernen Verzicht speckte er 19 seiner 97 Kilo ab, leerte den Schrank voller Trachtenjanker (nur noch die Socken passten) und hängte sich neue, leicht extravagante Anzüge rein. Die neue Intellektuellen-Brille („krass“ steht drauf) trägt er jetzt ständig, was man mit nur einer Dioptrie nicht müsste.

Der neue Woody Dobrindt sieht schick aus zwischen den anderen moppeligen, mondgesichtigen Generalsekretären. Zum Amt gepasst hat der Wandel bisher noch nicht – zum neuen Ministerposten aber sehr wohl. Es war wohl eine Langfrist-Planung.

Ob sie aufgeht? Den Ballast der Generalszeit wird Dobrindt schwerer los als seine 19 Kilo. Mehrfach schoss er übers Ziel hinaus: Den EZB-Präsidenten Draghi beschimpfte er als „Falschmünzer“, den Münchner OB Ude als „charakterlich ungeeignet“ fürs Amt des Ministerpräsidenten, seinen neuen Freund Sigmar Gabriel als „übergewichtig und unterbegabt“. Auch in der CSU wurde da skeptisch gestreut, Dobrindt lege das Amt nicht zeitgemäß aus, sei medial schlecht beraten. Vorgänger Markus Söder hätte ihm als mahnendes Beispiel dienen können, dem sein Rüpel-Image aus Generalsekretärszeiten ewig anklebte. Dobrindt stellte zwar im Frühjahr einen eigenen Pressesprecher ein, änderte aber wenig an seinen Rumpeleien.

„Sein Wahlkampf war gut, allein schon weil er erfolgreich war“, sagt selbst Oppositionsführer Markus Rinderspacher zähneknirschend. Dobrindt habe es geschafft, landespolitische Schwächen mit bundespolitischen Themen wie der Maut zu überdecken. „Aber ein guter Wahlkämpfer ist noch lange kein guter Minister.“

Die nächsten Wochen werden nun entscheidend für Dobrindt. Die CSU-Nestwärme nach dem Wahlerfolg und das zuletzt beinahe penetrante Lob Seehofers halten in Berlin nicht lange vor. Die Hauptstadtpresse wartet nur auf seinen ersten Fehler.

Christian Deutschländer und Mike Schier

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