"Alliierte wollten diesen Blutzoll"

- Deutschland im Bombenkrieg - lange gab es keine ernst zu nehmende Studie zu diesem doch nahe liegenden Thema. Der Historiker Jörg Friedrich hat sie vor gut zwei Jahren mit seinem Buch "Der Brand" endlich geliefert. Im Interview spricht er über die Luftangriffe auf Dresden.

<P>Zum 60. Jahrestag ist vom "Bomben-Holocaust" die Rede. Wie packt man das Thema seriös an?<BR><BR>Friedrich: Es gibt eine fundamentale Unsicherheit beim Umgang mit dem Thema. Die Mehrzahl der Deutschen versteht die Luftangriffe als eine Sühne für die Judenvernichtung. Das ist ein Zusammenhang, der im moralischen Haushalt der Deutschen spontan angestellt wird. Beide Vorgänge - Auschwitz und Dresden - geraten in eine Bilanzierung. Diese Holocaust-Bombenkrieg-Verrechnung, wie ich es nenne, ist die zentrale Verarbeitungsform des Zweiten Weltkriegs für die Deutschen.<BR><BR>Demnach wäre der Bombenkrieg die gerechte Strafe für begangene Schandtaten.<BR><BR>Friedrich: Genau. Die Deutschen sind gewissermaßen selbst schuld. Wer sich mit dem Bombenkrieg beschäftigt, überschreitet daher eine Immunschranke. Die 72 000 Kinder, die im Bombenkrieg starben, haben aber mit Auschwitz und der Weltkriegs-Entfesselung nichts zu tun. Der Tod war willkürlich, sinnlos, ungerecht. Es gibt keine einzige britische Luftkriegs-Akte, in der steht: Und nun veranstalten wir Dresden und Hamburg und Pforzheim, um Auschwitz, Treblinka und das Massaker von Babi Jar zu vergelten. Der Überlebende des Warschauer Ghettos, Marcel Reich-Ranicki, hat gesagt: Es war für ein Kind, das in der Gaskammer von Auschwitz starb, nicht anders als für ein Hamburger Kind, das durch Kohlenmonoxid in einem Keller während des Feuersturms starb. Das Leiden der Individuen ist parallel. Diese Parallele ist unerklärlich. Darum hat die NPD diesen verfluchten Vorteil, wenn sie einen provokanten Begriff einwirft. Wir haben keinen Begriff, den wir dagegenstellen könnten.<BR><BR>Ist die Zahl der Toten wissenschaftlich geklärt?<BR><BR>Friedrich: In Deutschland gibt es zwei Gruppen, die an den Zahlen herumdoktern. Da gibt es rechtskonservative Kreise, denen es ein tiefes Herzensbedürfnis ist, die Zahl der Toten zu vergrößern, überspitzt gesagt am besten bis zu der Zahl von sechs Millionen Toten, um so der Zahl der vernichteten Juden etwas entgegensetzen zu können. Das sind die Heraufrechner. Es gibt auch die Herunterrechner, die sich 25 000 und weniger wünschen. Entscheidend aber ist: Was konnte ein Angriff auf eine Stadt mit vielleicht 800 000 Anwesenden für einen Blutzoll verursachen? Wenn man bedenkt, das selbst die Atombombe in Hiroshima mit Millionen Einwohnern eine Tötungszahl von etwa 80 000 erreichte, dann ist es undenkbar, dass im sehr viel kleineren Dresden mit den Mitteln des konventionellen Feuerangriffs eine Zahl von 100 000 Getöteten erreicht werden konnte. Seriös kalkulierbar ist eine Zahl von 35 000 Toten, dazu gibt es einen Unsicherheitsfaktor von zehn bis maximal 30 Prozent. Alles andere ist undenkbar.<BR><BR>Warum der Angriff auf Dresden, eine Stadt weitab von den Fronten?<BR><BR>Friedrich: Weitab von den Fronten? Dresden lag zur Zeit des Angriffs nur 100 bis 150 Kilometer gegenüber der ersten ukrainischen Heeresgruppe, die zu dieser Zeit Schlesien eroberte und Breslau einkesselte. Insofern war über die Bahnlinie Dresden-Breslau theoretisch Verstärkung zu transportieren. Doch die verfügbare Reservearmee - Volkssturm-Leute, Deserteure, Lehrlinge und Hitler-Jugend, insgesamt 300 000 Mann - hatten die Rheinlinie und die Ruhrindustrie zu schützen. Selbst wenn sie samt und sonders über Dresden nach Breslau und an die Ostfront transportiert worden wäre, dann hätte das an den Kräfteverhältnissen nichts geändert. Die Überlegenheit der Roten Armee war eine fünffache bei der Mannschaftsstärke, eine siebenfache bei der Artillerie, eine fünffache bei Panzern und eine 17-fache bei Flugzeugen. An dieser Feuerwalze, die auf das Reich zuraste, hätten die 300 000 nicht das Mindeste ändern können. Alle Debatten über das Buch des britischen Historikers Frederick Taylor, der die militärische Bedeutung Dresdens betont, müssen das zur Kenntnis nehmen. Bestürzend ist, dass das Buch von Taylor diese Kräfteverhältnisse überhaupt nicht nennt. Es ist eine Gespensterdebatte, zu glauben, dass der industrielle Rüstungsausstoß von Dresden am Ausgang der Berlin- und Oder-Schlacht etwas hätte ändern können.<BR><BR>Was war dann das Motiv?<BR><BR>Friedrich: Die Zerstörung Dresdens wurde auf der Jalta-Konferenz (4.-11. Februar 1945) beschlossen. Nicht dass die Stadt genannt worden wäre. Beschlossen wurde aber die Tatsache, dass im deutschen rückwärtigen Gebiet ein massiver Angriff stattfinden soll.<BR><BR>"Dresden war der Auftakt zum Konfrontationsszenario des Kalten Krieges."<BR>Jörg Friedrich</P><P>Seit September 1944 hatte sich das britische Bomber Command auf die Vernichtung von Wohnfläche und Bevölkerung durch Brandangriffe konzentriert. Ich nenne hier Heilbronn, Darmstadt, Freiburg, Hildesheim, Pforzheim, Würzburg, Halberstadt. Aber keiner dieser Angriffe spielte eine Rolle bei Überlegungen von Staatsmächten auf den großen Gipfelkonferenzen. Warum dann der Angriff? Vergegenwärtigen wir uns die politische Situation: Anfang 1945 gibt es ein Ersuchen der Russen an die Westmächte, an der Ostfront einen Beitrag zu leisten am Vorstoß auf Berlin. Von den Westmächten wird das abgelehnt. Sie sind dazu nicht in der Lage, weil sich die Offensive im Westen verlangsamt hatte. In der Zeit, in der die amerikanischen Truppen 60 Kilometer vorrückten, schafften Stalins Truppen 350 Kilometer - von der Weichsel bis zur Oder. Das heißt, die britisch-amerikanische Kriegskoalition musste feststellen, dass die Beute vor allem von der Roten Armee gemacht wurde.<BR><BR>Dem wollten Briten und Amerikaner etwas entgegensetzen, deswegen der Angriff auf Dresden?<BR><BR>Friedrich: Es gibt einen Briefwechsel von Churchill mit Roosevelt, dass die Westmächten so viel Boden besetzen müssten wie möglich, weil es sich bereits abzeichnete, dass die Befreiungsarmee im Osten alles andere als einen Zustand der Befreiung herbeiführte. Sie merkten auch am Verhalten dieser sowjetischen Vertreibungs-, Vergewaltigungs- und Plünderungshorde, dass es hier der Herr des Gulags war, der den Herrn von Auschwitz bezwang. Den Donnerschlag auf Dresden deute ich wie auch der britische Experte Max Hastings als Demonstration der Allgewalt der westlichen Luftstreitkräfte, die hier ein Zeichen setzen wollten für Stalin und die Rote Armee - dass es also den Westmächten möglich wäre, jederzeit im sowjetischen Herrschaftsbereich zu intervenieren. Letztlich ist das das Konfrontationsszenario des Kalten Krieges. Für mich ist Dresden der Auftakt dazu.<BR><BR>Warum steht Dresden als Metapher für den Bombenkrieg, warum nicht Pforzheim, wo im Verhältnis noch mehr Einwohner getötet wurden? Und warum gab es keinen Extremangriff gegen Berlin?<BR><BR>Friedrich: Der Feuersturm auf Berlin wurde ja versucht. Allerdings war dieses Steingebirge mit seinen vier Millionen Einwohnern, seinen breiten Straßen, soliden Häusern, seinen Flüssen und Kanälen, die mehr Wasserwege hatten als Venedig, außerordentlich schwer zu treffen. Jedenfalls hätte es keine relevanten Tötungszahlen gegeben. Berlin war eine zu harte Nuss. Man hätte es allenfalls mit einer Atombombe bewirken können. Es waren diese kleineren Städte mit ihren von Holzmaterialien geprägten winkeligen Vierteln wie etwa Pforzheim, die sich für Angriffe hervorragend eigneten. Hinzu kam: Berlin war als Reichshauptstadt massiv verteidigt, Dresden fast unverteidigt. Die 800 Maschinen, die Dresden in der Nacht 13./14. Februar in zwei Wellen angriffen, hatten nur sechs Ausfälle. Im unverteidigten Dresden wäre jeder Präzisionsangriff aus der Luft möglich gewesen mit wenigen Verlusten in der Bevölkerung, auf gar keinen Fall mit einem Blutzoll von 30 000 bis 40 000 Toten. Aber es lag in der Anlage des Angriffs, einen solchen Blutzoll zu erreichen.<BR><BR>Ist das der Grund, warum Dresden als Metapher für den Bombenkrieg schlechthin gilt - weil sich hier angeblich das wehrlose Deutschland zeigt?<BR><BR>Friedrich: Der Zweite Weltkrieg ist geprägt von Metaphern, die sich mit Städtenamen verbinden. Da ist der Warschauer Aufstand, die Hungerblockade in Leningrad mit einer Million Toten, da ist Hiroshima und da ist Dresden. Hiroshima und Dresden unterscheiden sich fundamental. Hiroshima war eine entsetzliche Demonstration der amerikanischen Zerstörungskapazität, und zwar mit einem klaren militärischen Ziel: Man wollte die Kapitulation Japans herbeiführen, man mag sagen herbeifoltern, um die Landungsverluste von amerikanischen Soldaten gering zu halten. Man rechnete mit bis zu 200 000 toten GI's. Die GI's wurden geschont durch die Tötung der 80 000 Einwohner von Hiroshima, der 40 000 von Nagasaki. Dresden ist eine andere Metapher. Sie steht für den Selbstzweck von Zerstörung. Es war ein zu 99,99 Prozent nicht mehr zu verlierender Krieg, dem hier in der militärisch völlig unbedeutenden Stadt eine Blutkrone aufgesetzt wurde.<BR><BR>An Sie wurde der Vorwurf gerichtet, Sie würden in Ihrem Buch durch Verwendung verfänglicher Begriffe die NS-Zeit relativieren. Wie sind Sie damit umgegangen?<BR><BR>Friedrich: Ein einziges Wort aus meinem Buch ist immer wieder thematisiert worden: Krematorium. Nun: Nicht bei jedem Krematorium gibt es rundherum ein Vernichtungslager wie in Auschwitz. Dieses Wort fiel in einem Zusammenhang, nämlich bei der Beschreibung der Temperaturverhältnisse im Keller eines vierstöckigen Hauses. Wie überträgt sich die Hitze dieses Hausbrandes auf die Hausgemeinschaft, die in die zunächst kühlen Kellergewölbe geflüchtet ist und binnen zwei, drei Stunden zu Tode geröstet und pulverisiert wird. Dies ist die Funktionsweise einer Menschenverbrennungsanlage oder auch: eines Krematoriums. Ich habe mir diese Wortwahl nicht vorzuwerfen.<BR><BR>Das Gespräch führte Dirk Walter.</P>

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