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Merkel - ohne ihn beim Namen zu nennen - über Trump: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei"

Kommentare zur Kanzlerin

Wie die internationale Presse Merkels Bierzelt-Rede zu Trump sieht

München - "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei" - mit diesem Satz über Donald Trump hat Angela Merkel auf der Truderinger Festwoche für ein gewaltiges Echo gesorgt. Auch in der internationalen Presse.

Update vom 30. Mai: Aus den englischsprachigen Ländern gibt es mittlerweile weitere Reaktionen auf Angela Merkels Bierzelt-Rede - sie fallen ganz überwiegend sehr positiv aus.

Merkel habe „Tacheles geredet“ und „die Antwort auf den Bulldozer-Präsidenten kam aus einem Bierzelt in München“: Angela Merkels Bierzelt-Rede schlägt in der internationalen Presse mindestens genauso hohe Wellen, wie der beinahe gescheiterte G7-Gipfel. Bahnt sich nun wirklich eine neue Ära in den transatlantischen Beziehungen an? Damit beschäftigen sich viele Kommentatoren. Hier eine Auswahl der Kommentare - auch zum G7-Gipfel.

„El País“ (Spanien): Merkel zeigte sich beim G7 noch diplomatisch

„Der G7-Gipfel von Taormina ist - wie vorhersehbar war - gescheitert. Mit seiner Haltung während der Sitzung hat Donald Trump erneut gezeigt, dass seine Ideen (sie in die Kategorie Politik zu erheben wäre übertrieben) potenziell ein schweres Hindernis für den internationalen Handel und für jede Initiative darstellen, die den Klimawandel aufhalten will (...). Als Angela Merkel die Verhandlungen als „schwierig und unzufriedenstellend“ bezeichnet hat, hat sie sich wahrscheinlich noch diplomatisch gezeigt.“

„La Repubblica“ (Italien): Ungewöhnlich schonungslose Sätze

„(Merkel) hat Tacheles geredet mit Blick auf das Benehmen des amerikanischen Präsidenten. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt“, also in der Auseinandersetzung mit Trump während dessen ersten zwei Etappen in Europa, auf dem Nato-Gipfel von Brüssel und beim Gipfel der großen Sieben auf Sizilien. Und die Kanzlerin hat, nicht zufällig, einen Satz wiederholt, den sie bereits anderentags bei der Ankunft von Trump gesagt hatte: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“. Ungewöhnlich schonungslose Sätze für die christdemokratische Anführerin, die normalerweise dazu neigt, versöhnliche und mildere Töne anzuschlagen.“

"Libération" (Frankreich): Merkel und Macron als „Power Couple“

"Macron weiß Trump die Hand zu schütteln, die Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen und Freundschaften zu pflegen. Das diplomatische Ballett, das er zusammen mit Merkel aufgeführt hat, zeugt von Können. Die beiden europäischen Partner scheinen bereits ein wahres 'Power Couple' zu bilden (...). Macron, der kleine Neue, bietet Trump bei der Klimafrage einen möglichen, das Gesicht wahrenden Ausweg an, während Merkel den US-Präsidenten an die harte Realität erinnert. Wir werden diese Woche sehen, ob Trump die ausgestreckte Hand im Namen der gegenseitigen Interessen ergreift."

„De Tijd“ (Belgien): Merkel hat die Nase voll von Trump

„Die Antwort auf den Bulldozer-Präsidenten kam aus einem Bierzelt in München. Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte fest, die „Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei“. Und sie schlug gleich ein neues Kapitel auf: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen“.

Die deutsche Kanzlerin hat erkennbar die Nase voll vom amerikanischen Präsidenten. Nach einem bemerkenswerten Besuch im Weißen Haus, bei dem Merkel bereits sichtlich von ihrem Gastgeber genervt war, seinen Auftritten im neuen Nato-Gebäude und beim G7-Gipfel in Taormina, reicht es Berlin nun. Washington wird nicht länger als vertrauenswürdiger Mitstreiter angesehen. Europa muss nun allein weitermachen. In aller Freundschaft übrigens. Merkel ist keine Frau, die Menschen von vornherein ausschließt. Aber sie ist auch jemand, der einmal getroffene Entscheidungen nicht so leicht wieder ändert. Das Bierzelt in München könnte daher sehr wohl ein Wendepunkt in den transatlantischen Beziehungen sein.“

„The Times“ (Großbritannien): Trump wird leicht unterschätzt

„Der europäische Teil seiner Auslandsreise hat jedem, der das vielleicht noch bezweifelte, gezeigt, dass dieser Präsident leicht zu verhöhnen ist. Zugleich ist er aber auch leicht zu unterschätzen. Seit er ins Oval Office kam, hat er in Sachen China rasch gelernt und still und leise davon Abstand genommen, mit China einen Handelskrieg anzufangen oder Peking als Währungsmanipulator zu brandmarken, obwohl er das im Wahlkampf versprochen hatte. Auf Anraten Kanadas und Mexikos hat er klugerweise darauf verzichtet, das Freihandelsabkommen für Nordamerika in Stücke zu reißen. Und er hat die Sanktionen gegen Russland wegen der Annexion der Krim aufrechterhalten. Die Nato hat er nun zwar beunruhigt, indem er die gegenseitige Verteidigungsgarantie nicht ausdrücklich bekräftigte. Und er hat die G7 beunruhigt, indem er sich nicht zum Klimavertrag von Paris bekannte. Doch beides wäre immer noch möglich - und es wäre klug von ihm, wenn er es täte.“

„Politiken“ (Dänemark): Donald Trumps erste Reise eine weitere Enttäuschung

„Auf dem G7-Treffen bestätigte Trump nur seine mangelnde Führungskraft, als er die Verpflichtung der USA zum globalen Klimaabkommen von Paris hinauszögerte. Trumps neun Tage lange Tour durch den Nahen Osten und Europa zerstörte jede Illusion, dass er vielleicht besser ist als befürchtet. Er ist genauso schlimm wie befürchtet.“

„Tages-Anzeiger“ (Schweiz): Trumps Furor nicht noch befeuern

„Angesichts der gewaltigen Differenzen und Trumps quälender Selbstgefälligkeit wird sich mancher Präsident oder Regierungschef mittlerweile die Frage stellen, ob sich ein Meinungsaustausch mit ihm überhaupt noch lohnt. Der Frust ist verständlich - und doch hätte es fatale Folgen, gäbe man ihm nach. Was wäre gewonnen, wenn sich die deutsche Kanzlerin ähnlich arrogant aufführte wie der Selbstdarsteller aus Washington? Wenn auch Emmanuel Macron plötzlich anfinge zu drängeln? Dem Egozentriker den Dialog zu verweigern, hieße, ihn noch aufzuwerten und seinen Furor zu befeuern.

Es bleibt deshalb nichts anderes übrig, als im Gespräch zu bleiben. Das ist kein Plädoyer dafür, sich an Trump zu gewöhnen, Rüpeleien, Banalität und Sexismus hinzunehmen oder, etwa in der Klimapolitik, einfach stehen zu bleiben. Im Einzelfall sind sogar sehr viel deutlichere Widerworte nötig. Zugleich heißt es aber, anzuerkennen, dass die Existenz dieses US-Präsidenten real ist.“

„Adevarul“ (Rumänien): Merkel schafft neue Grundlage für das EU-Projekt

„Wir können in dieser durch ihre Radikalität scheinbar unerwarteten Äußerung (Merkels) nicht den Ausdruck eines Systembruchs sehen, sondern eines Übergangs in eine neue Phase der Evolution, die der deutsch-französische Motor angekündigt hat - nämlich die Schaffung einer neuen Grundlage für das europäische Projekt.“

Ministerpräsidentin Erna Solberg gegenüber NRK (Norwegen): Wir sind voneinander abhängig

„Wir können die Unterstützung anderer nie für selbstverständlich nehmen, aber ich finde, es ist allzu früh, die Nato und die Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg abzuschreiben. Wir sind voneinander abhängig, und ich glaube, die Amerikaner werden das bald deutlich machen. Auch wenn sie meinen, dass wir mehr für die Vereidigung bezahlen sollen. Es ist nicht das erste Mal, dass das geschieht, auch frühere Präsidenten haben das gefordert.“

„Kleine Zeitung“ (Österreich): Kanzlerin für abwägende Worte bekannt

„Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ist für abwägende Worte bekannt. Harsche Kritik - zumal an wichtigen Partnern - ist ihre Sache nicht. (...) Dennoch drückt sie klar aus, dass Trump offensichtlich eine Schmerzgrenze in der Tolerierbarkeit erreicht hat. Und das nach 130 Tagen im Amt.“

„Corriere della Sera“ (Italien): Merkel steht für ein neues Deutschland

Die Zeitung schreibt, Merkel habe mit ihrer Aussage einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Sie habe sich vom „Atlantismus“ distanziert, „für den Deutschland in der ganzen Nachkriegszeit stand“. So habe sich die Kanzlerin noch nie ausgedrückt. „Merkel greift an, ein Jahreszeitenwechsel von großer Tragweite.“

„La Stampa“ (Italien): Der Westen war noch nie so gespalten

„Die historische transatlantische Allianz wackelt. (...) Die deutsche Bundeskanzlerin erklärt die Zeiten, in denen die Europäer auf die USA bauen konnten, für beendet, der Westen war noch nie so gespalten.“

“Le Monde“ (Frankreich): Merkel dramatisiert Lage wegen der Bundestagswahl

„Le Monde“ schreibt, man könne in den Bemerkungen von Merkel eine „absichtliche Dramatisierung“ sehen, denn sie wolle sich von der Bundestagswahl im September als „Pol der Stabilität“ präsentieren. „In Wirklichkeit ist Deutschland tief bestürzt, (denn) es hat immer auf die Angelsachsen (gemeint sind die angelsächsischen Länder) gesetzt, um auf dem alten Kontinent nicht zu allein und nicht zu mächtig zu sein.“ Die US-Amerikaner hätten Frieden und Sicherheit gewährleistet, die Briten den Freihandel.

„Interfax“ (Russland): Merkels Aussage hat zunächst keine Bedeutung

„Das müssen die Europäer und Amerikaner unter sich klären. Die Frage betrifft uns nicht“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Russland sei ein Teil Europas. Aber: „Eigentlich ist es seit Jahrhunderten auf sich selbst gestellt.“

Abgeordneter Adam Schiff (USA): Bedauert das Ende der Beziehungen

„Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten das einen großen Erfolg nennt, tut es mir leid“, sagte Schiff.

Konservativer Kommentator Bill Mitchell auf Twitter (USA): Merkel ist rasend dumm

„Merkel, Heldin der Linken und Katastrophe für Europa, sagt, sie könne sich „nicht auf Trump verlassen“. Fantastisch. Er steht ihrer rasenden Dummheit entgegen“, schrieb Bill Mitchell auf Twitter.

„Washington Post“ (USA): Ein neues Kapitel

„Merkel schlägt ein neues Kapitel der US-europäischen Beziehungen auf.“

„New York Times“ (USA): Europa auf dem Vormarsch

Der frühere US-Botschafter bei der Nato, Ivo Daalder, sagte der „New York Times“: „Dieses scheint das Ende einer Ära zu sein, in der die USA geführt haben und Europa gefolgt ist.“

mb/dpa

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