Andrea Nahles

Ist sie die nächste Kanzlerkandidatin? 

Andrea Nahles: Die geheime Chefin der SPD

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Seit Andrea Nahles Auftritt beim GroKo-Parteitag werden Rufe lauter, sie solle von Martin Schulz den Vorsitz übernehmen.

München– Sonntag, 21. Januar 2018, 14.37 Uhr. Vielleicht ist das der Moment, in dem der SPD klar wird, dass es Zeit wird. „Eine neue Zeit braucht eine neue Politik“, steht hinter Andrea Nahles, als sie beim SPD-Parteitag ans Mikrofon tritt. Es folgen sechseinhalb wütende Minuten. „Wir geben doch die SPD nicht auf, in dem wir uns entscheiden, mit den anderen zu regieren“, ruft die Fraktionschefin. Sie ruft „Blödsinn“ oder „verdammt nochmal“ und schimpft auf den „blöden Dobrindt“. Sie schreit fast. Es sind sechseinhalb Minuten Nahles pur. Als sie schließt, man werde „verhandeln, bis es quietscht“, denken sich viele im Saal: Vielleicht braucht eine neue Zeit nicht nur eine neue Politik – sondern auch eine neue Vorsitzende.

Andrea Nahles, inzwischen 47 Jahre alt, hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Selten traute man ihr Großes zu – und dennoch kam immer der nächste Schritt. Wie so viele in der Politik stammt sie aus einfachsten Verhältnissen. Die Eltern meinten, Realschule müsse reichen, das Abitur machte sie über den zweiten Bildungsweg. Auch in der Politik nahm sie – abgesehen von ihrem alten Förderer Oskar Lafontaine – selten einer an die Hand. Nahles musste kämpfen. Gegen andere. Und gegen das eigene Image. Bis heute hängt ihr die Juso-Zeit nach, als sie Gerhard Schröder zur „Abrissbirne des Sozialstaats“ erklärte. In der Auflistung der zehn beliebtesten Politiker sucht man sie vergeblich. „Jemand, der ausnahmslos Politik gemacht hat und nur darauf erpicht ist, die eigene Macht abzusichern und die eigene Karriere zu befördern, hat keine Chance, große Sympathien beim Wählervolk zu gewinnen“, lautete 2014 das vernichtende Urteil von Forsa-Chef Manfred Güllner.

„Mit der hat sich keiner aus der Union getraut, während der Sondierung Schlitten zu fahren“

Das ändert sich gerade. Am Sonntag auf dem Parteitag ist es Nahles, die sich mit einem neuen Juso-Vorsitzenden herumschlägt: Kevin Kühnert, die Abrissbirne der GroKo. Inzwischen ist sie Fraktionschefin. Noch immer kübelt man Hohn und Spott über sie aus, wenn sie im Bundestag ein Lied von Pipi Langstrumpf singt oder „bätschi“ sagt. Doch in Berliner Politzirkeln hat sich Ruf verändert, schon seit sie als Ministerin alle großen SPD-Themen in der letzten Großen Koalition durchsetzte. Mindestlohn. Rente mit 63. „Ich war sehr ehrgeizig im Abarbeiten der Verhandlungsergebnisse, weil ich dachte, das allein gibt uns genügend Profil“, sagt sie selbstkritisch beim Parteitag. Sie hätte das besser verkaufen müssen.

Experten haben die Entwicklung dennoch bemerkt. „Mit der hat sich keiner aus der Union getraut, während der Sondierung Schlitten zu fahren“, heißt es anerkennend aus SPD-Kreisen. Nahles sei in allen Themen top eingearbeitet gewesen. „Sie ist die stärkste Figur in der SPD“, sagt ein wichtiger CSU-Mann anerkennend. Man stelle sich fest auf Nahles als nächste Kanzlerkandidatin ein.

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Derzeit scheint das noch weit weg. Zu schwer wiegt das Imageproblem, das Nahles mit sich herumschleppt. Dabei würde vieles passen. Eine Frau aus dem Volk, die bis heute im 500-Seelen-Dorf Weiler in der Eifel lebt. Eine alleinerziehende Mutter, die irgendwie alles unter einen Hut bekommen muss. Eine, die seit einem Sportunfall mit 16 Jahren 50 Prozent schwerbehindert ist. Eine, die streng katholisch aufgewachsen ist. Eine, die das Herz auf der Zunge trägt und einem flotten Spruch gerne schallendes Gelächter folgen lässt.

„Ab morgen gibt es in die Fresse“

So war es auch in der Woche nach der Wahl. Nahles, frisch gewählte Fraktionsvorsitzende, hatte eben eine Pressekonferenz gegeben, stand noch zwischen Journalisten und sinnierte wehmütig darüber, wie sie sich kurz zuvor von den Kollegen im Kabinett verabschiedet habe. Sogar mit den Unionskollegen sei es sehr nett gewesen. Als einer wissen will, wie es morgen weitergehe, scherzt sie: „Ab morgen gibt es in die Fresse.“ Dann lacht sie schallend. Es ist ein Spaß, den alle im Kabinett verstehen. Doch das Land echauffierte sich. Nahles, die Nervensäge!

Dabei hat sie sich gewandelt. Auch politisch. Die Mitgliedschaft in der parlamentarischen Linken ruht. Gleich nach der vernichtenden Bundestagswahl forderte sie einen schärferen Kurs in der Flüchtlingspolitik. Die in Deutschland lebenden Einwanderer müssten besser integriert werden. „Wir sind nicht naiv. Wenn eine Million Menschen zu uns kommen, sind nicht alle nur nett.“ Die Juso-Zeit war endgültig vorbei.

In ihrer Abiturzeitung musste Nahles vor Jahren ihren Berufswunsch angeben. Die forsche Antwort: „Hausfrau oder Bundeskanzlerin.“ Vermutlich hat sie dabei gelacht.

Mike Schier

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