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Nach Trump-Schelte

„Anführerin der freien Welt“: US-Presse feiert Merkel

Angela Merkel zählt zu den Größen, aber nicht unbedingt zu den Lieblingen der internationalen Polit-Szene. Mit ihren klaren Worten vom Wochenende hat sich das teilweise geändert.

New York/London - Keine Frage, Angela Merkel zählt zu den wenigen weltweit bekannten Regierungsoberhäuptern. Als Mitglied der G7-Staatschefs ohnehin - aber auch als zehnmalige Spitzenreiterin in der Forbes-Liste der „einflussreichsten Frauen der Welt“. Großes internationales Aufsehen, politische Liebesbekundungen und scharfen Widerspruch provozieren ihre Äußerungen aber eher selten. Momentan ist das anders.

Nicht weniger als ein mögliches Ende der unverbrüchlichen Freundschaft mit den USA hatte Merkel am Wochenende in einem Münchner Bierzelt angedeutet. Und gerade für dieses klare Kontra an die Adresse von Donald Trump erhält die Bundeskanzlerin nun in vielen englischsprachigen Medien Respekt - in Europa war das Echo zuvor eher gemischt ausgefallen.

New York Times: „Ende einer Ära“

„Ihre Reden tendieren dazu, blutleer und unauffällig zu sein und schnell in Vergessenheit zu geraten“, briefte etwa die Financial Times ihren Leser. Nur, um dann zu betonen: „Aber all das hat sich am Sonntag geändert.“ Merkels Rede sei eine Erinnerung an die Adresse des „US-Polit-Establishments“ gewesen - daran, „was auf dem Spiel steht“.

Die Washington Post huldigte Merkel als „Europas faktische Anführerin“ und betonte, die Bundeskanzlerin habe mit ihrer Äußerung „ein neues Kapitel in den US-europäischen Beziehungen aufgeschlagen“ - mit anderen Worten hieß das: Merkel schreibe gerade Geschichte.

Die New York Times wiederum machte am Sonntag einen denkwürdigen Ausspruch über Merkel zu ihrem „Zitat des Tages“: „Das scheint das Ende einer Ära zu sein, einer Ära, in der die USA die Richtung vorgaben und Europa folgte“, zitieren sie den früheren US-Botschafter bei der Nato, Ivo H. Daalder.

„Was für eine außergewöhnliche Frau!“

Wahre Lobeshymnen kamen vom in London und New York erscheinenden Guardian. Merkel werde fortan als „Anführerin der freien Welt“ bezeichnet werden müssen, schreibt das Blatt. Die Bundeskanzlerin sei Trump weit überlegen: Beim G7-Gipfel sei Merkel „voll auf der Höhe ihres Spiels gewesen“ - eines Spiels, von dem Trump nicht einmal wisse, „wie man es spielt“: „Was für eine außergewöhnliche Frau!“

Sogar konservative US-Medien maßen Merkels Münchner Anwurf größte Bedeutung zu. Auch der Chefredakteur des Wochenmagazins Weekly Standard, William Kristol, erklärte, Merkels Äußerungen seien eine harte Erinnerung daran, dass „Trumps Fehler, während er Präsident ist, auch Amerikas Fehler sind und Amerika beschädigen“.

Gleichwohl: Natürlich nahmen nicht alle Kommentatoren Merkel ernst. Trumps Haus- und Hofsender Fox News etwa beeilte sich, zwei Punkte klarzustellen. Wenn die Führungsrolle der USA an Stärke verliere, dann habe dieser Prozess schon unter Obama begonnen, hieß es dort. Und Merkel? Die scheine vor allem „eingeschnappt über Herrn Trumps Entscheidung, nicht das Pariser Klimaabkommen zu unterstützen“, spöttelte der Sender.

Wie die SPD Angela Merkels Bierzelt-Rede einordnet, das erfahren Sie in diesem Artikel. Warum Donald Trump jüngst Deutschland so hart attackierte, das können Sie hier lesen.

fn

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