„Flüchtlings-“ oder „Corona-Kanzlerin“?

16 Jahre Angela Merkel: Die Krisen-Kanzlerin verlässt 2021 die Bühne - Ein Rückblick auf ihre Amtszeit

  • Klaus Rimpel
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Im kommenden Jahr wird Angela Merkel wohl als Bundeskanzlerin abgelöst. Damit endet eine 16-jährige Amtszeit. Ein Rückblick auf ihre Schicksalsjahre.

  • In der Finanzkrise 2008 kämpfte Angela Merkel* für unser Geld.
  • In der Flüchtlingskrise 2015 kämpfte sie für Flüchtlinge aus der ganzen Welt.
  • In der Corona-Krise 2020 kämpfte sie gegen einen tückischen Virus.

München - Den Rekord von Helmut Kohl* wird Angela Merkel wohl nicht mehr brechen: Der Kanzler der Einheit brachte es zwischen dem 1. Oktober 1982 und dem 26. Oktober 1998 auf genau 5869 Tage als Regierungschef. Um länger als ihr Vorgänger im Amt zu regieren, müsste Merkel bis zum 17. Dezember 2021 durchhalten.

Ära Merkel geht zu Ende: Wie wird sie in Erinnerung bleiben?

Aber nichts deutet darauf hin, dass die Kanzlerin ihre Ankündigung nicht wahrmachen wird: Nach der Bundestagswahl am 26. September 2021 werden wir einen neuen Kanzler oder eine neue Kanzlerin haben – und die Ära Merkel ist nach 16 Jahren zu Ende. Es waren 16 Jahre voller schicksalhafter Krisen. Mit der größten aller Herausforderungen beendet Merkel ihre lange Amtszeit – in der Hoffnung, dass die Corona-Krise* dank des Impfstoffs im Herbst weitgehend beendet ist. Dann würde sie wohl nicht als „Flüchtlings-Kanzlerin“, sondern als die „Corona-Kanzlerin“ in die Geschichtsbücher eingehen.

Am 22. November 2005 wurde Merkel erstmals als Regierungschefin vereidigt – und so wie anfangs niemand auf dem Schirm hatte, dass „Kohls Mädchen“ sich im Männerclub CDU* an die Macht kämpfen könnte, konnte sich damals auch niemand vorstellen, dass diese 51-jährige „Frau aus dem Osten“ derart lange unser Land regieren würde. Und dass sie es schaffen würde, zum weltweiten Stabilitätsanker in Zeiten zu werden, da altehrwürdige Demokratien wie die USA oder Großbritannien in damals undenkbare Krisen schlittern würden.

Die ehemalige Umweltministerin Merkel verliert ihr Ziel aus den Augen

Die Klima-Krise: Am Anfang ihrer Amtszeit wollte Merkel als „Klima-Kanzlerin“ punkten. Die einstige Umweltministerin* besuchte im August 2007 zusammen mit ihrem damaligen Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) Grönland, um vor Ort die Eisschmelze zu sehen. Als dann im März 2011 der gewaltige Tsunami das japanische Atomkraftwerk Fukushima zerstörte, betrieb sie den Ausstieg aus der Atomkraft – für eine Unionspolitikerin eine Revolution. Im Lauf der Jahre aber wurde die Kritik der Umweltschützer immer lauter, dass Merkel die Umwelt-Thematik zunehmend aus dem Auge verliere. So verhinderte sie in der EU strengere Grenzwerte für schwere Limousinen – die Auto-Lobby war ihr am Ende doch wichtiger als der Umweltschutz.

Am 5. Oktober 2008 versprechen Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück: Die Spareinlagen sind sicher.

Die Finanz-Krise 2008: Die Pleite der Lehman Bank in den USA am 15. September 2008 stürzte die Weltwirtschaft in eine beispiellose Finanzkrise. Die Kanzlerin und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) traten gemeinsam vor die Presse, um zu versprechen: Der Staat werde für die Spareinlagen der Bürger garantieren. Die gewaltige Garantie verhinderte, dass die Deutschen die Banken stürmten – und so schaffte es Merkel, eine historische Krise in den Griff zu bekommen. Es wurde allerdings teuer für die Steuerzahler und Sparer – Landesbanken wie die BayernLB mussten ebenso mit zig Steuermilliarden gerettet werden wie Privatbanken, allen voran die Hypo Real Estate. Am 5. Oktober 2009 wurde die HRE als erste Bank in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 verstaatlicht.

Die Flüchtlings-Krise 2015: „Wir schaffen das“: Dieser Satz auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, die mit der Aufnahme der tagelang auf dem Budapester Bahnhof festsitzenden Flüchtlinge begann, brachte Merkel-Gegner auf die Palme. Im Rückblick betrachtet kann man feststellen: Deutschland hat es tatsächlich ganz gut geschafft, die 2015 und 2016 ankommenden knapp 1,5 Millionen Flüchtlinge aus arabischen Staaten wie Syrien und Schwarzafrika zu integrieren.

Das Verhalten von Angela Merkel in der Flüchtlingskrise belastete auch die CDU/CSU

Unions-Krise: Die Flüchtlingsfrage entzweite CDU und CSU* – symbolisch dafür die demütigende Behandlung der Kanzlerin beim Münchner CSU-Parteitag am 20. November 2015, als der damalige CSU-Chef Horst Seehofer Merkel wie ein Schulmädchen während seiner Rede neben sich stehen ließ.

Beim Münchner CSU-Parteitag im November 2015 demütigt Horst Seehofer die sichtlich saure Kanzlerin.

Ukraine-Krise: Die ewige Kanzlerin wurde auch auf der Weltbühne eine zentrale Figur – etwa als Vermittlerin im Ukraine-Krieg nach der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim durch russlandtreue Kräfte. Der Erfolg bleibt zwar überschaubar, doch die perfekt Russisch sprechende Kanzlerin ist wohl eine der wenigen westlichen Politiker, die Russlands Präsident Wladimir Putin* respektiert, vielleicht sogar fürchtet.

US-Krise: Schon unter Barack Oba­ma ist die Beziehung zu Washington belastet, nachdem herauskommt, dass US-Geheimdienste das Handy der Kanzlerin abhörten. Richtig eisig wird es unter Trump. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Im Augenblick muss sich Angela Merkel mit dem Corona-Lockdown* herumschlagen. Voraussichtlich wird dieser über 10. Januar hinaus verlängert.

Rubriklistenbild: © Markus Schreiber/dpa

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