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DAS Symbol für Angela Merkel: Die Raute, die die Kanzlerin mit ihren Händen formt.

Leben, Karriere - und Geburtstagsfeier

Die Alternativlose: Angela Merkel wird heute 60 

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München - Heute wird Angela Merkel 60 – und feiert ganz nüchtern. Die Deutschen lieben ihre Kanzlerin, die Europäer respektieren sie. Zum Geburtstag ein Porträt der Alternativlosen.

Angela Merkel: Die Jugend

Es gibt Politiker, die bei jeder Gelegenheit über ihre Herkunft und Prägung schwadronieren. Und es gibt Angela Merkel. Klar, jeder hat das mit der „Pfarrerstochter aus dem Osten“ im Kopf. Aber wie viele Deutsche wissen wohl, dass Angela Merkel in Hamburg geboren wurde? Und zwar als Angela Kasner. Auch ihre Geschwister Marcus und Irene, drei und zehn Jahre jünger, hält die Kanzlerin konsequent aus der Öffentlichkeit fern.

Merkels Eltern ziehen noch im Geburtsjahr ihrer Tochter gen Osten. Wie sehr sie durch die sozialistische Erziehung geprägt wird? Wie groß ihr Widerstand gegen das Regime ist? Darüber ist viel und kontrovers diskutiert worden. Doch sozialistische Umtriebe kann man Angela Merkel trotz ihrer Zeit im DDR-Jugendverband FDJ genauso wenig attestieren wie offene Rebellion. Tatsache ist, dass sie ein sehr gutes Abitur und eine sehr gute Doktorarbeit abliefert. „Der Einfluss der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien.“ Die junge Frau Kasner sieht sich als Physikerin.

Ihren Namen bekommt sie durch den Physik-Studenten Ulrich Merkel. Mit 23 Jahren heiraten die beiden, nur vier Jahre später ist die Beziehung am Ende. Der Name bleibt.

Angela Merkel: Die Karriere

Ihr Aufstieg nach der Wende verläuft rasant – und immer nach der gleichen Formel: Angela Merkel wird unterschätzt. „Kohls Mädchen“. Stets analysiert sie mit naturwissenschaftlicher Präzision, wartet auf den richtigen Moment und steigt dann die Leiter nach oben. Vorbei an allen, die sich vor ihr wähnen. 1990 engagiert sie sich im Demokratischen Aufbruch, Lothar de Maizière macht sie zur stellvertretenden DDR-Regierungssprecherin. Nach ihrem Eintritt in die CDU landet sie im ersten gemeinsamen deutschen Bundestag. Wir befinden uns noch immer im Jahr 1990! Im Jahr darauf macht Helmut Kohl sie zur Ministerin. Erst Familie, später Umwelt. 1998 holt er sie als Generalsekretärin – aber Merkel stürzt ihn 2000 nach der Spendenaffäre. 2002 überlässt die CDU-Vorsitzende Edmund Stoiber beim Frühstück in der Wolfratshauser Gartenstraße die Kanzlerkandidatur. Der Bayer verliert hauchdünn. Der Weg für Angela Merkel ist frei.

Angela Merkel: Die Privatperson

Glaubt man Menschen, die sie besser kennen, gibt es zwei Angela Merkels. Die öffentliche, die etwas spröde daherkommt. Und die private, die sehr lustig sein soll und wunderbar Menschen imitieren kann. Sehr konsequent versteckt die Kanzlerin diese zweite Angela Merkel vor den Kameras. Mindestens ebenso gut wie ihren zweiten Ehemann Joachim Sauer (seit 1998). Der Chemie-Professor verweigert Interviews, gilt aber als wichtiger Berater seiner Frau. Sie fragt ihn nach seiner Meinung. „Manchmal sagt er auch von selbst etwas. Die Tatsache, dass er etwas sagt, zeigt, dass es ein Problem gibt”, hat sie einmal erzählt. Das Paar wohnt nahe des Berliner Pergamonmuseums, nicht in der Wohnung des Kanzleramtes. Am Wochenende fahren sie gerne in ihr Haus in der Uckermark. Wobei das Wochenende bei einer Bundeskanzlerin oft aus einem halben Tag besteht.

Angela Merkel: Die Kanzlerin

Wieder einmal wird sie unterschätzt: Als Edmund Stoiber 2004 in kleinem Kreis philosophiert, eine „ostdeutsche Protestantin und ein Junggeselle aus Bonn“ (Westerwelle) könnten den Schröders und Fischers „nicht das Wasser reichen“, trifft der CSU-Chef die vorherrschende Meinung. Die bange Frage lautet: Kann Angela Merkel Kanzlerin?

Heute hat sie auf der Forbes-Liste ein Abonnement auf den Titel „Mächtigste Frau der Welt“. Mit dem Management der Eurokrise liefert sie ihr internationales Meisterstück. Im Süden Europas wird sie gehasst, von Jean-Claude Juncker umgarnt, von den Amerikanern bespitzelt. Auf höchst unterschiedliche Weise sind das alles Respektsbekundungen. Die 41,5 Prozent bei der Bundestagswahl sind Beweis, dass die Deutschen Merkel blind vertrauen.

Ihre Strategie ist längst durchschaut – aber sie funktioniert weiter: Aus öffentlichen Debatten hält sich die Kanzlerin heraus. Erst am Schluss springt sie auf, sodass sie nie eine Position räumen muss. Nein, man kann nicht behaupten, dass Angela Merkel dogmatisch wäre: Rente mit 63, Mindestlohn, Wehrpflicht, Atomkraft, Doppelpass, Schwulenehe – sie hat viele Positionen geräumt. In ihrer Partei finden das zwar nicht alle gut. Aber 41,5 Prozent sind eben ein verdammt gutes Argument.

Kontrovers diskutieren lässt sie nur im engsten Führungszirkel. Zu diesem gehören langjährige, verschwiegene Vertraute wie ihre Büroleiterin Beate Baumann (50) und Eva Christiansen (44), Leiterin des Stabs „Politische Planung; Grundsatzfragen; Sonderaufgaben“. Ihrem Sprecher Steffen Seibert fällt die nicht immer dankbare Aufgabe zu, die Journalisten mit vagen Äußerungen abzuspeisen. Dank dieser Strategie macht Angela Merkel kaum Fehler. Außerdem verhindert ihr uneitles Auftreten, dass die Deutschen ihrer überdrüssig werden so wie einst Helmut Kohls.

Übrigens: 2005 gab es eine große Debatte. Eine Frau als Bundeskanzlerin! Geht das? Neun Jahre später erscheint das völlig normal. Gut so.

Angela Merkel: Die Zukunft

Noch nie war einem deutschen Kanzler ein würdiger Abgang beschieden. Irgendwann begehrten die Partei, der Koalitionspartner oder die Wähler auf. Kohl hätte 1998 einfach aufhören sollen, Schröder verabschiedete sich mit einem testosteron-geschwängerten Auftritt in der Elefantenrunde. Derzeit agiert Angela Merkel zwar auf dem Höhepunkt ihrer Macht – doch in Berlin halten sich Spekulationen, die Kanzlerin könne sich mit lautem Knall verabschieden. Freiwillig. Zu einem von ihr bestimmten Zeitpunkt.

Anders als Horst Seehofer in Bayern hat die Kanzlerin keine Kronprinzen-Debatte am Bein. Die CDU-Sternchen, diese Röttgens und McAllisters, haben sich alle selbst erledigt. Geblieben ist eine einzige Kandidatin – doch Ursula von der Leyen muss sich im Verteidigungsministerium erstmal um etliche Baustellen kümmern. Zudem versprach Merkel im Wahlkampf mehrfach, die gesamte Legislaturperiode im Amt bleiben zu wollen.

Die Gerüchte bleiben. Strebt die passionierte Außenpolitikerin eine internationale Karriere bei EU oder Uno an? Gegenfrage: Wäre das ein Aufstieg für eine Bundeskanzlerin? Die andere Möglichkeit wäre ein freiwilliger Rückzug ins Privatleben. Langlaufen, wandern, Kartoffelsuppe kochen. Man kann es sich irgendwie nicht vorstellen . . .

Angela Merkel: Die Feier

Nein, Angela Merkel muss an ihrem Geburtstag nicht im Mittelpunkt stehen. Zum 50. überließ sie die Aufmerksamkeit dem damaligen FDP-Chef Guido Westerwelle, der erstmals seinen Lebensgefährten Michael Mronz der Öffentlichkeit präsentierte und sich damit outete. Als Redner hatte sich die Physikerin den Hirnforscher Wolf Singer gewünscht. Überschaubarer Glamour-Faktor. Diesmal spricht vor etwa 1000 geladenen Gästen im Konrad-Adenauer-Haus ein Historiker. Jürgen Osterhammel aus Konstanz ist kein Star der Branche, aber einer, der in seiner Forschung einen grenzübergreifenden Ansatz verfolgt. Für die mächtigste Frau Europas ist das faszinierender Stoff. Andere werden die historische Exegese höflich erdulden. Horst Seehofer hat lieber gleich abgesagt.

Hinter der Wahl des Redners steckt natürlich auch Kalkül: Merkel will zeigen, dass sie sich selbst nach einem knappen Jahrzehnt im Amt kaum verändert hat. Sie verfolgt weiter ihren nüchternen Ansatz. Der Titel von Osterhammels Rede lautet: „Vergangenheiten: Über die Zeithorizonte der Geschichte“.

Na dann, herzlichen Glückwunsch!

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Mike Schier

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