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Wahlkampftermin mit Merkel in Rosenheim

Rufe, Pfiffe, Hass

Wahlkampf in Rosenheim: Grenzenloser Groll gegen Merkel

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Stunden nach ihrer Obergrenzen-Attacke besucht die Kanzlerin ausgerechnet Bayern. Angela Merkel nimmt in Rosenheim kein Wort zurück, relativiert nichts. Der Konflikt in der Union spitzt sich damit wieder zu.

Rosenheim - Es gibt hässliche Momente im Leben einer Kanzlerin, und das ist einer. Als sie aus ihrer Limousine steigen muss, tobt ein Platzregen über Rosenheim. Angela Merkel muss unter Schirmen und durch Pfützen 100 Meter Richtung Bühne schreiten, ein Gang durch eine Menge, aus der „Hau ab!“-Rufe schallen, Pfiffe, Hass. Sie ist das gewohnt von den Marktplätzen in diesen Wahlkampfwochen, verzieht keine Miene. Sie weiß, dass viele der Proteste organisiert sind und rechnet das Ortsfremden zu – und doch ist es unangenehm.

Wo die Kanzlerin auftritt auf ihrer Deutschlandtour, sind derzeit lautstarke Kritiker dabei. Sie mischen sich so nah wie möglich unter interessierte Besucher. „Merkel hasst Deutschland“, steht auf ihren Plakaten. Zum Ritual gehört, dass Merkel von der Bühne runter spottet, man löse Probleme nicht, „wenn man sich einfach hinstellt und schreit“. Das gibt Beifall. Am Dienstagabend in Rosenheim fällt dennoch auf, dass der Protest sehr laut ist, die Pfiffe gehen von der ersten bis zur letzten Minute durch.

Es wird ein sonderbarer Abend, und irgendwie auch ein trauriger. Die extreme Polizeipräsenz in der Stadt sagt viel über die aufgeheizten Zeiten aus. Und Merkels Rede, 35 Minuten, lässt viele Zuhörer ratlos zurück. Denn auch in Rosenheim, im Süden Oberbayerns, der eigentlich eher konservativ eingestellt ist und in der Flüchtlingskrise 2015/16 neben Südostbayern die extremsten Lasten schultern musste, hält Merkel ihre 08/15-Wahlkampfrede. Stabilität, Europa, Familienpolitik – alles wichtige Fragen, doch nicht die drängendste. In der Flüchtlingspolitik bleibt sie vage. Sie bekräftigt die Formel, dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe, sagt höflich Danke für die Leistungen der Bayern in jenen Monaten und beteuert, wer kein Aufenthaltsrecht habe, „muss unser Land wieder verlassen“. Doch nicht mal auf die in der Region zentrale Frage, ob die Grenzkontrollen bleiben, legt sie sich fest.

Noch dazu schwebt über diesem Rosenheimer Auftritt ja Merkels Obergrenzen-Äußerung vom Vorabend: In der ARD hatte die CDU-Vorsitzende eine „Garantie“ abgegeben, dass sie die von der CSU geforderte „Obergrenze“, Kern des Seehofer-Wahlkampfs, ablehnen werde. Die CSU, die sich seit Frühjahr in ihrer Merkel-Kritik bis zur Selbstverleugnung auf die Zunge beißt, macht die Attacke teils fassungslos. Man sei „mehr als verwundert“, schnaubt ein Minister in München ein paar Stunden vor Merkels Rede und sagt dann ein paar Worte, die in einer Zeitung nicht druckbar sind. Nicht alle in der Partei reagieren so, der Vorgang zeigt aber, dass die Wunden in der Union nicht verheilt sind.

Die CSU fühlt sich daran erinnert, wie Merkel vor den Wahlen 2013 und 2008 mit spitzzüngigen Attacken gegen die Maut und die Pendlerpauschale die CSU auf den letzten Metern in Schwierigkeiten brachte. „Mindestens ungeschickt“ sei das, grollen Vorstandsmitglieder wie der Bundestagsabgeordnete Florian Hahn. Man sorgt sich, dass der Obergrenzen-Disput auf den letzten Metern zum Wahltermin der AfD Stimmen zutreibt. CSU-Chef Horst Seehofer will nun mit einer Bekräftigung des längst im CSU-Wahlprogramm gegebenen Versprechens zur Obergrenze kontern, spricht in München auch von einer „Garantie“, also einer Gegengarantie – skurril.

In Rosenheim geht Merkel mit keinem Wort darauf ein. Auch nicht intern, wie CSUler berichten, die sie dort hinter den Kulissen treffen. Die Kanzlerin sagt nur ein paar freundliche Worte über die Geschlossenheit der Union, bittet um Stimmen. Der strömende Regen endet genau mit ihrer Rede, die Pfiffe nicht.

Als Merkel abfährt, ein Konvoi unter Polizeischutz auf dem Weg zum Hubschrauber, bleibt ein leeres Gefühl: Wen hat sie wirklich erreicht? Die Anhänger vorn im abgesperrten Bereich klatschen, so oder so; die Gegner hinten pfeifen, so oder so. Wie viele waren in der Mitte, neugierig, offen? Ein Satz bleibt vielleicht hängen: Mancher glaube, die Wahl sei entschieden, warnt Merkel. „Wenn Sie sich auf diesem Platz umhören, merken Sie: Sie ist es nicht.“

Einen Kommentar von Georg Anastasiadis zu Merkels Äußerung finden Sie hier.

Video: TV-Duell - Nur so hätte Schulz eine Revanche erhalten

Video: Glomex

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