Merkur.de-Interview

Das „putzig Knubbelige“ an Merkel: Ein karikaturistischer Blick auf ihre Kanzlerschaft

  • Cindy Boden
    VonCindy Boden
    schließen

Politische Karikaturisten werfen einen besonderen Blick auf eine Kanzlerschaft. Die Merkel-Jahre lieferten Heiko Sakurai viel Stoff zum Zeichnen. Was er über die Kanzlerin denkt.

München - Heiko Sakurai arbeitet in Köln als Karikaturist, malt unter anderem für den Münchner Merkur. Die Figur von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) tauchte in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder in seinen Zeichnungen auf. Mittlerweile ist er mit der Darstellung zufrieden, doch im Interview schildert er, dass es anfangs gar nicht so leicht war. Sakurai blickt nach einer Bilanz über die letzten Jahre auch nach vorn: Wer wird bald wohl wichtiger Teil seiner Darstellungen sein?

Herr Sakurai, erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Karikatur von Angela Merkel?
Ja, da war ich gerade mit dem Studium fertig: Bundestagswahl 1998, der letzte Wahlkampf mit Helmut Kohl. Merkel war unter ihm Umweltministerin und da habe ich sie das erste Mal gezeichnet.
Welches Motiv wählten Sie da?
Das weiß ich nicht mehr genau ... Ich kann mich nur erinnern, sie hatte damals noch ihre alte Frisur. Nicht so hochgeföhnt, sondern die Haare hingen mehr runter. Dazu ein Pony und alles ziemlich glatt abgeschnitten. Das war noch nicht so elegant wie heute. Und sie war natürlich deutlich jünger. Sie kam quasi als Quereinsteigerin aus der DDR in die politische Karriere.
Wenn Sie eine neue Figur entwickeln: Kommt das von Karikatur zu Karikatur oder setzen Sie sich lange hin und zeichnen eine Figur so oft, bis es Ihnen passt?
Erst einmal zeichne ich ein Gesicht, bis ich das Gefühl habe, dass es einigermaßen ok ist. Aber dann entwickelt sich das natürlich weiter. Bundeskanzler und Bundeskanzlerinnen muss man extrem häufig zeichnen. Normalerweise ein paar Mal pro Woche. Es gibt Gesichter, die sich leichter zeichnen lassen und es gibt Gesichter, da braucht man länger oder die findet man nie toll zu zeichnen.
Ist Merkel leicht oder schwer darzustellen?
Ich fand es am Anfang nicht leicht. Aber wenn man einmal die Formel für ein Gesicht gefunden hat, dann geht das.

Karikaturist Heiko Sakurai: „Die Raute passt einfach wunderbar zu Merkel“

Karikaturist Heiko Sakurai
Sie müssen in gewisser Weise sehr auf das Äußerliche einer Person achten. Was sind die Merkmale, damit der Betrachter Frau Merkel erkennt?
Für meine Frau Merkel sind die Augen wichtig. Dann natürlich der Mund mit der etwas überstehenden Oberlippe und den Mundwinkeln. Und so ein bisschen das Runde im Gesicht.
Abgesehen vom Gesicht ist auch die Raute eine typische Eigenheit. Haben Sie die oft aufgegriffen oder braucht man das gar nicht mehr?
Ja doch. Wenn sie irgendwo steht, auch auf meinen Zeichnungen, macht sie eigentlich immer die Raute. Sie passt einfach wunderbar zu Merkel. Auch die Raute selber habe ich aufgegriffen, aber die ist inzwischen, ich will nicht sagen abgefrühstückt, aber nur noch mit der Raute irgendetwas zu machen, das geht eigentlich nicht mehr.
Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Figur über die Jahre fülliger geworden ist.
Bei mir ist das so. Wenn ich sie jetzt aber im Fernsehen sehe, denke ich manchmal, dass sie bei mir fülliger aussieht als in Wirklichkeit. Frau Merkel ist ja nicht dick, aber sie hat so ein bisschen was putzig Knubbeliges, auf positive Art. Wie ein Stofftier, so ein bisschen. Weil sie einen kurzen Hals hat und irgendwie so ein bisschen kompakt ist. Als sie in die Politik kam, zu Zeiten des Demokratischen Aufbruchs, war sie noch schmaler, viel mädchenhafter, hatte viel weniger Falten.
Sie zeichnen Frau Merkel immer mit einem roten Blazer. Merkel präsentiert da ja aber eine bunte Farbenschau. Warum haben Sie das nicht aufgegriffen?
Weil ich sehr dafür bin, eine einheitliche Darstellung zu wählen. Ich fand dieses Rot und Schwarz, das sie durchaus häufig trägt, irgendwie stimmig, weil sie in sich auch ein bisschen die verkörperte Große Koalition ist.

Kanzlerin Angela Merkel: Nach 16 Jahren geht ihre Ära zu Ende

Würden Sie sagen, dass das Bild von ihr über die 16 Jahre Kanzlerschaft negativer geworden ist?
Es ist auf jeden Fall umstrittener geworden. Wenn man an den ersten Wahlkampf zurückdenkt, den sie gemacht hat, gegen Gerhard Schröder, und auch an die Zeit davor, verfolgte sie ein neoliberales Konzept. Das war ein sehr marktwirtschaftliches Reformkonzept, durchaus auch mit sozialen Zumutungen und sozialen Kälten. Dann hat sie die Erfahrung gemacht, dass sie die Wahl fast verloren hätte. Dieses sehr forsche, sehr fordernde, sehr wirtschaftsliberale Konzept wurde dafür verantwortlich gemacht. Und ich glaube, das hat sie ziemlich schockiert. Wenn Schröder nicht diesen bemerkenswerten Auftritt in der Elefantenrunde gehabt hätte, mit dem er sie indirekt gerettet hat, wer weiß, vielleicht wäre sie von den eigenen Leuten gestürzt worden. Ich glaube, dass sie dann auch Abstand von großen Visionen genommen hat. Und sie hat ab da auch darauf geguckt, wie die Stimmung im Volk ist.
An welchen Beispielen machen Sie das fest?
Etwa, dass sie den Atomausstieg doch wieder durchgesetzt hat. Es gab einen verhandelten Atomausstieg von Rot-Grün. Den hat sie mit der FDP wieder aufgewickelt. Dann kam dieser Fukushima-Schock und anschließend hat sie sich selber wieder revidiert. Von Anfang an gab es die innerparteiliche Kritik, sie würde das konservative Element vernachlässigen. In gewisser Weise stimmt das auch, dass sie sich in die Mitte bewegt hat. Ich glaube aber auch, dass sie nur deswegen Wahlen gewonnen hat. Man darf nicht vergessen, dass sie bei ihrer zweiten Wiederwahl 2013 über 40 Prozent geholt hat, fast wäre es eine absolute Mehrheit der Mandate gewesen. Das war ihr Karrierehöhepunkt.  
Und dann?
Dann kam die Flüchtlingskrise 2015. Da hat sich ihr Image noch einmal sehr geändert. Zum einen hat sie sich von Teilen der eigenen Partei entfremdet. Auch von der CSU teilweise. Zum anderen hat sie aber im Grünen- oder SPD-Spektrum viele Sympathien gewonnen. Ihre Position und ihre Bewertung hat sich durch die Ereignisse geändert, in Ostdeutschland klar zum Negativen.  

Wenn Sie mich fragen, ob ihre Bewertung negativer geworden ist, glaube ich, dass die letzten zwei, drei Jahre ihrer Amtszeit jedenfalls die schwierigsten waren und sicherlich nicht die glücklichsten.

Heiko Sakurai, Karikaturist
Wie sieht es bei anderen Krisen aus?
In den letzten zwei Jahren oder gerade in diesem Jahr ist die Klimapolitik noch einmal sehr stark hochgekommen. Da hat sie in den vergangenen 16 Jahren vieles verschleppt. Das wird ihr vor allem von der jüngeren Generation aufs Brot geschmiert. Und man muss sagen, dass in der Corona-Politik auch nicht alles ideal gelaufen ist. Man sieht jetzt, was in der Digitalisierung versäumt wurde. Der Impfstart und der Teststart waren große Problem. Ich glaube, da ist viel Glaubwürdigkeit verloren gegangen. Und was jetzt in Afghanistan passiert ist, ist ein einziges Desaster. Von daher, wenn Sie mich fragen, ob ihre Bewertung negativer geworden ist, glaube ich, dass die letzten zwei, drei Jahre ihrer Amtszeit jedenfalls die schwierigsten waren und sicherlich nicht die glücklichsten.
Wie bildet sich das in Ihren Karikaturen ab? Blicken wir auf die Corona-Politik: Beschreiben Sie gern einmal, wie Sie Eigenschaften von Frau Merkel oder ihre Entscheidungen umsetzen.
Das Motiv ist nicht unbedingt von Frau Merkel abhängig. Ich setze normalerweise meine Figuren in irgendwelche Szenarien. Zum Beispiel sprach sie von „Öffnungsdiskussionsorgien“, also ihre Angst, dass nach dem ersten Lockdown zu früh geöffnet wird. Da habe ich ein Bild gezeichnet, wie versucht wird, in einer Talsperre kontrolliert Wasser abzulassen, um den Druck ein wenig zu mindern. Aber eigentlich ist klar, dass hinten die große Welle kommt und dass das kaum funktioniert. Frau Merkel habe ich dort hineingesetzt. Bei ihr dominiert dennoch in meinen Zeichnungen immer eine Art von Kontrolliertheit. Sie ist da nie super emotional, ist sie ja auch sonst nicht. Es ist immer ein relativ sparsamer Gesichtsausdruck. Auch durch die Augen, wie ich sie zeichne, immer so ein bisschen distanziert, ein bisschen ein skeptisch-überlegender Ausdruck. Das ist nicht so wie bei Schröder, der ein krawalliger Typ war, oder bei Donald Trump. Obwohl es durchaus Situationen in Merkels Leben gab, wo ihr die Gesichtszüge entgleisten. Gerade mit Trump gab es solche Momente.
Angela Merkel: Die schwarze Witwe
Haben Sie mal versucht, ihren trockenen Humor darzustellen?
Natürlich nicht so, dass sie irgendwelche Scherze macht, aber schon in den Sprechblasen, dass sie lakonisch ist. Ich habe eine Zeichnung mit ihr und Jens Spahn, in der sie ihm als Gesundheitsminister Hals- und Beinbruch wünscht. Es ist klar, dass das dann nicht so ein Spruch ist nach dem Motto „Viel Glück“, sondern in seinem Fall wünscht sie sich das karrieremäßig vielleicht wirklich. Er war nie ihr Liebling. Auch vorher noch, als sie sagte, dass sie voll hinter ihrem Minister stehe, was aber nicht bedeutete, dass er dann ein paar Wochen später nicht doch gefeuert werden konnte. Wenn man sich an die Guttenberg-Episode erinnert ...
Sie stellen mit Ihren Karikaturen einen subjektiven Eindruck dar. Mit welchen Adjektiven würden Sie Frau Merkel beschreiben?
Das ist gar nicht so leicht. Ich glaube, da hat sich tatsächlich auch etwas geändert. Ich würde immer sagen: kontrolliert, rational, uneitel in gewisser Weise. Das alles ist aber eine sehr positive Beschreibung. Die letzten Wochen und Monate hatten schon auch etwas Lähmendes. Es kann gut sein, dass wir uns irgendwann nach der Art zurücksehnen, wie sie Politik gemacht hat. Es kann auch sein, dass unter den Bewerberinnen und Bewerbern, die jetzt folgen, niemand ist, der ihre Statur hat, jedenfalls im Moment noch nicht. Trotzdem ist es gut, dass sie nicht mehr antritt.
Haben Sie die Nase voll von Frau Merkel oder überrascht sie Sie noch ein bisschen?
Ich kann nicht sagen, dass ich unbedingt die Nase voll von ihr habe, ich kann aber wirklich auch nicht sagen, dass ich noch irgendetwas Überraschendes an ihr entdecke.

Der karikaturistische Blick auf die Kanzlerschaft von Angela Merkel - „Viel über ihre Kämpfe mit den Ministerpräsidenten gezeichnet“

Im Bundestag hielt sie 2020 bezüglich Corona eine recht emotionale Regierungserklärung. Hat Sie das überrascht und konnten Sie das aufgreifen?
Ich habe in der Zeit eine emotionale Angefasstheit bei ihr gemerkt, die mich schon überrascht hat. Während der Corona-Pandemie habe ich natürlich viel auch über ihre Kämpfe mit den Ministerpräsidenten um ihre harte Linie gezeichnet. Auch über die erstaunliche Annäherung mit Markus Söder.
Fällt Ihnen ein konkretes Motiv ein?
Einmal spricht sie von der demokratischen Zumutung und im zweiten Teil der Zeichnung denkt sie dann so etwas wie: „Und damit meine ich vor allen Dingen die Verhandlungen mit den Ministerpräsidenten.“ Außerdem habe ich eine Zeichnung gemacht, auf der sie sich Pilatus-mäßig die Hände in Unschuld wäscht und sagt: „Ja gut, dann öffnet halt, aber ihr übernehmt die Verantwortung.“ Und einmal hatte ich etwas mit einer Ampel, angelehnt an die Corona-Ampeln, die dann leuchtet, wenn Merkel besonders genervt von den Ministerpräsidenten ist.
Angela Merkel: Demokratische Zumutung in der Corona-Krise
Lassen Sie uns einen Ausblick wagen: Welcher der drei Kanzlerkandidaten eignet sich am besten für Ihren Job.
(lacht) Ich sage mal, der Kandidat, der bisher am wenigsten Fehler gemacht hat, war jedenfalls Olaf Scholz.  
Sie haben die drei wahrscheinlich ohnehin schon gemalt und wissen, welche Charakterzüge sie prägen, oder?
Bei Olaf Scholz und Armin Laschet weiß ich das ungefähr. Annalena Baerbock ist bei allem doch noch eher ein unbeschriebenes Blatt.
Wer würde Sie denn reizen, sie oder ihn mehr auszugestalten?
Darüber denke ich nicht nach, weil ich es mir nicht aussuchen kann. Das ist der falsche Ansatz. Ich muss nehmen, was kommt. Ich glaube auch, ich hätte Frau Merkel nicht als Favoritin für das genommen, was mich reizen würde zu zeichnen. Sie hat sich für meine Zeichnungen prächtig entwickelt. Aber man weiß das nie.

Merkel verlässt das Kanzleramt - und auch die politische Bühne?

Glauben Sie denn, dass, wenn Frau Merkel erst einmal weg von der politischen Bühne ist, sie noch einmal in Ihren Karikaturen auftauchen wird?
Schwer zu sagen. Vielleicht würde ich sie mal zitieren. Vielleicht wird sie als historische Persönlichkeit auftauchen. Ich habe aber eher das Gefühl, dass Frau Merkel sich ziemlich stark aus der Öffentlichkeit zurückziehen wird. Sie könnte wahrscheinlich jederzeit jedes Amt übernehmen - bis auf Papst. Aber ich glaube nicht, dass sie Interesse daran hat.

Interview: Cindy Boden

Rubriklistenbild: © Achille Abboud via www.imago-ima

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare