Angela Merkel trägt eine Tasche und geht aus dem Bundestag.
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Angela Merkel geht durch die wohl schwerste Krise ihrer Kanzlerschaft

„Von oben nach unten herab“

Corona-Pandemie: Aus Merkel spricht die Wissenschaftlerin - selbst Vertraute kritisiert jetzt ihren Stil

  • Josef Forster
    VonJosef Forster
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Angela Merkel geht durch die wohl schwerste Krise ihrer Kanzlerschaft. Sie vergräbt sich in Corona-Zahlen und sucht Lösungen. Die Wissenschaft ist ihr treuer Begleiter.

Berlin - Wer soll das verstehen? Anglizismen, Fachbegriffe, Schachtelsätze mit über 30 Wörtern. Die Universität Hohenheim veröffentlichte am Dienstag eine Studie, die zeigt: Pressemitteilungen der Bundesregierung während der Corona-Pandemie sind oft unverständlich. „Informationen zur Corona-Pandemie und zu den staatlichen Schutzmaßnahmen sollten besonders verständlich sein. Sie sind es aber nicht“, merkt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider an.

Besonders kreativ zeigt sich die Bundesregierung bei Wort-Neuschöpfungen und Fachbegriffen, die die Leser:innen oft ratlos zurücklassen. „Coronavirus Digital Content Hub“ oder „SARS-CoV-2-Genomsequenzen“ sind nur zwei Beispiele unverständlicher Fachbegriffe. Doch nicht nur die Pressemitteilungen sind nur schwer zu verstehen, auch die Botschaften der Kanzlerin Angela Merkel lassen viele Zuhörer:innen teils ratlos zurück.

Angela Merkel besinnt sich in der Corona-Pandemie auf ihre naturwissenschaftliche Ausbildung

Im April des vergangenen Jahres beeindruckte Angela Merkel in der Bundespressekonferenz mit ihren Rechenkünsten. Die Diplomphysikerin zeigte anhand einer Modellrechnung auf, wie schnell das Gesundheitssystem an seine Grenzen käme - wenn die Übertragung des Coronavirus nicht eingebremst werde. Sachlich und nüchtern analysierte die Naturwissenschaftlerin das Infektionsgeschehen. Damals für ihre Klarheit noch gelobt, nahm die Kritik an den Botschaften der Kanzlerin in den Folgemonaten zu.

Spätestens als das Kanzleramt im vergangenen Herbst Familien vorschlug, dass Kinder nur noch je einen Freund treffen sollten, wuchsen die Zweifel. Sicher wäre die Maßnahme zur Eindämmung des Virus wichtig gewesen, doch der streng wissenschaftliche Fokus der Bundesregierung kostete Sympathien. „Manchmal hätte ich mir mehr empathische Momente von ihr gewünscht, mehr Worte der Zuversicht und Hoffnung“, zitiert der Spiegel eine Vertraute. Doch nicht nur die Bevölkerung tut sich mit der Kommunikation der Maßnahmen zunehmend schwer, auch aus eigenen Reihen hagelt es Kritik.

Armin Laschet kritisiert Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels stark

Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident und CDU-Vorsitzender, torpedierte am Montag die Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels. Der 60-Jährige rückte von dem Inzidenzwert 35 als Messlatte für Corona-Lockerungen ab und griff die Verfechter eines harten Lockdowns an: „Populär ist, alles verbieten, streng sein, die Bürger behandeln wie unmündige Kinder“, so Laschet. Neben dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder wird auch Angela Merkel als Verfechterin eines harten Lockdowns gesehen. Will sich der NRW-Ministerpräsident mit seinen Aussagen machtpolitisch neu positionieren oder steckt eine grundlegende Kritik an der Corona-Politik hinter seinen Vorwürfen?

Am Dienstag ließ sich Armin Laschet im heute-journal in die Karten blicken. Im Gespräch mit Claus Kleber prangert der CDU-Vorsitzende die Art und Weise an, wie über das Virus und die Gegenmaßnahmen gesprochen werde. Er störe sich daran, wie auch politische Entscheidungsträger:innen über das Virus und Gegenmaßnahmen sprechen. Dies geschehe „von oben nach unten herab“, so Laschet. Ein Seitenhieb auf die Erklärungsversuche des Kanzleramts, die Inzidenz-Marke von 50 auf 35 zu senken? Wie Angela Merkel Tage zuvor im ZDF erläuterte, solle erst über Lockerungen beraten werden, wenn die Marke von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner:innen erreicht werde.

„Fachidioten-Turm“: Journalistin übt bei Anne Will harte Kritik

Am 14. Februar saßen Spitzenpolitiker:innen und die Journalistin Melanie Amann bei Anne Will zusammen, um über die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz zu diskutieren. Während Olaf Scholz (SPD) als Bundesfinanzminister und Mitglied von Angela Merkels Kabinett die Beschlüsse verteidigte, fand vor allem die Spiegel-Journalistin deutliche Worte für die beschlossenen Maßnahmen: „Nachdem alle auf die 50 hingefiebert haben, hat man hier lapidar und ohne eine verständliche Sprache für die Leute eine neue Zahl eingefügt, ohne zu sagen, warum eigentlich.“ Amann kritisiert die Kommunikation der Kanzlerin scharf, die sich als Naturwissenschaftlerin in den „Fachidioten-Turm“ zurückgezogen habe, ohne Gespür dafür, dass die Menschen eine „Hoffnungsperspektive“ benötigen würden.

Es zeigt sich, dass die Kommunikation der Bundesregierung auf teils heftige Kritik seitens Politik und Gesellschaft trifft. Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider erinnert in der Studie der Uni Hohenheim: „In Krisenzeiten suchen Menschen Informationen und Orientierung. Regierungen sollten beides liefern. Und zwar in einer auch für Laien verständlichen Form.“ Nach Meinung vieler Beobachter:innen kommt die Bundesregierung um Angela Merkel dieser Maßnahme nicht nach. Und läuft so Gefahr, den Rückhalt der Bevölkerung zu verspielen. (jjf)

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