„Verschwörungstheorien sind zynisch und grausam“: Angela Merkel bei ihrer Rede.
+
„Verschwörungstheorien sind zynisch und grausam“: Angela Merkel bei ihrer Rede.

Anstrengendes letztes Jahr

Merkels Neujahrsansprache: Plant Kanzlerin etwa eine fünfte Amtszeit? - „Aller Voraussicht nach ...“

  • Mike Schier
    vonMike Schier
    schließen

Es ist ihre letzte Neujahrsansprache: Angela Merkel trauert um die Toten des Coronavirus, spricht von einer historischen Krise, macht Mut. Und lässt mit einem kleinen Einschub aufhorchen.

  • In ihrer Neujahrsansprache wird Kanzlerin Angela Merkel deutlich.
  • Das Corona*-Jahr 2020 war so schwer wie seit 15 Jahren nicht mehr.
  • Sie geht auch streng mit den Verschwörungstheoretikern ins Gericht.

München - Es gibt Jahre, in denen Neujahrsansprachen von Politikern zum lästigen Pflichtprogramm gehören. In Corona-Zeiten aber ist es wichtiger als sonst, das große Ganze im Blick zu haben. Erst recht, wenn man Angela Merkel* heißt, die ins letzte Jahr in ihrer langen Amtszeit als Kanzlerin geht. Deshalb stutzt man kurz, als die 66-Jährige gegen Ende ihrer Ansprache „noch etwas Persönliches“ sagen will: Sie werde ja in neun Monaten nicht mehr bei der Bundestagswahl antreten, beginnt sie. Und dann: „Dies ist deshalb heute aller Voraussicht nach das letzte Mal, dass ich mich als Bundeskanzlerin mit einer Neujahrsansprache an Sie wenden darf.“

Merkel sieht mit „viel Hoffnung dem neuen Jahr entgegen“

Aller Voraussicht nach? Die Herren Merz, Laschet und Röttgen dürften die kleine Einschränkung kaum überhören. Merkel wollte wohl andeuten, dass Koalitionsverhandlungen vielleicht auch bis Anfang 2022 dauern könnten. Es ist der einzige Moment, in dem ihr Auftritt überrascht. Ansonsten sagt sie in ihrer nüchternen Merkel-Art, was man nach so einem Jahr sagen muss. 2020 hätte eigentlich keine Zuspitzungen nötig. Merkel wählt dennoch einige Superlative: „Nie in den letzten 15 Jahren haben wir alle das alte Jahr als so schwer empfunden – und nie haben wir trotz aller Sorgen und mancher Skepsis mit so viel Hoffnung dem neuen Jahr entgegengesehen.“

Vom ruhigen Ausklingen der Kanzlerschaft kann nach der langen Amtszeit keine Rede sein. Vor einem Jahr hatten ihr viele ein Dasein als „lame duck“ prophezeit – von wegen. EU-Ratspräsidentschaft, Brexit-Verhandlungen, Corona-Krisengipfel auf Krisengipfel; Die Kanzlerin ist so gefragt und eingespannt wie immer. Schon diskutiert die Union eine Verschiebung der Kür des Kanzlerkandidaten, weil der Nachfolger neben der Amtsinhaberin allzu klein wirken könnte.

Trauer um die Corona-Toten: Merkel spricht von einem atemlosen Jahr

Doch Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie in ihrer Neujahrsansprache allzu viel über die eigene Befindlichkeit reden würde. Das „persönliche Wort“ ist zu Ende, ehe es richtig begonnen hat. Im Mittelpunkt stehen das Coronavirus* und die Opfer, die es gefordert hat. „Am Ende dieses atemlosen Jahres heißt es auch, einmal innezuhalten – und zu trauern“, sagt sie. „Wir dürfen als Gesellschaft nicht vergessen, wie viele einen geliebten Menschen verloren haben, ohne ihm in den letzten Stunden nah sein zu können.“ Armin Laschet* hatte sich unlängst sogar für die strikten Regelungen für Alten- und Pflegeheime im Frühjahr entschuldigt. So weit geht Merkel nicht.

Sie dankt Ärzten, Schwestern und Pflegern, den Mitarbeitern der Gesundheitszentren und der Bundeswehr. Und sie rügt all jene, die die Gefahr des Virus leugneten. „Verschwörungstheorien sind nicht nur unwahr und gefährlich, sie sind auch zynisch und grausam“ den Menschen gegenüber, die durch die Krankheit geliebte Menschen verloren hätten.

Merkel wird sich impfen lassen, „wenn ich an der Reihe bin“

Merkels Ausblick auf 2021 ist nicht düster. Gleich in der ersten Woche stehen die nächsten unangenehmen Entscheidungen an. Am 5. Januar will sie mit den Ministerpräsidenten über eine Verlängerung des Lockdowns* beraten. Die Infektionszahlen deuten kein Ende der Einschränkungen an. Doch in ihrer Ansprache hält sich die Kanzlerin nicht allzu lange damit auf. Ihre Hoffnung liegt im Impfstoff und in der Forschung – gerade auch aus Deutschland. Über die Diskussion wegen der holprigen Einführung hierzulande geht sie hinweg. Auf öffentlichkeitswirksame Bilder der Kanzlerin mit hochgekrempeltem Ärmel wird das Land noch länger warten müssen. „Auch ich werde mich impfen lassen, wenn ich an der Reihe bin.“

Das dürfte frühestens im Frühjahr der Fall sein, wenn Merkel auf die Zielgerade ihrer Amtszeit einbiegt. Bis dahin hat sie viel zu tun. „Die Pandemie war und ist eine politische, soziale, ökonomische Jahrhundertaufgabe“, sagt die Kanzlerin. „Sie ist eine historische Krise, die allen viel und manchen zu viel auferlegt hat.“ Merkel wird weiterarbeiten und dann aus dem Kanzleramt scheiden. Aller Voraussicht nach. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare