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Schlechte Geschäfte mit der CSU hat BISS-Verkäufer Frank Schmidt gemacht. foto: zim
Schlechte Geschäfte mit der CSU hat BISS-Verkäufer Frank Schmidt gemacht. foto: zim

Dachau - Angela Merkel verkaufte im Dachauer Festzelt ihre politischen Ansichten. Frank Schmidt musste seine BISS-Zeitungen draußen verkaufen. Die Security ließ ihn nicht ins Festzelt. Ohne Angabe von Gründen. Es war bereits der zweite Vorfall dieser Art bei einer CSU-Veranstaltung.

Täglich schlenderte der gebürtige Hamburger Frank Schmidt (46) während des Dachauer Volksfestes durch die Bierbankreihen des großen Zeltes und bot die Obdachlosenzeitung BISS feil. „Ich mach’ keine doofen Sprüche, bin immer verbindlich und freundlich“, erklärt der kräftige Hanseate mit dem dichten Spitzbart, der seit 1999 die BISS verkauft. Sieben Jahre zuvor war sein Fuhrunternehmen pleite gegangen. Schmidt konnte seine Kredite nicht mehr bedienen. Trucks, Wohnung, Freunde, alles weg. „Natürlich durfte er rein“, sagt Festwirt Michael Groß. Am Tag nach der Wiesn war das plötzlich anders.

Schmidt stand am Dienstag Schlag 17 Uhr in der Schlange vor dem Zelt, indem um 20 Uhr die große Merkel-Show beginnen sollte. JU-Mitglieder des veranstaltenden Dachauer CSU-Ortsverbandes kontrollierten die Besucher. Das Sagen aber hatte eine Dame vom Wachdienst der Kanzlerin. Als die Aufpasserin Schmidt erblickte, sprach sie ein paar Worte ins Mobilfon, wartete kurz ab und schickte Schmidt fort. „Sie hat nur gesagt: Sie kommen nicht rein. Ohne Begründung“, so der 46-Jährige.

Schmidt verkaufte fortan die BISS vor dem Zelt. Ein Exemplar erwarb der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath. Sein Eindruck: „Ich habe mit dem Mann gesprochen, er wirkte nicht sonderlich traurig.“

Doch Frank Schmidt war traurig: „Drinnen hätte ich mehr verkauft. Bevor die Merkel spricht, sitzen die Leute am Tisch, langweilen sich oder haben gute Laune nach der ersten Mass. Da verkauft sich’s gut.“ Mehr jedenfalls, als die 40 Stück, die er draußen vertickte, ist er sich sicher. Um 21 Uhr machte sich der Verkäufer auf den Nachhauseweg. „Es sollte nicht sein“, sagt er nachdenklich, „aber sie hätten das C in ihrem Namen schon betonen können, indem sie mich reinlassen.“

Der christlichen Partei ist die Sache peinlich. „Wir haben unseren Leuten gesagt: Das ist eine öffentliche Veranstaltung, lasst jeden rein“, erklärt der Dachauer CSU-Ortsvorsitzende Peter Strauch, der allerdings betont, dass für den Einlass der Wachdienst der Kanzlerin verantwortlich gewesen sei. Die Bayern-CSU gibt sich ebenfalls kleinlaut: „Wir bedauern den Vorfall, denn Verkäufer der BISS sind uns selbstverständlich auf unseren Veranstaltungen willkommen“, so ein Sprecher.

Nicht immer. Bereits am 11. Juli sei der BISS-Verkäufer Jürgen Keißler bei einem Auftritt von Ministerpräsident Horst Seehofer in Fürstenfeldbruck der Zutritt verwehrt worden, sagt BISS-Vertriebsleiter Johannes Denninger. „Ich verstehe nicht, warum uns die CSU boykottiert.“ „Ich war schon oft bei Veranstaltungen der SPD oder den Grünen. Nie gab es Probleme“, ergänzt Frank Schmidt.

Der 46-Jährige, der heute in einer kleinen Wohnung in München lebt, hat es nach vielen harten Jahren auf der Straße mit BISS geschafft, unabhängig von Leistungen des Staates zu sein. Am Dienstag jubelten 4500 Menschen Angela Merkel zu. Was für eine große Anzahl von gutgelaunten, potenziellen Kunden für einen Mann, der sich 2,20 Euro für 2,20 Euro (soviel kostet ein BISS-Exemplar) aus dem Lebens-Schlamassel hieven muss.

Thomas Zimmerly

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