„Nicht so viele Todesopfer“

„Monumentales Versagen“: War Merkels Regierung Tage vor der Flut-Katastrophe gewarnt? 

  • Anna-Katharina Ahnefeld
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Die Unwetter-Katastrophe hat Deutschland erschüttert. Eine britische Hochwasser-Expertin erhebt schwere Vorwürfe.

London – Hätte man besser auf die Unwetter-Katastrophe im Westen Deutschland vorbereitet sein müssen? Die britische Hochwasser-Expertin Hannah Cloke erhebt Vorwürfe. In einem Beitrag der britischen Nachrichtenzeitung The Sunday Times rügte die Wissenschaftlerin ein „monumentales Versagen“. Die Times titelte: „Deutschland wusste, dass die Überschwemmungen kommen, aber die Warnungen haben nicht funktioniert“. Worauf begründet sich der massive Vorwurf?

Auch die ZDF-Nachrichtensendung „heute“ berichtet. Dem öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber sagte die Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading: „Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht.“ Cloke selbst war am Aufbau des Europäischen Flutwarnsystems EFAS beteilig. Sie betonte, alle notwendigen Warnmeldungen der Wetter-Dienste seien erfolgt. „Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind“, so die Expertin. Es fehle eine bundesweit einheitliche Herangehensweise an Flutrisiken mit unterschiedlichen Flutpläne für verschiedene Szenarien.

„Monumentales Versagen“: War Merkels Regierung Tage vor der Flut-Katastrophe gewarnt? 

„Im Jahr 2021 sollten wir nicht so viele Todesopfer zu beklagen haben“, ist Cloke überzeugt. Nach dem Unwetter und den Überschwemmungen ist die Zahl der Todesopfer in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz aktuell auf über 150 Menschen angestiegen. Die Bergungen und die Suche nach Vermissten dauern noch an. In der britischen Zeitung erklärte die Hochwasser-Expertin weiter, dass das Europäische Flutwarnsystems EFAS bereits am 10. Juli „Warnungen an die deutsche und die belgische Regierung“ übermittelt habe.

Weiter seien in den darauffolgenden Tagen detaillierte Diagramme verschickt worden, die anzeigten, wo das Hochwasser am heftigsten auftreten werde. „Die Menschen hätten Warnungen erhalten haben sollen. Die Menschen hätten die Warnungen verstehen müssen. Es nützt nichts, riesige Computermodelle zu haben, die vorhersagen, was passieren wird, wenn die Leute nicht wissen, was sie bei einer Flut tun sollen.“ Cloke ist überzeugt: „Die Tatsache, dass Menschen nicht evakuiert wurden oder die Warnungen nicht erhalten haben, legt nahe, dass etwas schiefgegangen ist.“

Das Hochwasser der Erft verwüstete den historischen Kern der Stadt Bad Münstereifel

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) sieht indes keine Verfehlungen auf seiner Seite. „Wir haben getan, was zu tun war“, sagte ein Sprecher gegenüber „heute“. Man habe die jeweiligen Gemeinden vor Regenmengen von bis zu 200 Litern pro Quadratmeter gewarnt. In vielen Orten habe die höchste Warnstufe gegolten. Eine Rüge geht von DWD an die Medienbranche: Die Warnmeldungen seien nicht von allen Medien verbreitet worden. Für den Katastrophenschutz seien in Deutschland insbesondere die Landkreise, kreisfreien Städte und Kommunen verantwortlich.

Auch der DWD-Meteorologe Marcus Beyer äußerte sich kritisch. Auf Twitter schrieb er: „Warum sind so viele Menschen gestorben? Warnungen wurden Tage im Voraus ausgesprochen. Das Ausmaß der Niederschläge wurde von den Modellen der nächsten Tage gut erfasst. Am Montagmorgen (drei Tage im Voraus) wurden erste Vorwarnungen ausgesprochen.“

Unwetter-Katastrophe in Deutschland: Altmaier will Arbeit des Katastrophenschutzes prüfen

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) fordert eine umfassende Aufarbeitung etwaiger Fehler beim Katastrophenschutz bei der Flutkatastrophe in Westdeutschland. „Es muss, sobald wir die unmittelbare Hilfe geleistet haben, auch geschaut werden: Gibt es Dinge, die nicht gut gelaufen sind, gibt es Dinge, die schief gelaufen sind? Und dann muss korrigiert werden“, sagte der CDU-Politiker am Sonntag im Bild-live-Politiktalk „Die richtigen Fragen“. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, es gehe um Verbesserungen für die Zukunft, so Altmaier.

Altmaier sagte, anders als bei früheren Hochwasserkatastrophen hätten die Menschen diesmal nicht Stunden oder Tage gehabt, um sich vorzubereiten. Deshalb müsse man darüber reden: „Haben wir ausreichend Vorsorge getroffen, um solche Ereignisse rechtzeitig zu erkennen?“ In Bayern, Österreich und an anderen Orten gebe es ja bereits ähnliche Geschehnisse. „Das ist ein wichtiger Warnschlag, ein Warnsignal für uns alle“, sagte Altmaier.

Hochwasser-Expertin Cloke appellierte auch an die Verantwortung des Einzelnen in der Vorsorge. Denn: „Mit dem Klimawandel werden solche Ereignisse nur noch häufiger auftreten.“ (aka mit dpa)

Während Bundespräsident Steinmeier angesichts der Unwetter-Katastrophe Trost spendet, lacht Laschet* im Hintergrund. Ein ungünstiges Bild für einen Kanzlerkandidaten.

Rubriklistenbild: © Christof Stache/AFP

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