Angela Merkel und Donald Trump 2018 im Weißen Haus.
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Eine schwierige Beziehung: Angela Merkel und Donald Trump 2018 im Weißen Haus.

Letzte US-Reise der Kanzlerin

„Weißwurst-Massaker“ und „Gift der Beiläufigkeit“: Merkels Momente mit mächtigen Männern

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Vier US-Präsidenten hat Angela Merkel als Kanzlerin erlebt. Einer pries ihre „großen, blauen Augen“, ein anderer lud auf die Ranch. Die prägendsten transatlantischen Momente.

Washington, D.C./Berlin - Ein Hauch von Historie dürfte am Donnerstag den Besuch von Angela Merkel (CDU) in Washington umwehen: Zum wohl letzten Mal hat sich die Kanzlerin zu einer Arbeitsreise in die USA aufgemacht. Mit Joe Biden trifft sie den bereits vierten US-Präsidenten ihrer 16 Jahre währenden Amtszeit als Regierungschefin. Eine leicht skurrile Randnotiz dabei: Die „alte“ Kanzlerin zählt 66 Lebensjahre. Der „Neue“ im Weißen Haus derer 78.

Es ist jedenfalls ein Termin bei dem so einige Erinnerungen hochkommen werden: Als Merkel 2005 das Kanzleramt von Gerhard Schröder übernahm, amtierte in Washington George W. Bush - damals eine Reizfigur in Deutschland. Aus heutiger Sicht ein Republikaner alter, seriöser Schule.

Die Ära von Nachfolger Barack Obama lieferte ab 2009 zunächst eher harmonische transatlantische Jahre. Aber auch allem Anschein nach fotografisch dokumentierten Dissens - und den Eklat um ein aus den Vereinigten Staaten abgehörtes Kanzlerinnen-Handy. Trotzdem schien immer gegeben, dass die Bundesrepublik und die USA um enge Bande bemüht sind. Bis die kurze Amtszeit Donald Trumps dann auf einer sehr ernsten Ebene zu einem Bruch der Beziehungen zwischen Berlin und Washington geriet. Zugleich versorgte sie die Welt mit schrägen Dokumenten einer sehr ungleichen Arbeitsbeziehung.

Die prägnantesten Momente von Merkels US-Reisen und die Urteile der Männer im Weißen Haus über ihre Zusammenarbeit mit der Kanzlerin im Überblick:

George W. Bush und Angela Merkel: Kitt für die US-Beziehungen - und ein ost-faszinierter Präsident

Nach ihrer Wahl zur Kanzlerin 2005 machte sich Merkel sofort an die Reparatur des Verhältnisses zur US-Regierung - das Band über den Atlantik hatte am Streit um den Irak-Krieg unter ihrem Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) Schaden genommen. Der Republikaner Bush, der in seinen Reden gerne den Wert der Freiheit beschwor, war besonders angetan von der Ost-Biografie der Kanzlerin und lud sie ein auf seine Ranch in Texas.

Get into my car: George W. Bush chauffiert Angela Merkel 2007 über seine Ranch.

„Ich war fasziniert davon, wie Angela ihr Aufwachsen im kommunistischen Ostdeutschland beschrieb“, erinnerte sich Bush später in seiner Autobiografie. „Angela war vertrauenswürdig, engagiert, warmherzig. Sie wurde eine meiner engsten Freundinnen auf der Weltbühne.“ In der Deutschen Welle schwärmte Bush dieser Tage geradezu von der scheidenden Kanzlerin: „Angela Merkel hat ihre sehr wichtige Position mit Klasse und Würde ausgefüllt. Sie hat getan, was das Beste für Deutschland war, und sie hat es basierend auf Prinzipien getan.“

Die Themen von damals sind allerdings immer noch aktuell - sprich, beileibe nicht gelöst: Das lange Zeit zähe US-Engagement im Kampf gegen den Klimawandel, der - inzwischen so gut wie beendete - Militäreinsatz in Afghanistan als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf die USA, der Atomstreit mit dem Iran.

Barack Obama und Angela Merkel: Eine stabile Beziehung - Freunde wohl eher nicht

Große Nähe war zwischen Merkel und Obama nie. Den Hype um den Demokraten im Wahlkampf 2008, die „Obamania“, betrachtete Merkel zwar zunächst mit spöttischer Distanz. Die beiderseitige Beziehung begann damit, dass Obama als Wahlkämpfer 2008 nicht wie gewünscht am Brandenburger Tor in Berlin reden durfte, er musste an die nahe gelegene Siegessäule ausweichen. Merkel fand dann aber dennoch Zugang zu dem intellektuellen neuen Präsidenten, an dem sie seinen „fixen Verstand“ schätzte. Obama erwiderte die Wertschätzung, auch wenn beide politisch nicht immer auf einer Linie waren. So empfand der US-Präsident die Kanzlerin beispielsweise in der europäischen Staatsschuldenkrise als zu zögerlich.

„Je besser ich Angela Merkel kennengelernt hatte, desto sympathischer war sie mir geworden“, schrieb Obama später in seiner Autobiografie. „Ich empfand sie als zuverlässig, ehrlich, intellektuell präzise und auf eine natürliche Art freundlich.“ In dem Buch würdigt Obama auch Merkels „Mischung aus organisatorischem Geschick, strategischem Scharfsinn und unerschütterlicher Geduld“ - und ihre „großen und strahlend blauen“ Augen.

In diesen Augen will Obamas damaliger Spitzenberater Ben Rhodes „eine einzelne Träne“ entdeckt haben, als der US-Präsident 2016 zu einem emotionalen Abschiedsbesuch in Berlin weilte. Erbost hatte Merkel allerdings reagiert, als 2013 eine Spähaktion des US-Geheimdienstes NSA gegen ihr Handy aufflog. „Abhören unter Freunden - das geht gar nicht“, sagte die Kanzlerin.

Angela Merkel und Barack Obama 2015 beim G7-Gipfel in Oberbayern.

Ein bemerkenswertes Foto lieferte auch der G7-Gipfel 2015 im oberbayerischen Elmau: Der US-Präsident mit ausgebreiteten Armen auf einer Bank vor dem imposanten Alpenpanorama - und eine offenbar ärgerlich gestikulierende Kanzlerin. Was da besprochen wurde, darüber wird bis heute gerätselt. Das Sitzmöbel jedenfalls wurde weltberühmt. Die wohl amüsanteste Anekdote dieser Begegnung: Bei einem Termin auf dem Marktplatz von Krün war Obama dabei, eine Weißwurst zu verspeisen - mitsamt Haut. Die Überlieferung will es, dass Merkel einschritt, um den mächtigsten Mann der Welt vor einem Wurst-Fauxpas zu bewahren. Andere Quellen lassen ihren Mann Joachim Sauer den entscheidenden Tipp geben. Obama mied in der Folge die Pelle jedenfalls gewissenhaft. Und veranstaltete, so heißt es, bei diesem Versuch ein „Weißwurstmassaker“.

What a drink! Barack Obama probiert in Oberbayern ein Weißbier - angeblich alkoholfrei.

Donald Trump: Ein „bezaubernder“ US-Präsident? Eiszeit zwischen Deutschland und den Staaten

Mit Donald Trumps Amtsantritt Anfang 2017 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Washington und Berlin rapide. Der Rechtspopulist im Weißen Haus pfiff auf internationale Abmachungen, brüskierte regelmäßig die Bundesregierung und attackierte Berlin in Handelsfragen und wegen der deutschen Verteidigungsausgaben. Im vergangenen Sommer berichtete der US-Investigativjournalist Carl Bernstein, Trump habe die Kanzlerin in einem Telefonat einmal als „dumm“ beschimpft und ihr vorgeworfen, in der Hand der Russen zu sein.

Ein ikonisches Foto aus der Ära Trump: Angela Merkel scheint beim G7-Gipfel in Kanada ihre Meinung zu sagen.

Merkel wiederum kaschierte kaum ihre Geringschätzung für Trump und griff dabei auf ihr bekanntes Mienenspiel zurück. Bei einem Besuch Merkels im Weißen Haus im März 2017 war das unterkühlte Verhältnis deutlich spürbar. Unvergessen, wie die Kanzlerin auch im April 2018 demonstrativ in ihren Unterlagen kramte, als Trump ihr in aller Öffentlichkeit seine Kritikpunkte aufzählte - etwa den aus seiner Sicht viel zu geringen Beitrag Berlins zur Nato.

Große Bekanntheit erlangte ein Schnappschuss, auf dem Trump geradezu wie ein trotziger Junge vor sich hin stierte - während Merkel amüsiert die Schultern zu zucken schien. Zwei Monate später distanzierte sich Merkel in einer berühmt gewordenen Bierzeltrede in Bayern deutlich von Trump: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“ Ein Einschnitt, der wohl auf Jahre hin zu spüren sein wird.

Eisig schien auch dieser Moment zwischen Angela Merkel und Donald Trump - wohl nicht nur wegen der Temperaturen in Paris.

Ein wiederum recht amüsantes Nachspiel einer Begegnung zwischen Merkel und Trump lieferte dann die Sommerpressekonferenz der Kanzlerin 2020. Ob Trump sie - wie vom mittlerweile abberufenen Botschafter Richard Grenell kolportiert - „bezaubert“ habe, wollte eine Journalistin von Merkel wissen. Die konnte offenbar ihren Ohren nicht trauen: „Ob er was habe?“, lautete ihre Nachfrage. Die kühle Antwort der Kanzlerin schließlich: „Ach so.“ Es war, in englischen Worten, „Merkel in a nutshell“. Das Zeit-Magazin attestierte Merkel, das „Gift der Beiläufigkeit“ höchst effektiv eingesetzt zu haben. Ein Lacher war die Szene jedenfalls. Zu Trumps Fähigkeit als Charmeur äußerte sich die Kanzlerin übrigens nicht mehr. Sie berichte grundsätzlich nicht aus internen Gesprächen, ließ sie wissen.

Joe Biden und Angela Merkel: Alte Bekannte, alte Freundschaft? Einige Fragen bleiben

Mit Biden zog im Januar ein Transatlantiker alter Schule und verlässlicher Verhandlungspartner ins Weiße Haus ein - und Merkels Erleichterung war deutlich spürbar. Die beiden Spitzenpolitiker kennen sich natürlich auch schon seit Bidens Amtszeit als Obamas Vizepräsident. Beim G7-Gipfel in Großbritannien, wo sie den 78-Jährigen im Juni persönlich traf, sagte Merkel, es sei nicht so, dass die Welt allein durch Bidens Wahlsieg keine Probleme mehr habe. „Aber wir können mit neuem Elan an der Lösung dieser Probleme arbeiten.“

Zuletzt sind gleich mehrere Bundesminister nach Washington gereist und haben überschwänglich von einem neuen Geist der Zusammenarbeit berichtet. Konfliktthemen aber bleiben, unter anderem der Streit um die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Trotzdem dürften auch diesmal weniger die langen Linien der internationalen Politik in Erinnerung bleiben - sondern die Bilder eines weiteren Abschieds der Dauerkanzlerin Angela Merkel. Im Bundestag war zuletzt bereits ein solcher Moment des Lebewohlsagens zu beobachten. (fn/AFP/dpa)

Am Rande des G7-Gipfels in Cornwall: Angela Merkel und Joe Biden im Gespräch.

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