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Mit diesen Fahndungsfotos wird Anis Amri gesucht.

Psychogramm eines Attentäters?

So radikalisierte sich Anis Amri

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München - Anis Amri gilt als Hauptverdächtiger nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er Menschen schreckliches Leid antut.

Ganz Europa fahndet nach Anis Amri, dem mutmaßlichen Attentäter von Berlin. Die Hinweise verdichten sich, dass es tatsächlich der 24-jährige Tunesier war, der zwölf Menschen den Tod gebracht hat, 56 verletzt und mit seiner Tat Millionen zutiefst erschüttert hat.

Die Fingerabdrücke des Mannes, der als „Gefährder“ bekannt war, sollen am Steuerrad des Todes-Lkw sein. Die tz zeichnet die Spur des früh auf Abwege geratenen Bauernsohnes aus dem tunesischen Hinterland nach, und wie und wo er mit dem Hassvirus der Islamisten infiziert wurde. Ein Psychogramm.

Familie von Amri will es nicht glauben

Familie Amri.

Während Sicherheitskräfte per Haftbefehl, ganz Europa nach dem Terroristen durchkämmen, haben Ermittler in Tunesien am Donnerstag Amris Familie befragt - und die fiel aus allen Wolken. „Ich kann nicht glauben, dass er das getan haben soll.“ Schwester Najoua sagte, man habe regelmäßig über Facebook Kontakt gehabt. „Er war immer fröhlich und hat gelächelt.“

Bruder Abdelkader fügt hinzu, sollte Anis doch für den Anschlag verantwortlich sein, verdiene er „jede Strafe“. Gesehen hat man den verlorenen Sohn seit Ende 2010 nicht mehr, als er während der Aufstände des Arabischen Frühlings das Land verließ.

In Tunesien mehrmals festgenommen

Noch in seinem Heimatland wird der damals 19-Jährige mehrfach wegen Drogendelikten festgenommen. Laut Radiosender Tunisie Mosaique wird er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls sogar zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Um der zu entgehen, flieht er im Februar 2011 übers Mittelmeer nach Italien. Schon damals hat er keine Papiere, kann sich als Minderjähriger ausgeben. La Stampa berichtet, er habe in der Schule für „ein Klima des Schreckens“ gesorgt. Nachdem er zusammen mit Landsleuten einen italienischen Erzieher krankenhausreif geschlagen und versucht hat, die Schule anzuzünden, wird er in Catania zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Nach Anschlag: Berliner Weihnachtsmarkt wieder geöffnet

Italien schickt Amri weg

Nach der Haft wollen die Italiener den kriminellen Gewalttäter abschieben; auch hier gibt es Probleme, wie später in Deutschland: Tunesien will ihn nicht. Ausreisen muss der 23-Jährige aber; er macht sich nach Deutschland auf. Seine Daten werden noch in die Gemeinsame europäische Datenbank, das Schengener Informationssystem, eingespeist.

In der Bundesrepublik gibt er sich als politisch verfolgter Ägypter aus, fünf Alias-Namen sind bekannt. Weil er aber nichts über Ägypten weiß, wird sein Asylantrag innerhalb weniger Wochen im Sommer 2016 als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt plant der 24-Jährige Anschläge in Deutschland, wie ein V-Mann laut Focus am 21. Juli 2016 dem Landeskriminalamt (LKA) in NRW mitteilt. 

Als „Gefährder“ eingestuft

Polizei sichert Frankfurter Weihnachtsmarkt

Amri wird von mehreren Sicherheitsbehörden als „Gefährder“ eingestuft, weil er Kontakte zur radikal-islamischen Szene unterhält. Darunter der Hildesheimer Hassprediger Abu Walaa, der im November mit vier weiteren mutmaßlichen Mitgliedern eines IS-Rekrutierungszentrums festgenommen wird. Nach Informationen der New York Times stand er auf der „No-Fly-Liste“ und nachdem er im Internet nach Anleitungen für den Bau von Sprengsätzen gesucht habe, ermittelte der US-Geheimdienst. Monatelang wird in Berlin gegen Amri ermittelt - ohne stichhaltige Hinweise auf eine „staatsschutzrelevante Tatplanung“.

Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin rechtfertigt sich: Eine Observierung über den September hinaus sei unmöglich gewesen. Zwei Tage nach dem Attentat kommen die Papiere aus Tunesien, die eine Abschiebung ermöglicht hätten. Doch Amri ist weg.

BW

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