Annalena Baerbock
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Annalena Baerbock will für die Grünen in das Kanzleramt einziehen

Vor der Bundestagswahl

Trotz anhaltender Kritik: Ist für die Grünen noch das Kanzleramt drin?

  • Josef Forster
    VonJosef Forster
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Die Grünen um Co-Parteivorsitzende und Kanzlerkandidaten Baerbock drängten ins Kanzleramt. In den Umfragen rutscht die Partei jedoch seit Wochen ab - woher kommt die Trendumkehr?

Berlin/München - Eine Partei für Optimisten wollen die Grünen sein. Auch, wenn die globale Erwärmung und das Artensterben wenig Anlass für Freudensprünge gibt. Trotzdem: Die Grünen um ihr Führungsduo Annalena Baerbock und Robert Habeck sprühen bei ihrer Kampagne für die anstehende Bundestagswahl vor Tatendrang.

Mit Slogans wie „Unser Land kann viel, wenn man es lässt“ oder „Wirtschaft und Klima ohne Krise“ wirbt die Umwelt-Partei um die Wählergunst. Auf einem anderen Plakat versprechen die Grünen „Züge, Schulen, Internet - Ein Land, das einfach funktioniert“. Um ihre Forderungen einbringen zu können, sind die Grünen maßgeblich von einem erfolgreichen Bundestagswahlkampf abhängig. Doch im Rennen um die Kanzlerschaft straucheln sie. Besonders Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock rückt in den Fokus.

Grüne im Bundestagswahlkampf: Zustimmungswerte im Sinkflug

Noch im Mai durften sich die Grünen über herausragende Umfragewerte freuen. 27 Prozent der Deutschen würden nach einer Forsa-Umfrage vom 12. Mai ihr Kreuzchen bei den Grünen machen. Baerbock, Habeck und Co. überflügelten die Union (24 Prozent), der Höhepunkt war erreicht. Seitdem zeigt der Umfragetrend für die Grünen nach unten. Vorläufiger Tiefpunkt: Die Insa-Erhebung vom 10. Juli, die den Grünen 17 Prozent bescherte. Zum ersten Mal seit März war man unter die 20-Prozent-Marke gefallen. Vor einigen Monaten noch schien der Sieg über die Union realistisch, so sehen sich die Grünen nun von der SPD bedrängt, die in derselben Umfrage ebenfalls 17 Prozent erreichte.

Manch politischer Beobachter macht Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock für ihren Wahlkampf zum Sündenbock, politische Mitbewerber springen der angeschlagenen Grünen-Co-Vorsitzenden zur Seite. Ist der Bundestagswahlkampf für die Grünen noch zu retten?

Annalena Baerbock stolpert im Wahlkampf über ihr Buch, Nebeneinkünfte und Lebenslauf

„Wir stehen für einen neuen Aufbruch zusammen mit unserem Spitzenduo Annalena Baerbock und Robert Habeck“, betonte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner bei der Vorstellung der Wahlkampagne seiner Partei am 12. Juli. Die Grünen setzen Segel Richtung Bundestagswahlkampf 2021 - und wollen dabei die Kontroversen um ihre Co-Vorsitzende hinter sich lassen. Im Mai geriet die Unionsfraktion des Bundestags in die Schlagzeilen. Abgeordnete hatten sich mit schmutzigen Maskendeals bereichert, Parteiaustritte waren die Folge. Eigentlich die perfekte Gelegenheit, um die Regierungspartei anzugreifen. Doch die Grünen mussten sich selbst erklären.

Annalena Baerbock verpasste es, Nebeneinkünfte aus den Jahren 2018 bis 2021 fristgerecht dem Bundestag zu melden. Die Unachtsamkeit steht in keinem Verhältnis zu den illegalen Masken-Deals der Unionsabgeordneten, für politische Mitbewerber ist es jedoch ein gefundenes Fressen. Der Fauxpas markierte den Anfang einer Fehlerkette, die die Grünen ins Umfrage-Tief stieß.

In den Folgemonaten rückte dann Baerbocks Lebenslauf in den Fokus. Auf ihrer offiziellen Webseite veröffentlichte sie falsche Informationen. So war etwa zu lesen, sie sei Mitglied beim UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, obwohl diese Organisation gar keine Einzelpersonen aufnimmt. Baerbock räumte Fehler ein, doch zum Auftakt des heißen Bundestagswahlkampfes veröffentlichte Annalena Baerbock das Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“. Plagiatsvorwürfe das österreichischen Medienrechtlers Stefan Weber folgten prompt. Baerbock gab sich in einem SZ-Interview einsichtig: „Rückblickend wäre es sicherlich besser gewesen, wenn ich doch mit einem Quellenverzeichnis gearbeitet hätte“, betonte die Grünen-Politikerin. Doch da kochte die Debatte schon hoch - auch mit unfairen Mitteln.

Annalena Baerbock unter Beschuss - Gabriel und Seehofer springen der Grünen-Chefin bei

Doch Gegenwind bekommt Baerbock keineswegs nur wegen eigener Fehler zu spüren - sondern auch von Lobbygruppen aus der Wirtschaft. Just zum Parteitag schaltete die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ eine Anzeige, in der die Kanzlerkandidatin im Moses-Gewand gezeigt wird - daneben war zu lesen: „Annalena und die zehn Verbote“. Ehemalige politische Mitbewerber wie Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) stellten sich nach anhaltender und unsachlicher Kritik auf Baerbocks Seite. „Ich halte das einfach für übertrieben“, gab Seehofer gegenüber der Süddeutschen Zeitung zu verstehen.

Doch die andauernden Debatten haben Spuren hinterlassen. Olaf Scholz und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet sind derzeit beliebter. Im „Sonntagstrend“ vom 11. Juli kommen beide auf 19 Prozent Zustimmungswerte, Annalena Baerbock verbessert sich geringfügig auf 15 Prozent. Bis zur Bundestagswahl am 26. September werden sich die Zustimmungswerte wohl nochmal verschieben. In welche Richtung es für die Grünen geht, liegt vor allem in Annalena Baerbocks Händen. (dpa/AFP/jjf)

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