Anne Will mit Gästen in ihrem Studio
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Anne Will mit Gästen in ihrem Studio

Corona-Talk im Ersten

„Anne Will“: Herber Schlag gegen Markus Söder - Gast nimmt Viktualienmarkt-Regeln auseinander

Vor dem Merkel-Gipfel am Dienstag zieht Anne Will ein vorläufiges Corona-Resümee. Kommen wieder mehr Maßnahmen oder geht es künftig um mehr Eigenverantwortung?

  • Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) mahnt: Wir geben nicht den einen richtigen Weg von oben vor.  
  • Seitenhieb gegen Söder: Härtere Maßnahmen bedeuten nicht mehr Schutz gegen Corona
  • Harter Vorwurf an Schweden: Hat der Staat älteren Menschen „geopfert“? 

Der Titel der Sendung klang wie eine Forderung nach mehr: „Reichen die Maßnahmen aus?“, stellte Anne Will als provokante Frage in die Runde. Doch die Gäste waren sich überraschend einig. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) setzte auf den Grundsatz: Eigentlich steht Deutschland im internationalen Vergleich gut da. Diese Taktik nahm selbst FDP-Vize Wolfgang Kubicki den Biss. 

Anne Will - Die Gäste:

  • Olaf Scholz (SPD) - Finanzminister und Vizekanzler 
  • Wolfgang Kubicki (FDP) - Bundestagsvizepräsident und stellvertretender Parteivorsitzender 
  • Prof. Melanie Brinkmann - Virologin am Institut für Genetik an der TU Braunschweig 
  • Prof. Alena Buyx - Vorsitzende des Deutschen Ethikrates 
  • Andreas Gassen - Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 

Kubicki fordert bei Anne Will Verfassungskonformität - Olaf Scholz lässt alle Möglichkeiten offen 

Über 2.500 Neuinfektionen pro Tag – der höchste Wert seit Anfang April – und derzeit 50 000 Schüler in Quarantäne. Anne Will* wollte von ihren Gästen wissen: Ist das erst der Anfang? Kommen wieder überregional Kontaktsperren, Mundschutz in der Öffentlichkeit, Alkoholverbote im Freien?

Zu Anfang versprach es, laut zu werden, Kubicki bohrte im wunden Punkt: „Wir müssen feststellen, dass es über 50 Urteile von Verwaltungs- und Verfassungsgerichten gibt, die dem Staat bescheinigen, dass seine Maßnahmen offensichtlich rechts- und verfassungswidrig sind.“ Wieso sei zum Beispiel Mundschutz in Schleswig-Holstein bei Windstärke vier notwendig? 

Ein gelassener Olaf Scholz lobte indes das föderale System und den Corona-Diskurs*: „Ich glaube, dass es unser Land auszeichnet, dass nicht einer oder eine die Richtung vorgibt, sondern dass wir das gemeinsam ausdiskutieren. Es ist eine Zeit, in der sich der Föderalismus bewährt – es wird sehr unterschiedlich nach den Regionen abgewogen.“ 

Scholz bei „Anne Will“: Der bisherige Corona-Weg sei richtig gewesen – Deutschland ein gutes Beispiel 

Die Ankündigung von Scholz, für Dienstag konkrete Kriterien des Bundes vorzulegen, wurde im fast freundschaftlichen Austausch der Runde als Selbstverständlichkeit angenommen. Will hakte dennoch nach: „Kommt das nicht etwas zu spät?“ Und Kubicki ganz ungewohnt zaghaft zu Scholz: „Wenn ich Ihnen für Dienstag noch einen Tipp geben darf…“ 

Scholz nahm dankbar, gelassen lächelnd an und blieb auf seinem „Alles geht – nichts muss“-Kurs: „Wir werden ständig neue Entscheidungen treffen. Wer das Gegenteil als Eindruck erweckt, nämlich, dass man einmal für alle Zeiten alles geregelt hat, der macht was falsch!“ 

Als Kubicki hier lachend auf SPD-Gesundheitsexperten Klaus Lauterbach verwies, der diese Beschreibung doch gut ausfülle, ignoriert Scholz beflissen den Einwurf und betonte erneut den Ausbau des Gesundheitsdienstes, die Corona-App und die vielen neuen Testmöglichkeiten. 

Anne Will: Ist der bayrische Weg gegen Corona gerechtfertigt – oder nur ein politisches Manöver?  

Andreas Gassen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung brachte die sich verlierende Diskussionsrunde* wieder etwas in Fahrt und hielt sich mit Kritik nicht zurück.  

Im Hinblick auf die Verschärfung in Bayern monierter er, es gebe Politiker im Süden, die den Eindruck erwecken: „Je härter die Maßnahmen, desto mehr schützen wir uns gegen Corona!“ Doch zu vermitteln, mit der Alltagsmaske auf dem Viktualienmarkt könne einem nichts mehr passieren, sei falsch. Wenn man Glück habe, sei lediglich das Risiko ein wenig reduziert. 

Bei „Anne Will“ brachte der Vergleich mit Schweden harte Worte und Kritik ein 

Die Expertinnen der Runde zeigten sich beide betroffen von Modell der skandinavischen Nachbarn. Melanie Brinkmann relativiert zunächst: Zwar hätte die Regierung kaum Maßnahmen per Gesetze erlassen, dennoch habe sich die Bevölkerung selbst reguliert. Das sei einem Lockdown sehr nahe gewesen. Versagt hätten die Schweden aber beim Schutz der älteren Menschen. Das sei „ethisch absolut katastrophal“ gelaufen. Ihre Kollegin Alena Buyx setzte noch einen drauf und sprach sogar von „Menschenopfern“. 

Top bei „Anne Will“: FDP und SPD einig für die Corona-App 

Gemeinsam rangen sich die Bundespolitiker Scholz und Kubicki zu einer Aufforderung an die Zuschauer durch, die Corona-App herunterzuladen und auch zu nutzen. Kubicki versicherte: „Die Daten sind sicher, bleiben beim Nutzer.“  

Flop bei „Anne Will“: Brinkmann in der Zwickmühle 

Anne Will fragt die dreifache Mutter und Virologin Brinkmann: „Hätte man die Kinder und Schüler in ihren Einrichtungen lassen und sich das alles sparen können?“ Brinkmann reagiert brüskiert: „Ich würde sagen, diese Frage ist fast gemein!“ Möchte sie nicht als Regierungskritikerin dastehen? Elegant bekommt sie anschließend den Bogen, in dem sie sich direkt an Scholz wendet: „Es wird keine flächendeckenden Schulschließungen mehr geben, richtig?“ Der nickt. 

Fazit 

Die Gäste waren sich einig. Schön für sie, ungünstig für eine Talkshow, die von der Debatte lebt. Anne Will traute sich zu wenig, den Gästen auf den Zahn zu fühlen. Da wäre Raum für kritisches Nachfragen gewesen. Inhaltlich wurde bereits Bekanntes nochmal durchgekaut. Schlauer hat die Sendung* damit nicht wirklich gemacht, vielleicht gelassener. 

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