Anne Will führt durch die Sendung
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Anne Will führt durch die Sendung

ARD-Talk

Chefarzt erklärt bei Anne Will akute Probleme mit Mutante - Merkels Vertrauter sicher: Wird dominante Form

Ein Jahr nach dem ersten Corona-Fall in Deutschland hat uns das Virus weiter in der Zange. Kein Weg, keine Strategie scheint das gewünschte Ergebnis zu bringen. 

  • Titel des aktuellen „Anne Will“-Talks: „Gefahr durch neue Corona-Mutanten – wie viel ‚Zumutung‘ braucht es jetzt?“
  • Kanzleramtschef Braun ist sicher: Die neue Mutante wird auch in Deutschland vorherrschend
  • Ministerpräsidentin Malu Dreyer mahnt: Die Kinder dürfen nicht die Verlierer der Pandemie werden.

Seit zehn Monaten Corona-Krise, ein Gehangel von Lockdown zu Lockdown - und immer noch kein Licht am Ende des Tunnels. Die Menschen sind belastet: von Trauer durch Covid-Todesfälle, von der zunehmenden Arbeit in den Kranken- und Pflegeeinrichtungen, durch Doppel-Belastung in den Familien aufgrund von Homeoffice und Beschulung, durch Existenzängste und durch einen massiven Einschnitt der Jugend in Bezug auf Bildung und Entwicklung. Und am Horizont schon das nächste Virus-Szenario: neue Corona-Mutanten, gegen die auch eine vorhandene Immunisierung im schlimmsten Fall nicht schützt. Dazu Wirtschaftsschäden und Schulden, in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. 

Bei Anne Will geht die Runde fast verzweifelt der Frage nach: Wo ist der Strohhalm, an den wir uns jetzt noch klammern können? Und die Talk-Gäste - wie so oft gesehen in den vergangenen Monaten - beginnen den munteren Reigen damit, sich gegenseitig den Schwarzen Peter für die Lage zuzuschieben.

„Anne Will“ - das waren die Gäste der Talkrunde

  • Helge Braun (CDU) - Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts
  • Malu Dreyer (SPD) - Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz
  • Prof. Michael Hüther - Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln
  • Prof. Uwe Janssens - Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler
  • Vanessa Vu - „Zeit“-Redakteurin

Schützt eine Immunisierung nicht vor der neuen Corona-Mutante aus Brasilien?

Von Seiten der Regierung kann Kanzleramtschef Helge Braun zunächst noch mit der Haltung leben, dass die Natur der Übeltäter sei: Das Virus. Mit Hinblick auf die neue Corona-Mutante aus England - deutlich ansteckender und damit statistisch auch tödlicher als die Stammvariante - sagte Braun: „Es ist bei uns im Land angekommen. Und deswegen wird sie, wie in anderen Ländern auch, die Führung übernehmen und wird Probleme machen. Da bin ich sehr sicher.“ 

Chefarzt Prof. Uwe Janssens ergänzt die Problematik um weitere Fakten zur brasilianischen Virus-Variation: „In Brasilien hatten 75 Prozent der Bevölkerung in Manaus diese Infektion durchgemacht und sind von der Mutation nochmals angesteckt worden, d.h. das Immunsystem war gar nicht mehr in der Lage, mit den neuen Anti-Körpern, die es gebildet hatte, die neue Mutation zu erfassen.“ Es stelle sich die Frage, wie die aktuellen Impfstoffe, die Mutanten überhaupt bekämpfen könne. Dann hätten wir die „dritte Welle“, warnt Janssens. Und Braun appelliert: Einziger Weg sei es nun unbedingt, die Fallzahlen so niedrig wie möglich zu halten!

Journalistin Vu wird nicht müde darzulegen, dass der sehr viel konsequentere Weg aus Südostasien zu erfolgreichen Ergebnissen führt und der halbherzige Lockdown in Deutschland kaum befriedigende Resultate erbringe. Vu: „Die Leute sind völlig zermürbt.“ Dem Wirtschaftsinstitut-Direktor Michael Hüther wirft sie angesichts der Corona-Toten Zynismus vor, bezugnehmend auf dessen Vorschlag, Corona anders als bloß mit harten Lockdowns zu begegnen.

Anne Will (ARD): Hüther legt US-Studie vor: 900 000 Tote in den USA in Folge des Lockdowns

Der Wirtschaftsexperte dreht ad hoc den Spieß um, in dem er von Vergleichen mit autokratischen und staatlich überwachten Staaten - allen voran China - mahnend abrät und Vu eine aktuelle US-Wirtschaftsstudie vorhält, die errechnet hat, dass die aktuellen wirtschaftlichen Einschränkungen allein in den USA zu 900.000 Toten in den nächsten 15 Jahren führen würden.

Hüthers Argumentation abschließend: Es sei nicht hilfreich für die Diskussion, „dem anderen immer gleich vorzuwerfen, er nehme Todesfälle in Kauf“. Wir suchen alle nach Lösungen und müssen bei jeder Entscheidung die Folgen abwägen.

Ist „No-Covid“ eine gute Strategie?, will Anne Will von ihren Gästen wissen. Und die - kaum überraschend - sind gespaltener Meinung. Dagegen sind Hüther und Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die das Modell, das im australischen Melbourne erfolgreich war, für nicht auf Europa übertragbar hält. Australien sei ein dünn besiedelter Inselkontinent, die EU-Länder dagegen wirtschaftlich und gesellschaftlich miteinander verflochten. Hinsichtlich der Bildungseinschränkung kündigt Dreyer Wechselunterricht in ihrem Bundesland ab Anfang Februar an: „Wir werden dafür sorgen, dass die Kinder nicht die Verlierer dieser Pandemie sind“, so die Ministerpräsidentin.

Die Idee der No-Covid-Strategie führt bei „Anne Will“ zu heftiger Gegenwehr

Hüther verweist auf ein anderes Klima, die Südhalbkugel befinde sich derzeit im Sommerhalbjahr - das Ziel von null Infektionen - gerade im Winter - sei derzeit absolut unrealistisch. Genauso wie die Idee, Zonen innerhalb Deutschlands voneinander abzuschotten. Hüther: „Sie unterbrechen die Wertschöpfungsketten, sie unterbrechen die Innovationsketten und damit das wirtschaftliche Handeln in diesem Land.“

Chefarzt Janssens hat dagegen mehr Angst vor zu schnellen Lockerungen, das Klinikpersonal pfeife jetzt schon vielerorts aus dem letzten Loch. Jannsens: „Wir müssen mit den Infektionszahlen runter. Denn je mehr Leute infiziert sind, desto höher ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mutationen entwickeln“, so Janssens.

ARD: Anne Will kritisiert Kanzleramtschef Braun

Kanzleramtschef Braun stimmt dem sachgemäß zu und kann der Versuchung nicht nachgeben, den Ländern die Schuld in die Schuhe zu schieben: „Hätten wir die Maßnahmen, die wir jetzt machen, Mitte Oktober gemacht, hätten wir sicherlich viele Todesfälle vermeiden können“, sagt Braun. Und gibt damit Anne Will eine Steilvorlage: „Das ist doch ein Wahnsinn, dass der Kanzleramtsminister und auch die Kanzlerin sich nicht durchsetzen konnten, weil die Ministerpräsidenten ihren Weg offenbar nicht mitgegangen sind!“ Und weiter: „Damit sagten Sie doch eigentlich, die falschen politischen Entscheidungen haben Menschen das Leben genommen!“

Braun kommt ins Stottern und wechselt das Thema. Doch so schnell lässt Anne Will ihn nicht aus der Schlinge. Sie legt Zahlen des ARD-Deutschlandtrends vor. Mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern sind 54 Prozent der Deutschen weniger oder gar nicht zufrieden. Ein Anstieg von 12 Prozent innerhalb eines Monats.

Die einzig gute Nachricht kommt zum Schluss mit der Ankündigung der nachfolgenden „Tagesthemen“: Die Zulassung und der damit verbundene 400-Millionen-Einkauf eines neuen Antikörper-Medikaments, dasselbe übrigens, mit dem auch Donald Trump erfolgreich behandelt worden sein soll.

Fazit des „Anne Will“-Talks

Der Weg ist das Ziel: Ein Jahr, nachdem in Deutschland der erste Corona-Infizierte nachgewiesen wurde, knapp elf Monate, nachdem die WHO Corona zur Pandemie erklärte, nach fast 100 Millionen offiziell Infizierten und über 2 Millionen Toten im Zusammenhang mit Corona, wissen wir alle schon sehr viel mehr über den SARS-CoV-2-Erreger. Und auch über die Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung und -vorsorge in modernen Gesellschaften. Schlauer sind wir zwar, aber trotzdem fast wehrlos, so scheint’s. Der Talk führt das Dilemma noch mal klar vor Augen.

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