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Virologin prophezeit bei Anne Will „Horror-Szenario“ und meint: „2G, 3G und Homeoffice“ wird nicht reichen

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Anne Will führt durch die Sendung (ARD)
Anne Will führt durch die Sendung (ARD). © ARD/Anne Will (Screenshot)

Corona überrollt erneut das Land. Die hohe Zahl der Ungeimpften in Deutschland ist offenbar der Hauptgrund - Anne Will wundert sich über die Politik. 

Eine Corona-Warnung steht beim „Anne Will“-Talk im Ersten an erster Stelle. Ein Einspieler zeigt den sonst eher unterkühlt wirkenden Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler - zwischen Wut und Verzweiflung schwankend - bei einem flammenden Appell vom Freitag: „Ganz Deutschland ist eine einziger großer Ausbruch“. Der RKI-Chef warnte vor „hunderten Tote pro Tag“ in den kommenden Wochen. Und vor einem „schlimmen Weihnachten“.

Virologin Melanie Brinkmann, eine der Beraterinnen der Bundesregierung, schließt sich Wieler an und spricht bei Will von einem „Horror-Szenario“, das bald über das Land hereinbrechen werde. Das exponentielle Wachstum des Virus führe zu einem rasanten Anstieg der Fallzahlen innerhalb kürzester Zeit. Auch Impfungen, deren Schutz erst in ein paar Wochen greife, könnten die Welle nicht mehr stoppen, so Brinkmann.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

Vergangene Woche hatte die Expertin in einem Brandbrief, den laut Brinkmann bereits 500 Kollegen unterschrieben haben, die politisch Verantwortlichen aufs Schärfste kritisiert. Die Wissenschaftlerin macht in der Sendung erneut ihrem Unmut Luft: Es sei von der Wissenschaft intensiv gewarnt worden. Das Zünglein an der Waage sei die Impfquote - und die 30 Prozent der Ungeimpften in Deutschland seien zu leichtfertig behandelt worden, vor allem in Zusammenhang mit dem Auftreten der gefährlichen Delta-Variante. Sie persönlich sei inzwischen „wahnsinnig frustriert“.

Anne Will fragt direkt: „Lässt sich mit den jetzt angeordneten Maßnahmen noch etwas verändern?“ Brinkmanns Antwort klingt ernüchternd: „2G und 3G und Homeoffice“ werde nicht mehr ausreichen - vor allem in Regionen, in denen die Inzidenzen schon jetzt hoch seien: „Sachsen, Thüringen und Bayern“. In anderen Regionen sei das Tragen der Maske grundlegend wichtig. „Wie kann es sein, dass wir trotz aller Warnungen wieder in eine echte Corona-Notlage geraten sind?“, stellt Anne Will die zentrale Frage ihrer Sendung in den Raum. Und fragt die Politiker und Vertreter von CDU, SPD und FDP der Reihe nach ab.

Corona-Streit: CDU-Ministerpräsident räumt Fehleinschätzung ein - und kritisiert Spahn

Tobias Hans, Ministerpräsident des Saarlandes, der in seinem Bundesland eine relativ hohe Impfquote verzeichnen kann, erklärt, dass man „irgendwann während der Impfkampagne gemerkt habe“, dass man „nicht mehr neue Menschen dazu bekomme“. Auch er selbst habe gehofft, dass es dennoch reichen würde, um über den „Winter zu kommen“. Hans gibt zu: „Natürlich habe ich es auch nicht vorausgesehen, dass die Zahlen so massiv hoch gehen!“.

Einer anderen Diskussion erteilt der Saarländer eine Absage: „Die Impfpflicht ist nicht die Debatte, die wir jetzt brauchen“, sagt er. „Jetzt bitte ich doch wirklich, alle Kraft darauf zu konzentrieren zu impfen.“ Später lässt Hans noch einmal aufhorchen: Einer Kritik von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und der möglichen FDP-Ministerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann an Parteifreund Jens Spahn (CDU) schließt er sich kurzerhand an: Den Biontech-Impfstoff zu rationieren sei ein falsches Signal, findet er - egal, wer diesen Vorstoß äußere.

Corona bei „Anne Will“ (ARD): Böse Überraschung bei Wirkdauer der Impfungen?

Doch anders als Brinkmann sieht Hans die Versäumnis im Allgemeinen nicht bei der politischen Zunft: „Es hat damit zu tun, dass die Schutzwirkung der Impfung auch mehr und früher nachlässt als es man sich vielleicht erhofft hätte.“ Einen Schwerpunkt will er nun bei den Booster-Impfungen setzen und fordert - nachdem Brinkmann eingeworfen hat, dass entscheidender als die Booster-Impfungen die Erst- und Zweitimpfungen seien - eine Änderungen der Impf-Verordnung, damit künftig auch Apotheker, Tier- und Zahnärzte Vakzine in Deutschland verabreichen können.

Heil macht aus seiner Betroffenheit angesichts der Lage keinen Hehl. Er habe sich eine Corona-Intensivstation angesehen - die Bilder bekomme er „nicht mehr aus dem Kopf, auch von jungen Leuten mit ganz schlimmen Verläufen“, gibt sich der Minister nahbar. Die Sendung nutzt Heil für einen Appell an die Zuschauer: „Lasst euch impfen, wenn ihr das noch nicht gemacht habt!“, ruft er in die Kamera, alle anderen Bürger sollten sich um Auffrischung kümmern.

FDP verteidigt vorsichtigen Corona-Kurs: Die Maßnahmen haben zu neuen Probleme geführt

Strack-Zimmermann erklärt die Skepsis der Politik, sich komplett auf den wissenschaftlichen Kurs einzulassen, mit den „großen sozialen Problemen“, die mit der Pandemie einhergegangen seien. Die Maßnahmen hätten zum Teil zu einer Verschiebung der Problemlagen geführt hätten und seien damit keine wirklichen Lösungen gewesen.

So hätten die ergriffenen Maßnahmen zu einer Eindämmung des Coronavirus geführt, andererseits aber gravierende wirtschaftliche und finanzielle Schäden mit sich gebracht. Depressionen, aber auch enorme Defizite im Entwicklungs- und Bildungsbereich für Kinder, Jugendliche und Auszubildende seien Folgen davon - so gebe es ganze Klassenzüge unterer Stufen, die das Schreiben nicht richtig gelernt hätten.

Fazit des „Anne Will“-Talks

Anne Wills Talk beleuchtet wie Corona die Gesellschaft verändert oder eventuell sogar neu formt. Auf der einen Seite die Aufgeklärten, auf die anderen Seite die Eigenbrötler, die im aktuellen Fall eine tödliche Gefahr darstellen. Was gegen den Vertrauensverlust in Politik und Gesellschaft zu tun ist, wurde in der Sendung allerdings nicht geklärt.

Verena Schulemann

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