Talk zum Corona-Gipfel

„Die werden alle sterben“: Arzt befürchtet bei „Anne Will“ schlimmstes Szenario - und muss dafür heftig einstecken

Die Nerven liegen blank. Das ist auch beim „Anne Will“-Talk am Abend vor dem Corona-Gipfel zu spüren. Was ist die richtige Strategie im Kampf gegen die Pandemie?

Berlin - „Notbremse“ nennt es die Kanzlerin. Anne Will eröffnet ihren Talk am Sonntagabend im Ersten mit der Erklärung, was damit konkret gemeint ist: unter anderem nächtliche Ausgangssperre bis 5 Uhr morgens ab einer Inzidenz von 100 und Schulschließungen ab einem 200er-Wert. „Bürokratie, Impfdebakel und steigende Infektionszahlen – hilft jetzt nur die Notbremse?“, will Anne Will von ihren Gästen wissen - die sind sich einig: Das ist eindeutig zu wenig. 

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Manuela Schwesig (SPD) - Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, zugeschaltet
  • Wolfgang Kubicki (FDP) - Bundestagsvizepräsident und stellvertretender Parteivorsitzender, zugeschaltet
  • Dr. Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen) - Arzt und Bundestagsabgeordneter
  • Ulrich Weigeldt - Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands e.V.
  • Samiha Shafy - Zeit-Redakteurin im Politik-Ressort

Die Journalistin Samiha Shafy, die 2020 von März bis Oktober in New York verbracht hatte, beginnt rückblickend mit einem Lob: „Ich habe letztes Jahr im März sehr neidisch auf Deutschland geguckt. Wir waren in New York in der Apokalypse und Deutschland schien das besonnen und erfolgreich zu managen“. Doch die Situation habe sich nun um 180 Grad gedreht. „Jetzt ist es umgekehrt“, setzt Shafy zur Kritik an. Seit letztem Oktober ginge es „abwärts“. Die Politik der Bundesregierung wirke „mutlos, kopflos, konfus“, findet sie. Zwei Drittel der Bundesbürger - so angeblich aktuelle Umfragewerte - gäben ihr Recht: Die Deutschen seien mehrheitlich unzufrieden mit dem Pandemie-Management der Bundesregierung.

Grünen-Arzt holt bei „Anne Will“ die Panikkeule raus: „Die werden alle sterben“

Die ganz große Panikkeule holt nach ihr Oberarzt Dr. Janosch Dahmen raus. Der Bündnis ’90/Grünen-Abgeordnete war im letzten November im Notarzteinsatz der Berliner Feuerwehr tätig. Sichtlich erregt bellt er in die Runde: „Wir haben 65.000 Menschenleben in 140 Tagen verloren. Das sind Eltern, Mütter, Großeltern, die alle vorhatten, weiter zu leben.“ Dahmen malt für die Zukunft ordentlich Teufel an die Wand: „Die Gruppe, die jetzt gefährdet ist, die 50- bis 80-Jährigen, die sind alle ungeimpft. Die werden alle sterben. Es werden viele sterben. Es werden viele ihr Leben lang Folgen behalten.“ Zusammenhangslos echauffiert sich Dahmen weiter: „Da können wir nicht einfach sagen: Na ja, das passiert halt.“ Und wettert: „Das ist nichts, was wir als Konsens in diesem Land entwickeln sollten.“

Dem aufgebrachten Oberarzt setzt Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt zaghaft ein paar Fakten entgegen: „Die Übersterblichkeit im Jahr 2020 hat ausschließlich Menschen über 80 betroffen“, korrigiert er die herbe Pauschalkritik. Und bekommt Schützenhilfe von Bundestagsvize Wolfgang Kubicki, der bissig kommentiert: „Ich würde davor warnen, dass der Kollege Dahmen mit potentiellen Todeszahlen operiert, um damit das Hinterfragen von bestimmten Maßnahmen einzugrenzen.“

FDP-Vize Kubicki wirft bei „Anne Will“ der Bundesregierung mangelnde Intelligenz vor

Doch einen Schuss vor den Bug der Bundesregierung lässt sich auch der FDP-Vize nicht nehmen. Zum Warmlaufen spricht Kubicki zunächst von „Versäumnissen“, durch die „Menschen zu Hunderttausenden psychisch und materiell belastet werden“. Als sich kein Widerspruch in der Runde regt, in der keine Vertreter der Regierungsvertreter anwesend sind, legt er nach und unterstellt der Landesleitung mehrfach mangelnde Geisteskraft: „Das ist eine Frage der Intelligenz.“ Und: „Ich halte es für sinnvoll, dass wir mal intelligent darüber nachdenken, wie wir mit der Situation fertig werden.“ Und nennt konkret die kritisierte CoronaApp, die nun endlich nachgerüstet werde, sowie den schleppenden Einsatz von Schnelltests. Wenn das so weitergehe, unkt Kubicki, würden die Menschen der demokratischen Ordnung nicht mehr zutrauen, mit den Problemen fertig zu werden.

Nach so viel negativer Stimmung, kriegt Anne Will endlich die Kurve und will von ihren Gästen nun Strategien hören. Der erste Vorschlag - wenn auch nicht neu: Hausärzte sollen ins Impfen mit einbezogen werden. Ulrich Weigeldt rechnet vor: Die bundesweit niedergelassen Ärzte entsprechen 50.000 kleinen Impfzentren. „Was für einen Grund gibt es, nicht sofort loszulegen?“, fragt er sichtlich pikiert. Und erzählt von Patienten, die in den Praxen stehen und sagen, sie wollen „nicht auf dem Land 40 Kilometer mit dem Rettungswagen ins Impfzentrum gefahren werden, wenn die Hausärztin nebenan wohnt.“

Schwesig hat für Mecklenburg-Vorpommern LucaApp-Lizenz gekauft

Auch Dahmen prognostiziert: „Wir werden in sechs Wochen so viel Impfstoff haben, dass wir die mit den derzeitigen Strukturen nicht verimpft bekommen.“ Und stellt klar, dass Haus- und Betriebsärzte unerlässlich seien, „um in den Modus zu kommen, wirklich Tempo zu machen.”

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kündigt außerdem an: Statt der umstrittenen CoronaApp hätte die Landesregierung nun die Lizenz für Mecklenburg-Vorpommern zur LucaApp erworben, um die Digitalisierung der Kontaktverfolgung voranzutreiben. Das freut Kubicki sichtlich, der von seinem Monitor aus mit „sehr gut“ kommentiert. Außerdem verkündet Schwesig stolz: Die Hausärzte seien in ihrem Bundesland zudem ab nächster Woche am Impfen, nicht erst nach Ostern.

Fazit des „Anne Will“-Talks

Das Gute an Kritik: Sie ist so einfach auszuteilen. Und dieser Einfachheit bedienen sich fast alle Gäste an diesem Abend, die ziemlich unisono finden, was die Bundesregierung mache, sei miserabel. Einzig Manuela Schwesig wagt den Blick nach vorn - allerdings erst, nachdem auch sie ordentlich ausgeteilt hat. Beim Zuschauer hinterließ der Talk damit den Eindruck: Okay, schimpfen war wohl mal nötig. Aber: Wie geht es nun besser? Und: Wer setzt das dann um? Die Länder? Die Kommunen oder doch der Bund? Da blieb ein großes Fragezeichen …

Alle wichtigen Informationen zum Corona-Gipfel am Montag lesen Sie hier in unserem News-Ticker.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ARD/Anne Will

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