Die Gäste bei „Anne Will“
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Die Gäste bei „Anne Will“

Vorwurf auch direkt gegen Merkel

„Anne Will“: Viel Getöse, keine Strategie - und Lauterbach mischt sich selbst von zuhause aus ein: „Blamage“

Die Corona-Infektionszahlen sind weiter hoch und die Politik ringt um Lösungen. Der Wahlkampf zur Bundestagswahl rückt näher, Vorwürfe werden laut - auch von Karl Lauterbach.

Berlin - Zu Beginn der Sendung schaltet Anne Will ins ARD-Hauptstadtstudio: „Tut sich was?“, will Anne Will von der zugeschalteten Leiterin Tina Hassel in Bezug auf die ausstehende Kanzlerkandidatur der Union wissen. Söder und Laschet waren am Abend in Berlin zu Sondierungen zusammengetroffen.

Hassel beruhigt die Talk-Kollegin. Weder Laschet noch Söder werden „um Mitternacht vor irgendwelche Kameras“ treten, um ein Ergebnis zu präsentieren. Anne Will zeigt sich erleichtert. Beruhigt kann sie den Blick nun auf das fast schon zur Routine gewordene aktuelle Pandemie-Geschehen richten, ohne Gefahr zu laufen, am Thema vorbei zu talken.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Peter Altmaier (CDU) - Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Michael Müller (SPD) - Regierender Bürgermeister von Berlin
  • Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) - Bundes-Fraktionsvorsitzende
  • Christian Lindner (FDP) - Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Prof. Michael Hallek - Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln, zugeschaltet
  • Melanie Amann - Leiterin des Spiegel-Hauptstadtbüros

Intensivstation: „Weiche Triage“ gehört bereits zum täglichen Geschäft

Den Ernst der aktuellen Lage verdeutlicht der Direktor der Uniklinik Köln, Prof. Hallek: „Zwei Drittel aller Kliniken mit Intensivstationen in Deutschland sind derzeit nicht mehr aufnahmefähig“, so der Mediziner besorgt. Halleck bestätigt für seine Klinik, dass die „weiche Triage“ bereits zum Usus gehöre: OP-Säle geschlossen, wesentliche - wenn auch nicht lebensnotwendige - Eingriffe können derzeit nicht mehr durchgeführt werden.

Mit Hinblick auf das Infektionsschutzgesetz, das im Bundestag und Bundesrat derzeit auf seine Verabschiedung wartet, zeigt sich Hallek enttäuscht: „Wir haben keine Zeit für ein Gesetzgebungsverfahren, dass dann noch in drei Wochen nicht entschieden ist!“

Wirtschaftsminister Altmaier wischt den Einwand leicht ungeduldig vom Tisch: „Wir können das Mitte nächste Woche verabschieden - dann wäre es das vermutlich schnellste Gesetzgebungsverfahren, das wir in den letzten Jahren durchgeführt haben.“ „Halten Sie das wirklich für verantwortungsvoll?“, reagiert Will mit einer rhetorischen Frage.

Anne Will erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bundeskanzlerin

Altmaier kontert leicht bissig: „Die Regelung der Demokratie und des Grundgesetzes können wir nicht außer Kraft setzen. Die Regierung kann nur das tun, was sie nach dem Grundgesetz tun darf.“

Jetzt fährt Anne Will die Krallen aus und kritisiert Richtung Angela Merkel: „Sie kann telefonieren, sie kann Allianzen bilden, sie kann werben, sie kann einen spitzenmäßigen Vorschlag machen.“ Und Will setzt noch einen drauf: „Trotzdem muss man sagen, dass die Kanzlerin nicht Wort gehalten hat, wenn sie sagt: Ich werde mir das nicht 16 Tage tatenlos ansehen“, resümiert Will. Sie bezog sich dabei auf Aussagen der Bundeskanzlerin, die sie drei Wochen zuvor in der „Anne Will“-Sendung gemacht hatte.

Altmaier schaut konsterniert. Für die anderen in der Runde ist die Ansage scheinbar das Zeichen: Der Schlagabtausch ist eröffnet! Prompt wird der Minister von allen Seiten in die Mangel genommen.

Zuerst hackt der regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller, auf die vom Bund geforderte Ausgangssperren ein. Müller: „Die Beratung aus der Wissenschaft zeigt eindeutig, dass drinnen mehr passiert als draußen.“ Und kommt mit einem bedrückenden Beispiel: „In der Großsiedlung Gropiusstadt leben 50.000 Menschen. Keiner hat einen Garten, keiner eine Terrasse. Menschen auf engstem Raum, abends keine privaten Kontakte, und jetzt soll man auch nicht mehr joggen gehen können. Da muss ich kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, was das anrichtet!“

Ausgangssperren und Homeoffice - Altmaier platzt bei „Anne Will“ der Kragen

Auch FDP-Chef Christian Lindner bedient sich eines Beispiels und bleibt bei dem, was er bereits bei der Anhörung im Bundestag zum Besten gab: „Über Wochen eine Ausgangssperre“, so Lindner, „wo selbst ein geimpftes älteres Ehepaar nicht vor die Tür treten darf zum Abendspaziergang.“ Dieser massive Eingriff in die Grundrechte sei unverhältnismäßig und führe am Ende bloß dazu, dass die Leute sagen: „Ich halte mich nicht mehr daran, die haben jetzt Maß und Mitte verloren!“

Die Bundes-Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt, stößt sich an den weiterhin bestehenden Freiheiten für Arbeitgeber. „Da gibt es eben keine Verpflichtung zum Homeoffice“, so Göring-Eckardt. Und immer noch gelten für Menschen in Büros und Betrieben keine ausreichenden Hygienevorschriften, von verpflichtenden Tests ganz zu schweigen. Solange nicht klar sei, dass in der Arbeitswelt wirklich durchgegriffen und alle anderen Maßnahmen ergriffen worden sind, „werde eine Ausgangssperre verfassungsrechtlich nicht gehen“, droht die Fraktions-Chefin.

Als dann noch die Spiegel-Journalistin Melanie Amman in Richtung Altmaier wütet: „Der Punkt ist doch, dass man bei Ihnen jetzt seit Monaten keine weitsichtige Strategie sehen kann, wie Sie gegen diese Pandemie vorgehen wollen“, platzt dem Minister sichtlich der Kragen. „Einige sagen, es ist nicht scharf genug, ohne genau zu sagen, wie es verschärft werden soll“, knurrt Altmaier. „Und andere sagen, das ist alles viel zu scharf. So kann es am Ende nicht funktionieren.“

„Anne Will“: Lauterbach schaltete sich von außen ein - SPD-Politiker kritisiert „Wahlkampf“

Auf den Boden der Tatsachen bringt die erhitzten Gemüter schließlich der Appell aus der Uniklinik: „Jetzt mal kurz den Wahlkampf beiseiteschieben“, mahnt der Professor. „Es ist wichtig, dass man wieder spürt, dass die demokratischen Parteien in dieser Krise an einem Strang ziehen und nicht gegeneinander arbeiten, weil gerade Kanzlerwahljahr ist.“

Und noch jemand schien einmal mehr dringenden Gesprächsbedarf zu haben, obwohl er nicht selbst im TV zu sehen war: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der sich über Twitter zur Talkshow und Christian Lindner äußerte: „Bei #AnneWill lehnt @c_lindner sowohl Testpflicht in den Betrieben als auch die #Ausgangsbeschränkungen ab. Weshalb hält er dann den Bundestag überhaupt auf? Das Gesetz kommt zu spät und wird auch noch verwässert. @HallekMichael hat Recht: das ist schon Wahlkampf, eine Blamage.“

Fazit des „Anne Will“-Talks

Auf der Emotion-Skala war der Talk fast am Anschlag: Stetiges Unterbrechen von allen Seiten, immer lauter werdende Sprecher plus Vehemenz im Ton, dazu stringentes Weiterreden und nur noch die eigene Sichtweise gelten lassen. Da konnte nicht viel draus entstehen. Am Ende blieben sich die Beteiligten der traurigen Tendenz der vergangenen Wochen treu: viel Getöse, keine Strategie.

Über 10.000 Tote bis Ende Mai? Lauterbach sprach kürzlich außerdem eine Warnung zur Corona-Lage in Deutschland aus.

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