ARD-Talk

Lauterbach spricht über Corona-Lockerungen, da platzt Anne Will heraus: „Ein Skandal“

Ist das Lockern auf Probe nach den neuen Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz die richtige Strategie? Eine hitzige Debatte bei Anne Will.

Berlin - Auf dem Prüfstand bei „Anne Will“ im Ersten: die Glaubwürdigkeit der Bundesregierung. Durch die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz ist nicht mehr eine Inzidenz von 35 der Wert, auf den alle schauen, sondern vielmehr sind die Werte 50 und 100 interessant. Die Regierung rechtfertigt den Kurs mit den neuen Corona-Schutz-Möglichkeiten, unter anderem Schnelltests und Impfungen - doch davon sind zu wenig vorhanden. Dazu kommt der Unmut über die Öffnungsstrategien: Friseure ja - Außengastronomie, Museen nein. Nachvollziehbar ist das für viele Betroffene nicht mehr.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

„Lockern auf Probe - wohin führt der Strategiewechsel in der Pandemiepolitik?“ war das Thema der Runde bei Anne Will am Sonntagabend. Ministerpräsident Reiner Haseloff gab zu Bedenken, dass der Beschluss als ein Kompromiss der politischen Verantwortlichen zu verstehen sei. Haseloff: „Es ist ein austarieren - was im Bezug auf die Pandemie zu betrachten und was wirtschaftlich und psychologisch zu betrachten ist.“

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach beurteilt die aktuelle Lage dennoch als „unglücklich“. Ihm fehle eine ausgeklügelte Test-Strategie. Die Öffnungen hätten eigentlich durch zweimaliges Testen pro Woche in Schule und Betrieben begleitet werden sollen. Das ist durch den Mangel an Testkapazitäten derzeit in Frage gestellt.

Spiegel-Journalist Markus Feldenkirchen fordert bei „Anne Will“ eine neue Regierung

Auch Spiegel-Journalist Markus Feldenkirchen stellt klar, wo sein Standpunkt im Super-Wahljahr ist: „Wir brauchen eine neue Regierung!“ Und zählt die Verfehlungen der letzten Wochen und Monate noch einmal auf: zu wenig Schnelltests, zu langsames Impfen, verschenkte Chancen bei der Corona-App. Die aktuell eingerichtete „Taskforce“ käme viel zu spät und sei ein „Witz“, so Feldenkirchen.

Wie viele Tests gebe es denn nun derzeit, will Moderatorin Anne Will von Lauterbach wissen. Der muss passen: „Ich bin mit allen möglichen Herstellern und sämtlichen Politikern aller Farbe in Kontakt - aber zum jetzigen Zeitpunkt weiß es niemand.“ Anne Will kommentiert: „Ein Skandal!“ Lauterbach: „Ich will das nicht kommentieren!“ Das zustimmende Lachen der anderen Talk-Gäste spricht dagegen eine klare Sprache.

Lauterbach sieht das Problem vor allem darin, dass die Leute seiner Meinung nach nicht ordnungsgemäß mit der Testung umgehen würden. Viele wüssten nicht, wie lange ein Test aussagekräftig sei, in der Regel nämlich nur sechs bis acht Stunden. Lauterbach: „Viele gehen raus und sagen, ich war doch gestern noch negativ.“ Ein Schutz stelle das nicht dar. 

Anne Will (ARD): Lauterbach gibt für Kontakte an der frischen Luft Entwarnung

Die Präsidentin des Hotel- und Gaststättenverbandes, Angela Inselkammer, beschäftigt noch ein weiterer Aspekt: „Wieso dürfen Friseure öffnen, aber nicht die Außengastronomie“, wirft sie ein und bekommt Rückendeckung von Lauterbach: „Außengastronomie mit begleiteten Tests sollten sofort möglich sein.“ Und: „Die Gefahr einer Ansteckung ist da wirklich deutlich niedriger.“

Uneins sind sich Gaststätten-Gewerbe und Virologie aber in der Frage der Innenbewirtschaftung. Während Inselkammer auf die Hygienekonzepte und die strengen Abstandsregeln hinweist, die das Infektionsrisiko deutlich minimierten, verweist Lauterbach auf eine aktuelle Studie aus den USA, die klar nachgewiesen hätte, dass der Aufenthalt in geschlossenen Räumen ab 60 Minuten zu einem signifikanten Anstieg der Fall- und Todeszahlen geführt habe. Schuld seien die Aerosole, die das Coronavirus durch die Luft tragen würden und die durch die neue Variante noch aggressiver geworden seien.

Talk bei „Anne Will“: Tübingen ist Deutschlands Vorzeige-Stadt beim Testen

Für ein kontrolliertes Testen ist auch Tübingens Vorzeige-Ärztin Lisa Federle, deren Pandemie-Konzept bundesweit Vorbildfunktion übernommen hat. Federle: „Ich bin dagegen, dass man Selbsttests durchführt und überhaupt nicht weiß, was man damit macht.“ Sie habe allein in ihrer Teststraße 350 Patienten asymptomatisch positiv auf Corona getestet, diese Personen müssen den Gesundheitsämtern gemeldet werden.

Tübingen - mit einem Inzidenzwert von derzeit unter 30 - hat den Einzelhandel geöffnet, die Kunden können sich täglich von 9 bis 19 Uhr in aufgestellten Zelten in der Innenstadt vor Ort testen lassen. Federle: „Das ist für mich absolute Voraussetzung, wenn ich jetzt öffne, dass ich jetzt eine Kontrolle habe.“ Mit Regierungskritik spart allerdings auch sie nicht: „Mir fehlt der Pragmatismus in der ganzen Krise.“

Haseloff versucht den Schulterschluss mit SPD-Mann Lauterbach

Haseloff versucht bei so viel Politikerschelte das Ruder für seine Partei rumzureißen und Lauterbach mit einem Vernunftsangebot ins Boot zu holen: „Der Beschluss ist wesentlich besser als dargestellt - auch unter Ihren Gesichtspunkten. Wir sollten jetzt die Einstellung haben, dass wir das schaffen.“ Der SPD-Mann schlägt die ausgestreckte Hand nicht aus und macht dafür plötzlich die Presse zum Buhmann: „Wir haben da auch einem Druck nachgegeben, der in der Presse aufgebaut wurde, der in der Öffentlichkeit meiner Meinung nach gar nicht so existiert.“

Das sieht Inselkammer anders: „Die Verzweiflung ist so groß! Es vergeht kein Tag, an dem nicht Menschen bei mir anrufen und weinen, weil sie alles verloren haben, was sie aufgebaut haben.“ Haseloff weiß auch nicht, was er Tröstendes sagen soll. Ihm fällt nur ein: „Wir wissen das!“

Fazit des „Anne Will“-Talks

„Hinterher weiß man immer mehr“, lautet ein bekannter Spruch. Nach diesem „Anne Will“-Talk war es eher umgekehrt. Die scheinbare Ratlosigkeit der Regierung zieht weite Kreise. Das Motto der Stunde scheint zu sein: Heute so, morgen so. Und: Hätte, hätte, Fahrradkette. Vielleicht auch: Weiter geht es sowieso.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ARD/Anne Will

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