Anne Will führt durch die Sendung
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Anne Will führt durch die Sendung

Merz meint damit nicht Corona ...

„Haben paar andere Probleme“: Merz attackiert Anne Will bei Gender-Frage - Studio-Gast und Zuschauer fassungslos

„Wie wollen wir leben?“ fragt Anne Will. Doch für Friedrich Merz ist das Gendern kein Zukunftsthema: „Wir haben im Augenblick ein paar andere Probleme!“

  • Friedrich Merz greift Anne Will beim Gender-Thema an: Es gäbe derzeit andere Probleme auf der Welt.
  • Olaf Scholz befürwortet den Ausbau von Elektro-Mobilität, Wasserstoff und erneuerbare Energien mit Staatsgeldern in Höhe von 500 Mrd. Euro.
  • Annalena Baerbock will mehr Gelder für den digitalen Ausbau von Schulen und für den Gesundheitssektor.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten über die Zukunft 

  • Olaf Scholz (SPD) - Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat
  • Annalena Baerbock (Bündnis ’90/Die Grünen) - Parteivorsitzende
  • Friedrich Merz (CDU) - Vizepräsident des Wirtschaftsrats der CDU, Anwärter für CDU-Vorsitz

„Anne Will“ probte schon mal den Vorwahlkampf

Berlin - „Alle drei nehmen für sich in Anspruch, dieses Land führen zu wollen und zu können“, moderiert Anne Will ihre Talk-Runde an, damit bloß nicht der Verdacht aufkommt, es handele sich hier bereits um eine Vor-Wahlkampf-Runde. Es soll heute Abend um die Zukunft gehen! Impuls bekommt die Runde durch ein Zitat von Wolfgang Schäuble, dass aus einem Interview mit der Welt stammt.

„Wir müssen den Schock der Pandemie nutzen, damit das unglaubliche Schwungrad des Kapitalismus und der Finanzmärkte nicht weiter überdreht“. Und: „Es wird nicht so weitergehen können, wie es vor Corona war. Und deswegen müssen wir schon jetzt an Veränderungen arbeiten.“

Das Konzept ist also klar: Corona soll nicht als Krise sondern als Chance begriffen werden. Friedrich Merz - bis vor einem halben Jahr Aufsichtsratsvorsitzender des weltgrößten Finanzdienstleister „Blackrock“ - reagiert gereizt, als ihn Anne Will auf seinen ehemaligen Arbeitgeber anspricht. Den Ruf des „Kapitalisten“ will er sich nicht antun und beschwört, „Blackrock“ sei eines der zukunftsorientiertesten Unternehmen schlechthin. Er habe gern für sie gearbeitet.

Friedrich Merz fordert bei „Anne Will“ Steuererleichterungen für Unternehmer

Allerdings stellt Merz dann doch gleich klar, wen seine Politik - wenn er denn gewählt werde sollte - unterstützen würde: Steuererleichterungen für Unternehmer und Mittelständer! Start-ups sollen gleich zehn Jahre verbindlich von der Steuer befreit werden, damit sie in Deutschland gründen und auch hier blieben …

Steilvorlage für Grünen-Parteivorsitzende Annalena Baerbock, die vom Leder zieht: „Digitale Groß-Konzerne profitieren von der Krise wahnsinnig, weil sie keine Kapitalsteuer zahlen!“. Und meint damit US-Firmen mit EU-Sitzen, wie Facebook und Amazon. Die Grünen-Chefin prangert an: „Gewinne können von einem Land ins andere verlagert werden und Finanzunternehmen könnten gegen Staaten wetten.“ Da müsse sich „nicht ein bisschen“ was ändern, sondern „radikal“.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz verweist auf Gesetze, die derzeit mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit initiiert würden und internationalen Datenaustausch und ein globales Konzept zur Mindestbesteuerung von Unternehmen ermöglichen würden. Auch digitale Geschäftsmodelle internationaler Plattformen stünden im Fokus - doch das müsse global verhandelt werden, sei internationale, keine nationale Politik. 

Friedrich Merz befürwortet bei „Anne Will“ die Rückkehr zur „Schuldenbremse“

Doch Baerbock redet sich in Rage. Schmeißt Formulierungen wie „allgemeine Wettbewerbsfähigkeit“, „Deutschland als Aluminiumindustriestandort“ und „große Umstrukturierung“ in die Runde.

Olaf Scholz reagiert cool: „Ich würde ganz gerne aushelfen mit Fakten“, formuliert er und hat damit die Lacher von Merz und Anne Will auf seiner Seite. Der Bundesminister rechnet vor, dass der Bund 500 Mrd. Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren im Haushalt für Investitionen verankert habe und nennt die Investitionsfelder der Zukunft, auf die der Bund setze: erneuerbaren Energien, Elektrifizierung in der Mobilität, Wasserstoffwirtschaft. Das Ziel sei weiterhin die klimaneutrale Wirtschaft 2050.

Anne Will will wissen: „Wer zahlt denn den ,Wumms’?“ Merz möchte, dass die Schuldenbremse bleibt. Das kann Baerbock nicht auf sich sitzen lassen. Sie sieht die Gelder in den öffentlichen Sektoren in Gefahr: Die Digitalisierung an Schulen, die Verbesserung der Gesundheitspflege - man würde doch vor allem jetzt sehen, wie viel Bedarf da bestünde!

„Anne Will“ (ARD-Talk): Beim Thema „Gender“ platzt Merz der Kragen

Zum Ende das Reizwort, das viele auf die Palme bringt: „Gender“. Lässt sich Olaf Scholz zunächst noch gelassen von Anne Will als „Feministen“ bezeichnen, ätzt er zurück, als er damit von Merz höhnisches Gelächter erntet. Scholz: „Es seien doch Machtmethoden von Männern, immer komisch zu lachen, wenn es um Frauenfragen geht“. Da würde „nicht verstanden, was damit gewollt ist.“

Merz kontert zunächst gewohnt zynisch, aber locker und cool. Als Baerbock ihm dann aber eine Lehrstunde in Diversity-Thinking erteilen möchte, platzt Merz doch noch der Kragen: „Heute wurde in China die größte Freihandelszone der Welt geschaffen“ - sie umfasst 2,2 Milliarden Menschen und rund ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Er sei hier in die Sendung gekommen, um über wirklich wichtige Dinge zu reden und müsse sich jetzt mit der Gender-Sprache befassen.

„Wir haben im Augenblick ein paar andere Probleme, die wir lösen müssen“, entgegnet Merz auch in Richtung von Anne Will und deren Redaktion, die das Thema Gender auf die Agenda der Zukunftsthemen gehoben haben. „Was passiert in den nächsten zehn Jahren in Europa? Darüber müssten wir mal diskutieren“, so Merz emotional angefasst. Es sei eine „kühne Vorstellung“, über das Gendern zu reden und dabei völlig auszublenden, „was gerade auf der Welt passiert“.

Für Baerbock, wie für viele ARD-Zuschauer unbegreiflich: Gendern sei für sie eine „Systemfrage“, man müsse wissen, welche Werte man als Deutschland und als Europa verteidige.

Fazit der „Anne Will“-Sendung zum Thema Zukunft

Das Unding aus alten Zeiten, sich gegenseitig ins Wort zu fallen, ist in Talk-Shows inzwischen überwunden. Es wird ausgeredet. Das ist von großem Vorteil. Dass gerne auch mal abgeschweift wird, der Talk für die Verkündung eigener Anliegen genutzt wird, die nicht unbedingt mit dem Thema zu tun haben, ist aber weiterhin Usus. Das Thema war Zukunft - geredet wurde aber meistens über Corona und Staatsverschuldung - das war dann doch ziemlich Gegenwart.

Wirklich Zoff gab es eigentlich nur aufgrund der Themenauswahl, die die Redaktion von Anne Will für die Politiker parat hatte. Friedrich Merz konnte es kaum fassen, dass man über „Gläubiger und Gläubigerinnen“ in Gesetzesformulierungen diskutiere. Es scheint so, als wäre noch viel Diskussionsstoff für zukünftige Sendungen vorhanden…

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