Beim TV-Talk Anne Will war auch Virologe Hendrik Streeck zu Gast
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Beim TV-Talk Anne Will war auch Virologe Hendrik Streeck zu Gast.

 Streeck kassiert Kritik für „ganz gefährliche” Idee

Anne Will sorgt mit intimer Frage für Ärger: Gast verweigert Antwort - „Ihrer nicht würdig“

Moderatorin Anne Will sorgt während ihres ARD-Talks selbst für den größten Aufreger. Die Experten waren sich in weiten Teilen einig, ein Vorschlag von Virologe Streeck erzeugt Wirbel.

  • Professor Hendrik Streeck steht weiterhin zu seinem Ampel-Vorschlag und fordert mehr Mut von der Politik
  • Streitpunkt: Sollten mehr Zuschauer bei Fußballspielen nach dem Trial-and-Error-Prinzip zugelassen werden?
  • Anne Will* griff mit einer Nachfrage bei Marina Weisband daneben

Berlin - Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland steigt immer stärker an. Die Warnungen vor einer zweiten Welle in den kälter werdenden Monaten werden lauter. Zusätzlich beunruhigt die strauchelnde Wirtschaft die Gesellschaft. Welche Strategien sind sinnvoll, um die Gefahren der Pandemie möglichst gering zu halten?

Anne Will: Die Gäste - Expertenrunde aus Politik und Medizin

  • Malu Dreyer (59, SPD) - Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz
  • Ranga Yogeshwar (61) - Wissenschaftsjournalist und Moderator
  • Hendrik Streeck (43) - Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn
  • Frank Ulrich Montgomery (68) - Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes
  • Marina Weisband (32, Grüne) - Autorin und politische Aktivistin

Anne-Will-Talk im Ersten: Die grundsätzlichen Positionen der Corona-Diskutanten

Ministerpräsidentin Malu Dreyer setzt auf Kommunikation mit der Bevölkerung und auf Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten (?) - ohne die Gefahren der Pandemie verharmlosen zu wollen.

Der Journalist Ranga Yogeshwar fordert ein differenziertes Hinschauen von Politik und Bevölkerung. Wegen der vergleichsweise geringen Zahl von Toten sei Corona* für die meisten Menschen in Deutschland noch eine abstrakte Gefahr. Den Winter sieht er als eine Herausforderung.

Der Virologe Hendrik Streeck hält eine Öffnung der Fußballstadien mit Hygienekonzepten für vertretbar und fordert mehr Mut. Dennoch warnt er vor den kalten Monaten: „Kein Virologe oder Epidemiologe würde widersprechen, dass die Infektionszahlen im Herbst und Winter sehr nach oben gehen. Wir werden es nicht mehr schaffen, genauso hinterher zu testen.“

Ärzte-Vertreter Frank Ulrich Montgomery plädierte für eine Formulierung der „intelligenten Strategieanpassung“ statt des umstrittenen „Strategiewechsels“ von Streeck. Er sprach sich gegen die Öffnung von Stadien, aber für einheitliche, bundesweite Regeln aus, warnte: „Wir sind noch lange nicht aus der Corona-Epidemie heraus.“

Die politische Aktivistin Marina Weisband, selber sogenannte Risikopatientin, verlangte den Fokus bei den Schutzmaßnahmen auf Kitas und Schulen zu legen und dort den Ausbau von Raumfiltern vorantreiben. Sie forderte außerdem eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerung durch Bürgerräte.

Anne Will (ARD): Corona-Problemfeld Nr. 1: Zu viele unterschiedliche Regeln in den Bundesländern

Montgomery kritisiert ein Regelungs-Wirrwarr zwischen den einzelnen Bundesländern und nannte als Beispiel einen Golfplatz, der zur Hälfte jeweils in Niedersachen und Bremen liegt und daher nur halb öffnen dürfe. Der Mediziner schlug vor: „Der Bund muss in den Gesprächen der Ministerpräsidenten und der Gesundheitsminister festlegen, was unter bestimmten Bedingungen wann passiert“. Die Bundesländer sollten dies dann im Einzelfall umsetzen oder auch verschärfen. Der Bund müsse dafür aber gleiche Regeln einfordern.

Corona-Talk bei Anne Will: Problemfeld Nr. 2: Datenschutz bei Kontaktdaten

Sie heißen Benjamin Blümchen oder Darth Vader – ein Problem ist nach Ansicht der Runde, dass Restaurantgäste gerne inkorrekte Kontaktdaten angeben. Weisband stellte klar: „Wenn wir wollen, dass Leute ihre echten Adressdaten angeben, müssen wir dafür sorgen, dass die Polizei nicht auf diese zugreift“. Dies war im Rahmen der Verbrechensaufklärung in mehreren Bundesländern zum Teil vorgekommen. Yogeshwar schlug hier digitale Lösungen vor, beispielsweise über QR-Codes.

Corona-Problemfeld Nr. 3: Dreyer fordert bei “Anne Will” mehr Fokus auf Schulen und Kitas

Ministerpräsidentin Dreyer betonte, die Priorität müsse sein, alles zu tun, um Kitas und Schulen nicht wieder zumachen zu müssen. Die Ministerin verwies auf den Umstand, dass seit Anfang August rund 1600 Kitas und Schulen in ihrem südlichen Bundesland wieder geöffnet seien und bislang - hauptsächlich klassenweise - temporär geschlossen werden musste.

Corona-Krise in Deutschland bei “Anne Will” im Fokus: Die großen Streitpunkte

Unterschiedliche Meinungen vertraten die Talk-Gäste bei der Frage, ob Großveranstaltungen wieder zugelassen werden sollten. Während sich Weisband und Montgomery dagegen aussprachen, plädierte Streeck für mehr Risikobereitschaft - gute Hygienekonzepte vorausgesetzt.

“Daher müssen wir ausprobieren, wir müssen Trial and Error machen“, so Streeck. Auf Wills Einwand, ob das nicht zu riskant sei, erwiderte der Virologe: „Was ist denn die Alternative? Das Virus ist Teil von unserem Leben. Alle hoffen auf einen Impfstoff. Das finde ich ziemlich unseriös, weil wir einfach nicht sagen können, wann ein Impfstoff kommt.“

Streecks Argument in der Versuch-und-Irrtum-Diskussion, derzeit seien nur 300 Intensivbetten in Deutschland belegt, findet Weisband schwierig: ”Mit leeren Intensivbetten zu argumentieren, finde ich ganz gefährlich, weil jedes belegte Intensivbett ein belegtes Intensivbett zu viel ist.”

Die Gemeinsamkeiten beim Corona-Talk mit Anne Will

Ein Ampel-System, das bei den Corona-Maßnahmen für mehr Klarheit sorgen könnte, wurde von der Runde positiv bewertet. Die Corona-Ampel* sei einfacher „als, dass man die Zahlen nebeneinander sieht und nicht versteht, ob das ein großer Sprung ist oder ein kleiner Sprung“, findet Streeck. Manu Dreyer kündigte an, in der nächsten Woche ein solches System in Rheinland-Pfalz einzuführen.

Der größte Aufreger bei Anne Will (ARD)

In die Kritik kam Moderatorin Anne Will* selbst, die mit einer kurzen Nachfrage bei Marina Weisband für den einzigen echten Aufreger sorgte. Was war passiert? Anne Will sprach Weisband zunächst offen auf ihren Status als Risikopatientin an. Doch Wills Nachfrage nach ihrer genauen Krankheit verstörte: Über Diagnosen spreche sie nicht, sagte Weisband sichtlich angegriffen. Auf Twitter zollten ihr zahlreiche User Beifall, viele empfanden Wills Nachfrage als taktlos.

Fazit zum neuesten Corona-Talk mit Anne Will in der ARD

Wer eine hitzige Debatte erwartet hatte, wurde bei dem TV-Talk (Sendezeiten und mehr*) enttäuscht. Die Gäste verhielten sich vorsichtig und wagten sich nicht mit kontroversen Positionen nach vorn. Echte Streitigkeiten oder gar persönliche Anfeindungen wurden nicht ausgetauscht. Ein Talk der Marke „Kuschelkurs“. *Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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