Journalistin Melanie Amann kritisiert Merkel.
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Journalistin Melanie Amann kritisiert Merkel.

Lockdown-Kritik

Anne Will: Gast schießt wüst gegen „Merkel im Fachidioten-Turm“ - Söder am „Rande der Verzweiflung“

Die jüngsten Corona-Beschlüsse führten landesweit zur Ernüchterung. Die Zustimmung für den Regierungskurs sinkt. „Anne Will“ fragt nach Alternativen. 

  • Das Thema bei „Anne Will“ im Ersten: „Lockdown statt Perspektivplan – ist die deutsche Pandemiepolitik wirklich alternativlos?“
  • Vize-Kanzler Olaf Scholz verteidigt neuen Inzidenzwert: Das ist Puffer gegen die neuen Virusmutationen
  • Markus Söder wiegelt Fragen nach Oster-Urlauben ab: „Ich würde mich jetzt nicht trauen, eine abschließende Prognose darüber abzugeben!“

Berlin - Corona als alles beherrschendes Talkshow-Thema - beim „Anne Will“-Talk im Ersten kommt es dieses Mal in Wahlkampf-Aufmachung daher. Die Spitzenvertreter von CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP diskutieren die aktuellen Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels vom vergangenen Mittwoch. Vor allem der verlängerte Lockdown mit dem neuem Inzidenzwert 35 (auf 100.000 Einwohner) steht in der Kritik. Olaf Scholz und Markus Söder verteidigen den Regierungskurs, während Christian Lindner und Annalena Baerbock die Schwachpunkte der derzeitigen Regierungspolitik aufzeigen wollen.

Um Führungsstärke bemüht, greift Söder wieder zu seiner derzeit argumentativen Lieblingsmethode: Optimismus und unerschütterliche Landesliebe verbreiten. Die Maßnahmen seien schwer, die Menschen „genervt und gestresst“, kommentiert Söder bei „Anne Will“ die Situation im Lande, aber die Bereitschaft der Bevölkerung sei lobenswert. „Hätten wir nichts unternommen“, verkündet Söder der Runde pauschal, „hätten wir wohl in Bayern tausend Todesfälle mehr zu beklagen gehabt.“

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Olaf Scholz (SPD) - Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen
  • Markus Söder (CSU) - Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern
  • Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) - Parteivorsitzende
  • Christian Lindner (FDP) - Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Melanie Amann - Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros

ARD: Journalistin übt scharfe Merkel-Kritik bei „Anne Will“: Die hat sich in den „Fachidioten-Turm“ zurückgezogen

Journalistin Melanie Amann holt dagegen die Kritikkeule raus und gibt der Runde eine Schlagkraft, mit der sich Moderatorin Anne Will zurückhält. Amann schießt scharf gegen die Kanzlerin, die sich als Naturwissenschaftlerin in den „Fachidioten-Turm“ zurückgezogen habe, ohne Gespür dafür, dass die Menschen eine „Hoffnungsperspektive“ benötigen würden. Will zeigt einen Einspieler zum Inzidenzwert 35 mit der Kanzlerin. Die Antwort auf die Frage, was eine „stabile Lage“ bedeute - die Grundlage für Öffnungen - gibt Angela Merkel spontan: „Mindestens drei Tage, sag‘ ich mal. Irgendwas zwischen fünf und drei Tagen. Oder drei und fünf Tage sollten es sein. Sie können davon ausgehen: Mindestens drei Tage.“ Amann wettert über die Einführung des neuen Wertes, das sei, wie „wenn man den Leuten sagt, du musst jetzt durch den brennenden Reifen springen, und dann hat er das gemacht, dann kommt einer und sagt: So, und jetzt bitte durch noch drei brennende Reifen!“

Olaf Scholz: Neuer Inzidenzwert von 35 ist ein Puffer gegen die neuen Virusmutationen

SPD-Kandidat Olaf Scholz weist darauf hin, dass der neu angesetzte Wert von 35 ein Puffer gegen die neuen Virusmutationen sei, von denen noch nicht klar ist, welche Gefahr sie für die Bevölkerung darstellen und stellt fest: „Wir sind sehr weit gekommen.“ Melanie Amann lässt die Erklärung nicht gelten: „Nachdem alle auf die 50 hingefiebert haben, hat man hier lapidar und ohne eine verständliche Sprache für die Leute eine neue Zahl eingefügt, ohne zu sagen, warum eigentlich.“  

Christian Lindner springt auf den Zug mit auf und thematisiert eine scheinbare Einfallslosigkeit bei der Pandemie-Politik: „Lockdown bei Gefahr, und Öffnen, wenn die Inzidenzen gesunken sind. Kann das die dauerhafte Strategie sein?“ Dann plädiert er erneut für mehr Schnelltests, Lüftungsfilter und FFP2-Masken. Inhaltlich richtig - einfallsreich wirkt das aber auch nicht.

Annalena Baerbock warnt bei „Anne Will“ vor dramatischen Schäden bei den Kindern

Dann bekommt Grünen-Chefin Annalena Baerbock ihre Bühnenzeit und nutzt sie für eine flammende Rede mit Blick auf die sich stetig verschlechternde Situation der Jungen im Lockdown: „Viele Kinder finden seit Wochen gar nicht mehr statt. Zwanzig Prozent der Kinder in unserem Land wurden nicht mehr erreicht. Die verlieren komplett den Anschluss“, tobt die zweifache Mutter und listet minutiös und minutenlang die Folgen auf. „Ein Jahr lang ist da nichts passiert!“, wettert sie, den Verantwortlichen stünden im Gespräch mit ihr „die Tränen in den Augen!“

Am Ende ihrer Rede fordert Baerbock die Runde zu einem „fraktionsübergreifenden Kinderrettungsfonds“ auf, der schwachen Familien und Schulen mehr Unterstützung zusichern soll. „Dann machen wir hier Nägel mit Köpfen!“ Doch Motivation, der Grünen-Politikerin im Wahlkampfjahr in der Live-Sendung in die Hände zu spielen, ist in der Runde nicht vorhanden. Baerbock läuft mit ihrem Aufruf ins Leere und Söder stichelt auch noch, als Parteivorsitzende - ohne Landesmandat - wisse sie doch überhaupt nicht, was an den Schulen vor sich ginge …

„Ich habe auch gebetet“, sagt Markus Söder bei „Anne Will“

Zum Ende der Sendung wagt Anne Will die Aussicht nach vorn und will von Markus Söder wissen, ob wir über Ostern wieder in den Urlaub fahren können. Söder, bislang in allen Situationen des Talks souverän geblieben, reagiert auf diese Frage gereizt: „Ich würde mich jetzt nicht trauen, eine abschließende Prognose darüber abzugeben, was an Ostern stattfindet und was nicht. Das finde ich am heutigen Tag nicht wirklich klug“, sagt er unwirsch. Doch als hätte er sich selbst überrascht, wechselt der bayrische Ministerpräsident schnell wieder ins Menschelnde, gibt als Zucker für die Wähler Einblicke in seine sensible Seite. Söder: „Ich habe vor Weihnachten Riesensorgen gehabt, wie es weitergehen wird. Wie entwickeln wir uns? Wird es ein ganz trostloses Jahr? Ich war manchmal am Rande der Verzweiflung … Ich habe auch gebetet in der Zeit!“

Fazit des „Anne Will“-Talks

Viel Kritik aus dem Grünen- und FDP-Lager, viel Rhetorik und Regierungstreue bei den SPD- und CSU-Talkgästen. Ein Spiel zieht sich durch die Sendung: Engagierte Rede der Opposition mit Tendenz zum Monologisieren, sonores Optimismus-Verbreiten der Regierenden mit pragmatischen Durchhalteparolen. Dampf ablassen vs. Herrscherwissen. Den Zuschauern bringt der Zirkus viel Charakterstudie, aber wenig Information. Dass überhaupt jemand bei so einer Aussicht Regierungsverantwortung für die kommende Legislatur übernehmen möchte, hatte aber auch etwas Beruhigendes

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