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Ex-Nato-General überrascht bei „Will“: Ukraine kann Krieg gewinnen - Putins Einschätzung „völlig falsch“?

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Ex-Nato-General Egon Ramms am Sonntagabend bei „Anne Will“.
Ex-Nato-General Egon Ramms am Sonntagabend bei „Anne Will“. © Screenshot: ARD-Mediathek/fn

Weder die Sanktionen des Westens noch der Widerstand der ukrainischen Bevölkerung bringen Putin von seinem Krieg ab. Anne Will fragt: Was folgt als nächstes? 

Berlin - „Die Welt ist eine andere“, sagt Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) am Sonntagabend bei Anne Will im Ersten*. Niemand habe vor dem Hereinbrechen des Ukraine-Konflikts* gedacht, dass es jemals wieder „Krieg in Europa“ gebe. „Wir wurden belogen von der russischen Regierung“, sagt Baerbock deutlich. „Herr Putin wollte diesen Krieg!“

„Krieg gegen die Ukraine – wie weit wird Putin gehen?“, lautet Wills Thema. Der Krieg ist traurige Gewissheit. Doch was als nächstes passiert, was im schlimmsten Fall weiteren Ländern neben der Ukraine drohen könnte, noch ungewiss. Will gelingt es immerhin, die unterschiedlichen Argumentationen der Lager herauszuschälen. Baerbock beteiligt sich allerdings nicht am Talk. Die Außenministerin stellt sich zu Beginn der Sendung in einem Interview.

Ukraine-Krieg bei „Anne Will“: Selenskyj rechnet mit weitere Überfallen - Baerbock widerspricht nicht

Will konfrontiert Baerbock mit den Worten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj*, der bei einer Pressekonferenz prophezeit hatte, Putin werde weitere Länder Europas überfallen. Seine Truppen bis „zur Berliner Mauer“ marschieren lassen, so der Präsident sinnbildlich, um die alte Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Zeit des Kalten Krieges, wiederherzustellen.

Baerbock weist diese These nicht vollends zurück. Auch für die harte Kritik Selenskyjs, der sich sichtlich enttäuscht über das Nein der Nato zu einer Flugverbotszone über der Ukraine* geäußert hatte, zeigt die Grüne-Politikerin Verständnis. Die Worte „treffen sie ins Herz“, so Baerbock. Sie sei sich bewusst, dass dies „die Momente in der Außenpolitik“ seien, wo man nur „zwischen Pest und Cholera wählen“ könne.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

Ein Flugverbot, so rechtfertigt Baerbock die Entscheidung, würde mit sich bringen, dass man bei einem Verstoß intervenieren müsste - im schlimmsten Fall per Abschuss russischer Flugzeuge. Faktisch der Beginn des Dritten Weltkrieges. „Das können wir nicht verantworten“, so Baerbock. Die Außenministerin stellt nochmal das aktuelle Ziel der westlichen Regierungen klar: „Den Krieg auf dem Gebiet der Ukraine beenden!“

Ukraine-Krieg: Botschafter kritisiert bei Will den Westen - „Ein gelähmtes Kaninchen vor der Schlange“

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk lässt keinen Zweifel daran, dass er die diplomatischen Versuche des Westens für falsch hält. Er kritisiert die „Angst“, die seiner Meinung nach „der Hauptratgeber“ geworden sei. Man habe Angst vor einem „Atomkrieg“ und denke: „Nichts tun, um ihn nicht zu riskieren.“

Das Gleiche gelte für den „Energiestopp“, ein Embargo für Gas und Öl - da habe man Angst, dass der „soziale Frieden gefährdet“ werde. Es könne aber nicht sein, dass „diese großartige Nation“, die Deutschland sei, wie ein „gelähmtes Kaninchen vor dieser Schlange“ stehe. Diese Haltung, so ist Melnyk sich sicher, stoppe Russland nicht, sondern „verzögere“ lediglich.

Der niederländische Vizepräsident der Europäischen Kommission, Frans Timmermans bestätigt zugeschaltet die problematische Psychologie Putins: „Der Mann macht nie einen Rückschritt, er kann nur eskalieren“, ist Zimmermanns sicher, der Wladimir Putin in dessen Zeit als Vizebürgermeister von St. Petersburg persönlich kennenlernte. FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff appelliert dennoch, den diplomatischen Kurs nicht zu verlassen. Selbst wenn Putin die militärische Überhand in der Ukraine bekommen würde, so ist sich der FDP-Politiker sicher, hätte Putin in der Ukraine „nicht die geringste Chance, den Frieden zu gewinnen“. Das Land wäre bei dem breiten Widerstand gegen Russland auch mit einer Marionettenregierung nicht regierbar.

Anne Will (ARD): Deutscher Ex-General Ramms sieht noch eine Siegeschance für die Ukraine

Egon Ramms, Vier-Sterne-General im Ruhestand, schließt nicht aus, dass „das Volk und die Streitkräfte“ der Ukraine im Krieg mit Russland noch die Oberhand gewinnen könnten. Putin habe sowohl die „Armee“ als auch die „ukrainische Zivilbevölkerung“ „völlig falsch eingeschätzt“.

Ramms lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass der Westen Putin in dessen militärischen Aufrüstungsplänen unterschätzt habe und die Abrüstung der vergangenen Jahre ein Fehler gewesen sei. Er nimmt sich als ehemaliger Nato-Befehlshaber, der zum Teil die Abrüstungsplänen befürwortete, selbst nicht aus. 

Kein Land im westlichen Europa verfüge derzeit noch über ausreichende Waffendepots, so Ramms. Er selbst habe einst über tausend Panzer kommandiert, deren Bestand inzwischen auf 286 einsatzfähige Panzer geschrumpft sei - das entspreche in etwa der Zahl, die Russland bei seinem derzeit elf Tage andauernden Feldzug in der Ukraine eingebüßt habe.

Anne-Will-Talk: Putins Öl und Gas wird Streitpunkt - Ukraine-Botschaft pocht auf Wende

Auch Baerbock räumt in ihrer Interview-Schalte zu Beginn der Sendung die mangelnde Wehrhaftigkeit im westlichen Europa ein. Selbst, wenn man sich zu einem Gegenschlag entschließe, sei der Handlungsrahmen deshalb eingeschränkt.

Umso eindringlicher pocht Melnyk auf noch schärfere wirtschaftliche Sanktionen und den Stopp der Energielieferungen aus Russland, die dem Land derzeit eine Milliarde täglich einbringen würden. In einem Jahr komme so die Summe eines mehrerer Jahre russischer Militärbudgets zusammen.

Lambsdorff verwehrt sich dem sofortigen Abdrehen des Geldhahnes, stimmt der Position Melnyks für eine Diversität im Energiemarkt aber zu, die nun mit „aller Anstrengung“ auf „Vordermann“ gebracht werden muss. Timmermans zählt auf, welche Techniken eine Rolle spielen sollen: „Photovoltaik“, „Wind“, „Wasserstoff“ und „Biomethan“ sollen „schnell entwickelt“ werden. Flüssiggas werde noch für das Auffüllen der Speicher gebraucht, zudem aber auch der Umstieg auf Elektro, wo es gehe.

Fazit des „Anne Will“-Talks

Eine hybride Situation: Auf der einen Seite des Kontinents geht es um Leben und Tod und die Überlegungen, wie ein womöglich dem Wahnsinn verfallener russischer Präsident auf seinem Zerstörungsfeldzug noch aufgehalten werden kann. Auf der anderen Seite des Kontinents wird derweil überlegt, wie Putins Aggression für das Vorantreiben der Energiewende politisch genutzt werden kann*. Bei aller Richtigkeit des Umstiegs auf umweltschonende Energiegewinnung trägt diese Debatte auch verzweifelte Züge. (Verena Schulemann)

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