Anne Will führt durch die Sendung
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Anne Will führt durch die Sendung

Kommt Weihnachts-Lockdown zu spät? 

Intensiv-Mediziner bei Anne Will: „Es ist 5 nach 12!“. Schwesig: Nicht wieder alles zerreden!

Corona-Notstand in Deutschland! Ab Mittwoch ist wieder (fast) alles dicht. Anne Will fragte: Kam der Lockdown zu spät? Soll die Familie Weihnachten feiern?

  • Intensivmediziner schlägt bei „Anne Will“ Alarm - Lockdown kam zu spät
  • Laschet bezeichnet aktuellen Lockdown als „kraftvolles Signal“
  • Muss jetzt bereits der Lockdown nach dem Lockdown beschlossen werden?

Das Thema der Woche bei „Anne Will“: Lockdown vor Weihnachten – schafft Deutschland so die Pandemie-Wende?

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Manuela Schwesig (SPD) - Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, zugeschaltet
  • Armin Laschet (CDU) - Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, zugeschaltet
  • Julian Nida-Rümelin - Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München
  • Uwe Janssens - Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V.
  • Kristina Dunz - Stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der „Rheinischen Post“

„Anne Will“: Das medizinische Personal leiste derzeit „unmenschliches“

Versammlungsverbot, Silvesterverbot - und ab Mittwoch ist wieder alles dicht - auch die Schulen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat es klar gesagt: Bis mindestens 10. Januar 2021 bleibt’s dabei! Bei „Anne Will“ diskutierte die Runde über die Frage: Kam diese Ansage zu spät? Schwindet in der Bevölkerung das Vertrauen in die Politik? Wie läuft es nach dem Lockdown weiter?

Zu Beginn bekommt der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Uwe Janssens das Wort, er berichtet von der Lage an der „Front“ und stellt klar: „Wir aus der Intensivmedizin sagen: ,Es ist 5 nach 12’.“ Was seine Kollegen und die Pflegedienste leisten müssten, sei derzeit „übermenschlich“ - physisch wie psychisch. Menschen, die im Schicht- und Nachtdienst Dutzende Patienten an den Beatmungsmaschinen hin- und herwälzen müssten, um deren Leben zu retten - den Tod stets vor Augen.

Der Chefarzt rechnet nüchtern vor: „Wenn wir eine Infektionsrate von 20.000 pro Tag haben, dann haben wir in einer Woche 40.000!“. Davon würde im Schnitt ein Prozent auf der Intensivstation landen. Macht 200 bis 400 Patienten - täglich! Ginge das so weiter, sagt Janssens, dann nützten auch keine Intensivbetten, dann halten die Menschen, die diese Betten betreuen, nicht mehr lange durch!

Chefarzt bei „Anne Will“: „Es kann nicht funktionieren, wenn 16 Ärzte einen Patienten behandeln!“

An die Politik gerichtet, kritisiert Janssens: „Es sind zu viele Meinungen durchs Dorf getrieben worden.“ Und wagt einen spitzfindigen Vergleich mit Hinblick auf die Bund-Länder-Konferenz: „Es kann nicht funktionieren, wenn 16 Ärzte einen Patienten behandeln!“ Es fehle eine einheitliche Stimme und ein Ziel, wo es hingehen soll. Das habe die Menschen verunsichert, so Janssens verbittert.

Anne Will nimmt den zugeschalteten Armin Laschet ins Gebet und fragt direkt und provokant: „Kommen sie bei ihrem eigenen Durcheinander eigentlich noch mit?“. Laschet hatte vor Kurzem gesagt, man soll erst nach Weihnachten schließen, verteidigt nun den Lockdown. Laschet antwortet nüchtern: „Ja“, legt eine kurze Pause ein, erklärt ausschweifend, dass Politik sich eben nach der aktuellen Lage richten müsse und ruft zum Ende aus: „Es war ein kraftvolles Signal!“

Dass es so kraftvoll vielleicht doch nicht ist, beweist der Ministerpräsident wenig später selbst, als er die Weihnachts-Besuchs-Regel erklären soll und selber nachlesen muss. Schwesig springt ihm bei und erklärt: Ein Hausstand plus vier weitere Personen aus dem Familienumfeld - Kinder unter 14 Jahren werden nicht mitgezählt.

Journalistin mahnt: „Jemanden aus der Familie zu infizieren, der daran vielleicht stirbt - das wird man ein Leben lang nicht mehr los!“

„Familienfeier“ ist das Stichwort für die Journalistin Kristina Dunz, die - im Anschluss an eine Familienfeier positiv auf Corona getestet - ihre Schwester und ihren Schwager infiziert hatte. Sie warnt vor einem Horrorszenario am Heiligabend mit 15, 20 Leuten in überheizten Räumen. In Erfahrung ihrer eigenen Gefühle sagt sie: „Jemanden aus der Familie zu infizieren, der daran vielleicht sogar stirbt - das wird man ein Leben lang nicht mehr los!“

Ganz bei ihr ist der Philosoph Julian Nida-Rümelin, der auf signifikant gestiegene Zahlen nach Thanksgiving in den USA verweist und das für die Weihnachtstage auch in Deutschland befürchtet: „Da hocken drei bis vier Generationen in engen Zimmern und singen gemeinsam.“ Eigentlich müsste die politische Botschaft lauten: „Diesmal wird Weihnachten anders, leider«. Ein klares Signal fehle.

Dem stimmt der Mediziner Janssens zu: „Man muss ab dem 10. Januar Konzepte vorlegen, die jetzt schon formuliert werden müssen, damit nachher die Diskussion nicht wieder von vorne anfängt“. Und fordert Tacheles von den Verantwortlichen: „Wir werden die ersten drei, vier, fünf Monate weiter mit erheblichen Einschränkungen leben müssen“, prophezeit der Chefarzt. „Diese ehrliche Botschaft braucht jetzt die Bevölkerung!“ Dann, so Janssens: „machen die auch mit.“ Ob er da Recht hat?

Fazit der Sendung „Anne Will“

Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown - und umgekehrt. Die klare Botschaft zu Ende des Jahres: Jetzt wird nicht mehr diskutiert, jetzt wird gehandelt - bzw. eben nicht mehr geeinzelhandelt! In der Sendung rechtfertigten sich die anwesenden Politiker und erklärten den aktuellen Standpunkt, der vor ein paar Wochen noch ganz anders geklungen hatte. Tiefer ging die Sendung nicht - weder der Frage nach, warum Pflegekräfte nicht besser bezahlt werden, warum das Gesundheitssystem nicht ausgebaut wird. Der Kern der aktuellen Krise - mehr Betten, mehr Personal - auch weniger Notstand. So bleibt im Prinzip alles beim Alten - nur mit mehr Schulden. (Bernd Pipo)

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