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Lukasz Urban wurde erschossen im Führerhaus des Lkw gefunden, der bei dem Anschlag in Berlin verwendet wurde.

Anschlag in Berlin

Lukasz Urban: Ist der polnische Lkw-Fahrer ein Held?

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Berlin - Am Montag wurde der polnische Fahrer Lukasz Urban nach dem Lkw-Anschlag in Berlin tot im Führerhaus gefunden. Wollte er den Anschlag verhindern? Ist er ein Held?

Der Schock über die Tat steckt Deutschland noch immer in den Knochen. Die Berliner Polizei arbeitet mit Hochdruck daran, den oder die Täter zu finden. Gegen 20.00 Uhr raste am Montag ein aus Polen stammender Lkw auf den Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche und tötete dabei elf Menschen. 

Der Sattelschlepper gehört zu einer polnischen Spedition aus Sobiesmysl, ein Ort südlich von Stettin. Das bestätigte der Eigentümer Ariel Zurawski gegenüber dem polnischen Fernsehsender TVN 24. Des Weiteren erklärt Zurawski, der eigentliche Fahrer des Lkw sei sein 37-jähriger Cousin Lukasz Urban gewesen. Der Lkw sollte Stahlkonstruktionen von Italien nach Berlin bringen. 

Wer fuhr den Lkw des Polen Lukasz Urban?

Da er verspätet in Berlin eintraf, hätte der Lkw-Fahrer bis Dienstagmorgen warten müssen, bevor der Lastwagen entladen werden würde. Daher parkte Lukasz Urban laut der britischen Sun an einem Kanal als er mittags gegen 14.00 Uhr in ein 300 Meter weit entferntes Restaurant gegangen sein soll, um sich einen Kebab zu holen. Eigentlich wollte Urban am Dienstag bereits wieder zuhause bei seiner Familie sein, so sein Cousin Zurawski.

Am Montag hätte der Lkw nach Angaben eines Vertreters des Lkw-Unternehmens, Lukasz Wasik, stehen bleiben sollen. GPS-Daten zeigen jedoch, dass jemand den Lastwagen um 15.44 Uhr gestartet habe. Der Motor soll zwei weitere Male um 16.52 Uhr und um 17.37 Uhr gestartet worden sein. Weggefahren sei der Lkw allerdings nicht. Um 19.34 Uhr habe sich der polnische Lkw schließlich doch in Gang gesetzt. Nur eine knappe halbe Stunde bevor er auf den Weihnachtsmarkt fuhr und vielen Menschen das Leben kostete. 

Lukasz Urban „muss etwas angetan worden sein“

Am Montagnachmittag war Urban ab circa 16.00 Uhr nicht mehr erreichbar, sagt sein Cousin. Zurawski beteuert, dass sein Cousin keinesfalls der Attentäter sei. „Ihm muss etwas angetan worden sein“, mutmaßte er. „Als ich die Nachricht bekam, dass mein Wagen abends durch Berlin gefahren ist, habe ich gewusst, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.“ Denn ursprünglich sollte der Fahrer, Lukasz Urban, zu diesem Zeitpunkt mit dem Lastwagen gar nicht weiter unterwegs sein. Den Speditionsbesitzer plagen auch Sorgen, sein Cousin könnte womöglich als Komplize betrachtet werden. „Es war mit Sicherheit zu sehen, dass er gekämpft hatte“, sagt er. Der Angreifer müsse Lukasz beim Einsteigen ins Fahrerhaus überrumpelt haben, so Zurawski, denn der 120 Kilo Mann sei eine stattliche Erscheinung gewesen und nicht einfach zu überwältigen, erzählt Zurawski der Presse.

Nach der Horror-Fahrt des Lkw über den Weihnachtsmarkt fand die Polizei einen Toten auf dem Beifahrersitz des Führerhauses. Zurawski hat mittlerweile bestätigt, dass es sich dabei um seinen Cousin Lukasz handelt. Dem polnischen Fernsehen sagte er, er habe seinen Bruder auf einem Polizeifoto identifiziert. Laut bild.de sagte Zurawski: „Es war furchtbar. Da gab es Stichverletzungen, Schussverletzungen. Sein Gesicht war geschwollen. Es sah nach einem Kampf aus.“

Ehefrau hatte den letzten Kontakt zu Lukasz Urban

Auch die Ehefrau von Urban habe das Foto gesehen. Sie soll die Letzte gewesen sein, die am Montag gegen 15.00 Uhr mit ihrem Mann Lukasz gesprochen habe. Die ganze Familie sei erschüttert. Der Vater von Urban musste gar in ein Krankenhaus eingeliefert werden und bekam dort ein Beruhigungsmittel verabreicht. Lukasz Urban hinterlässt einen 17-jährigen Sohn sowie seine Ehefrau. Urbans Cousin Zurawski schreibt auf der Facebook-Seite seines Unternehmens: „Ein doppelter Verlust. Das, was passiert ist, hat uns bis an unsere Grenzen erschüttert.“

Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass der Sattelschlepper gestohlen worden sei. Urban selbst soll während der Fahrt auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nicht am Steuer gesessen haben. Das teilte die Polizei am Dienstag via Twitter mit. Wie die Deutsche Presse-Agentur weiter berichtet, verhinderte der polnische Lkw-Fahrer möglicherweise sogar Schlimmeres

Medien: Lukasz Urban war ein Held

Britische Medien vermuten ebenfalls, dass sich Lukasz Urban mit dem Täter einen Kampf geliefert habe, dafür würden Messerstiche am Körper des Opfers sprechen, so wie blutige Kleidung, die im Führerhaus gefunden wurden, berichten bild.de und die britische Sun. Er soll dem Fahrer des gestohlenen Lkw ins Lenkrad gegriffen haben und so möglicherweise sogar weitere Todesopfer verhindert haben. Daraufhin soll der Täter Urban erschossen haben und geflüchtet sein. 

Die Obduktion habe ergeben, dass er zum Zeitpunkt des Anschlags selbst nämlich noch lebte, das berichtet bild.de. Wie die Polizei außerdem mitteilt, wurde Urban letztlich mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen. Von der Tatwaffe fehlt bisher allerdings jede Spur. Wie der rbb berichtet, soll die polnische Polizei inzwischen Ermittlungen wegen Mordes aufgenommen haben

Der Daily Mirror fasst zusammen, was sich nach dem bisherigen Erkenntnisstand im Fahrerhaus zugetragen haben könnte: „Die Familie von Lukasz sagt, dass es - auf der Grundlage von Bildern die sie gesehen haben und laut Polizei - den Anschein hat, dass er mit dem Attentäter gekämpft hat. Das bedeutet: Ein niedergestochener und schwer blutender Mann erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit und erkannte, dass der Attentäter im Begriff war, Fußgänger niederzumähen. Vielleicht griff er ins Lenkrad oder schlug den Attentäter. Was auch immer im Führerhaus passierte: Sein Eingreifen bewirkte, dass der Lkw nicht mehr auf weitere Menschen zusteuern konnte und zum Stehen kam. Lukasz war 1,88 Meter groß und wog 120 Kilo. Trotz seiner Verletzungen lieferte er sich einen heldenhaften Kampf. Der Entführer des Lastwagens töte Lukasz dann mit seiner Schusswaffe.“

Polen trauert um Lkw-Fahrer Lukasz Urban

Unterdessen tritt Lukasz Urbans Cousin Zurawski immer wieder vor die Presse. Er will von seinem Cousin erzählen, ihm in der Welt ein Gesicht geben. „Er war ein gewissenhafter Mensch“, sagt Zurawski und zeigt ein Handy-Foto seines Verwandten - eines seiner letzten Lebenszeichen aus Berlin.

Dass der Pole ein Terroropfer ist, steht auch für die polnische Presse außer Frage. Lukasz sei „brutal ermordet“ worden, berichtet das polnische Fernsehen. „Der Wagen wurde gekidnappt“, schreibt das Boulevardblatt Fakt. Sollten sich Berichte bestätigen, nach denen der Pole erst nach der Tat erschossen wurde - womöglich, weil er dem Täter ins Lenkrad griff und weitere Opfer verhinderte - würde sich das Bild des gewissenhaften Mannes komplettieren.

Regierungschefin Beata Szydlo bezeichnete Lukasz Urbn als „das erste Opfer der abscheulichen Gewalttat“. Der 37-Jährige, der für eine Spedition bei Stettin arbeitete, wurde nach der Bluttat tot in der Fahrerkabine aufgefunden.

Spendenkonto: Britischer Trucker sammelt Geld für Lukasz Urbans Familie

Ein britischer Truck-Fahrer namens David Duncan will der Familie des polnischen Lkw-Fahrers helfen. Zwar bringe Geld einen geliebten Menschen nicht zurück, doch er wolle der hinterbliebenen Ehefrau und dem 17-jährigen Sohn eine gewisse Last von den Schultern nehmen. Mit der Crowdfunding-Seite gofundme.com sammelt der Trucker nun Geld für die Familie. Die Aktion wurde erst am Dienstag, den 20. Dezember gestartet und hat Freitagvvormittag, am 23. Dezember, also nach drei Tagen, bereits 90.320 Pfund gesammelt. Zunächst waren 10.000 Pfund als Ziel angegeben. Aber diese Marke ist längst geknackt. Nun liegt das neue Ziel bei 191.200 Pfund. Die Aktion wurde schon rund 50.000 Mal auf Facebook geteilt. Duncan versichert, dass er mit der Plattform GoFundMe in engem Kontak stehe und alles dafür tun werde, damit der gesamte gespendete Betrag bei der Familie von Lukasz Urban ankomme. 

„Wir kriegen Unmengen an Anfragen, wie man die Familie unseres Kollegen Lukasz finanziell unterstützen kann“, schrieb Ariel Zurawski, Speditionsbesitzer und Cousin des Opfers, auf der Facebookseite des Unternehmens bei Stettin. „Wir danken für jedes gute Wort, jeden Rat und jede Hilfe. Es ist unglaublich, was für eine Kraft in Menschen steckt.“

Wer der Frau von Lukasz Urban direkt Geld spenden möchte: Dessen Arbeitgeber, die Spedition Ariel Zurawski, hat die Kontoverbindung auf Facebook bekanntgegeben:

Kontoinhaberin: Susan Urban

IBAN: PL36102047950000900202326395

SWIFT: BPKOPLPW

Bank: Powszechna

Auch die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung hat ein Spendenkonto für die Familie von Lukasz Urban eingerichtet. Die Stiftung wurde ursprünglich für die Auszahlung finanzieller Hilfen aus Deutschland an ehemalige Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrationslager und Zwangsarbeiter des Dritten Reichs gegründet. Heute engagiert sie sich für deutsch-polnische Begegnungen und historische Bildung.

Forderungen im Netz: Bundesverdienstkreuz für Lukasz Urban

Mehrere Twitter-Nutzer schlagen Urban bereits für das deutsche Bundesverdienstkreuz vor, sollte sich tatsächlich herausstellen, dass er Schlimmeres verhindert habe. Das Bundesverdienstkreuz kann auch posthum verliehen werden.

Alle aktuellen Informationen und Entwicklungen zu dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin finden Sie in unserem News-Blog und auf unserer Themen-Seite.

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