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Im Zeichen der Trauer wurde am Mittwoch das Brandenburger Tor in Berlin abwechselnd mit der Deutschlandflagge und der Berliner Landesflagge bestrahlt.

Nach Berlin-Anschlag

Wo sind die Profilbilder mit Deutschlandflaggen? 

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München - Moderne Anteilnahme äußert sich heute immer öfter durch Bilder und Hashtags in den sozialen Medien. Das war nach Paris, nach Brüssel und nach Nizza so. Aber nicht nach Berlin.

Das heutige Leben spielt sich in großen Teilen in den sozialen Medien ab. Man teilt seinen Gemütszustand, einen interessanten Artikel, Katzenvideos und vieles mehr mit seinen Freunden. Wenn etwas passiert wie der Amoklauf in München oder der Anschlag in Berlin, dann schlägt Facebook den Sicherheits-Check vor. Damit kann man all seinen Facebook-Freunden mitteilen, dass es einem gut geht und man in Sicherheit ist. Auch öffentliche Anteilnahme wird heutzutage in den sozialen Medien wiedergegeben. Das sind Bilder, Hashtags oder auch Fotos mit entsprechender Bearbeitung.

Nach den Anschlägen in Paris und Nizza dauerte es nur wenige Stunden, und gefühlt jeder zweite Facebook-Freund hatte sein Profilbild mit einer französischen Flagge hinterlegt. Ebenso bei dem schrecklichen Anschlag in Brüssel. Nur kurze Zeit nach dem Ereignis zeigte die Facebook-Timeline zahlreiche Facebook-Freunde, die ihr Profilbild mit der belgischen Flagge hinterlegten. Diese Art der Anteilnahme ist heutzutage weit verbreitet, Facebook reagierte nach den Anschlägen sofort und schlug jedem Nutzer vor, sein Beileid per Profilbild auszudrücken.

#JeSuisParis aber kaum #JeSuisBerlin

Auf Twitter kursierten die Hashtags #JeSuisCharlie, #JeSuisParis oder #JeSuisBruxelles. Fleißig wurden Bilder und Tweets mit diesen Hashtags abgesetzt. Wer in den sozialen Medien unterwegs war, kam nicht drum herum, flaggenunterlegte Bilder und entsprechende Hashtags beim durchscrollen der Timeline zu finden.

Doch nach dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin gibt es auf Facebook keine Profilbilder mit unterlegter Deutschlandflagge. Facebook schlägt niemandem vor, sein Foto zu bearbeiten. Zwar gibt es verschiedene Hashtags und Spruchfotos wie #JeSuisBerlin, #IchbinBerlin, #IchBinBerliner, #PrayForBerlin oder #IchBinEinBerliner, doch die Verwendung fällt wesentlich geringer aus als bei den letzten Ereignissen.

Woran liegt das? 

Liegt es vielleicht daran, dass bei Paris, Nizza und Brüssel schnell klar war, dass es sich um einen terroristischen Anschlag handelte? Sind es die Opferzahlen, die wesentlich höher waren als in Berlin? 

Im November 2015 starben 130 Menschen als in Paris an mehreren Orten Bomben in die Luft gingen und Terroristen um sich schossen. Im März 2016 kamen 28 Menschen in Brüssel ums Leben als zwei Selbstmordattentäter sich am Flughafen und in einer U-Bahn in die Luft sprengten. 340 Menschen aus 19 Ländern wurden dabei verletzt, viele von ihnen schwer. In Nizza  kamen im Juli 2016 86 Menschen ums Leben, als ein Lkw in eine Menschenmenge fuhr. Hunderte wurden verletzt. 

All diese Ereignisse waren schrecklich und sie alle wurden schnell als Terroranschläge eingestuft. Täter wurden identifiziert, gesucht und festgenommen. In Berlin gibt es bisher 12 Todesopfer und noch immer sind zahlreiche Verletzte in einem lebensbedrohlichen Zustand. Dass die Tat jedoch wirklich etwas mit Terrorismus zu tun hat, ist bisher offen. Wer dahinter steckt weiß man nicht. Zwar hat sich der sogenannte „Islamische Staat“ zu der Tat bekannt, doch das ist schwer zu überprüfen. Ein Tatverdächtiger ist inzwischen wieder auf freiem Fuß, er hat ein Alibi und ist es wohl nicht gewesen. Die Suche nach dem oder den Tätern läuft weiter. 

Wann werden Facebook-Bilder mit Flaggen hinterlegt?

Dieser Anschlag kann also nicht wie Paris, Nizza und Brüssel sofort islamistischen Terroristen zugeschrieben werden. Sind wir deswegen kein #JeSuisBerlin? 

Doch Berlin ist nicht der einzige Fall. Auch bei Anschlägen in der Türkei, Syrien und Ägypten wurde nur selten große Solidarität mit den Opfern in den sozialen Netzwerken ausgedrückt. Fotos mit beispielsweise türkischen Flaggen im Hintergrund gab es kaum.

Woran wird bemessen, ob eine Tat so schlimm war, dass die Profilbilder beflaggt werden? Was muss ein Anschlag für Kriterien erfüllen, um weltweite Solidarität in den sozialen Netzwerken hervorzurufen? Eine Anfrage unserer Redaktion, ob es nach dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin Deutschlandflaggen für die Profilbilder geben wird, wurde von Facebook noch nicht beantwortet. Dass die Welt Anteil nimmt, sieht man jedoch deutlich an den Kondolenzen aus aller Welt

Sind wir abgestumpft?

Oder liegt die niedrigere Anteilnahme in sozialen Netzwerken an einer Abstumpfung? Gewöhnen wir uns mittlerweile vielleicht nach und nach an Vorfälle dieser Art? Seit November 2015 hat Europa ungewöhnlich viele Anschläge erlebt. Haben wir uns also vielleicht schon damit abgefunden und sind zwar immer noch entsetzt, aber nicht mehr so überrascht wie zu Anfang?

Egal, ob die deutsch beflaggten-Profilbilder auf Facebook oder die Hashtags auf Twitter zu dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin noch kommen oder nicht - die Betroffenheit, Anteilnahme und Bedeutung eines solchen Vorfalls sollte nicht nur daran gemessen werden, wie viele Facebook-Nutzer ihr Profilbild entsprechend ändern. Eine Kerze, eine Blume oder ein Gedanke und ein kurzes Innehalten ist mindestens genauso aussagekräftig, wenn nicht sogar noch mehr. 

Alle aktuellen Informationen und Entwicklungen zum Anschlag in Berlin finden Sie in unserem News-Blog sowie auf unserer Themenseite.

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