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Beate Zschäpe soll den Anschlag mitgeplant haben.

Tag 3 im NSU-Prozess

Der Anschlag im Schatten der Morde

München - Das Oberlandesgericht erwägt, das Nagelbomben-Attentat in Köln nicht im NSU-Prozess mitzuverhandeln. Die Opfer-Anwälte sind darüber empört. Tag drei im NSU-Prozess.

Als am 9. Juni 2004 um 15.56 Uhr die Bombe vor dem Friseursalon „Öczan“ an der Kölner Keupstraße explodiert, schleudern 5,5 Kilogramm Schwarzpulver mehr als 700 Zimmermannsnägel durch das überwiegend von türkischstämmigen Bürgern bewohnte Viertel. 22 Menschen werden verletzt, drei von ihnen schwer. Uwe Mundlos soll die Bombe auf einem Fahrrad vor den Salon geschoben haben, Uwe Böhnhardt drückte in einem Versteck auf den Auslöser, so haben es die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft ergeben. Es ist ein schreckliches Verbrechen, eines von vielen, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt werden. Doch im Fokus standen bisher stets die Morde an neun Migranten und einer Polizistin.

Die Opfer des Keupstraßen-Anschlags haben darüber nie geklagt, doch nach dem dritten Verhandlungstag fürchten sie, ganz in Vergessenheit zu geraten. Denn das Oberlandesgericht München (OLG) hat vorgeschlagen, den Anschlag separat zu verhandeln – in einem zweiten Prozess. Der Gedanke dahinter: Es könnten sich noch weitere Opfer melden und als Nebenkläger auftreten wollen. Ein Anwalt glaubt, dass es noch 75 weitere Betroffene geben könnte. Für sie wäre im Saal kein Platz mehr.

Die Opfer aus der Keupstraße befürchten, dass ihr Fall nach einer Abtrennung gar nicht mehr verhandelt wird. Das könnte passieren, wenn die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, die mit Mundlos und Böhnhardt den Anschlag geplant haben soll, bereits wegen der zehn Morde zur Höchststrafe verurteilt würde. Dann würde der Nagelbombenanschlag nicht mehr ins Gewicht fallen, ein Gericht das Verfahren einstellen.

„Durch eine Abtrennung würden unsere Mandanten Nebenkläger zweiter Klasse“, sagte Sabine Singer, die einen der bei dem Anschlag verletzten Friseure vertritt. „Eine Abtrennung wäre die Beerdigung der Aufklärung des Tatkomplexes Keupstraße“, erklärte Anwalt Frank Hatlé. Sein Kollege Alexander Hoffmann ging noch einen Schritt weiter: „Wenn das Gericht das jetzt ohne Not macht, ist das ein Zeichen für alle Nebenkläger, dass man ab jetzt gegen sie verhandelt“, sagte er. „Das Gericht muss sich entscheiden, ob es die Verhandlung gegen die Opfer dieser Verbrechen führen will.“ Doch nicht nur die Nebenkläger sprachen sich gegen den Vorschlag des Gerichts aus. Auch die Bundesanwaltschaft und die Verteidiger von Zschäpe lehnten eine Abtrennung ab. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hörte sich all das an, verkündete aber noch keine Entscheidung. Am Nachmittag vertagte er die Sitzung auf den heutigen Tag.

Wirklich vorangekommen ist der Prozess am Mittwoch nicht. Das Gericht kam nicht dazu, die Angeklagten zu vernehmen, stattdessen stellten Verteidiger und Nebenklageanwälte weitere Anträge. Das war zeitweise so ermüdend, dass Richter Götzl einmal bei Holger G. nachfragen musste: „Sind Sie konzentriert oder müde? Sie sind bei der Sache, ja?“ Dem Mitangeklagten waren die Augen zugefallen. Mal forderte die Verteidigung eine Tonband-Aufnahme von der Verhandlung, mal sollte der Prozess ganz eingestellt werden, weil durch die „mediale Vorverurteilung“ und die Rolle der Geheimdienste kein faires Verfahren möglich sei. So sieht es die Verteidigung des Mitangeklagten Ralf Wohlleben.

„Nur heiße Luft und nicht mehr“, urteilte Nebenklageanwalt Thomas Bliwier. Nicht die einzige scharfe Antwort. Der Ton im Gerichtssaal blieb auch gestern rau. Zeitweise beharkten sich Nebenkläger, Verteidiger und Richter so hartnäckig, dass die Inhalte in Vergessenheit gerieten. Zschäpes Anwalt Wolfgang Stahl warf sogar einmal seine Robe ab und stürmte aus dem Saal. Der Grund: Er fühlte sich verspottet, weil Nebenkläger bei einem seiner Anträge aufgelacht hatten und Richter Götzl seiner Meinung nach den Ernst der Lage nicht erkennen wollte. Zwar ließ sich auch Götzl immer wieder auf kleine Scharmützel ein, wenn es darum ging, wer wann reden durfte. Aber sonst ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. „Mit gutem Willen lässt sich das alles ganz einfach regeln“, sagte er. „Aber das setzt voraus, dass guter Wille da ist.“

Ann-Kathrin Gerke und Philipp Vetter

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