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Ansturm auf das Austragshäusl

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- München - Christsoziale Politik in Bayern muss ein besonders erfüllendes Geschäft sein. Ob Minister oder Abgeordneter, Generalsekretär oder Partei-Funktionär - wer auch immer vor der Landtagswahl nach seinen Karriere-Plänen gefragt wird, antwortet stereotyp mit dem selben sinnfreien Satz: "Ich habe bereits das schönste Amt der Welt..." So wiegelte schon Ministerpräsident Edmund Stoiber die lästige Frage ab, ob er nicht Kanzlerkandidat der Union werden wolle.

Acht Monate vor dem Wahltag in Bayern rotiert das Personalkarussell der CSU mit der Drehzahl eines Propellers. Die seit 40 Jahren mit absoluter Mehrheit regierende Volkspartei steht vor einem Generationswechsel, nicht nur im Kabinett. Obwohl die Debatte parteiintern geächtet ist, wird selbst über einen möglichen Nachfolger von Stoiber spekuliert. Der Regierungs- und Parteichef jedoch hat andere Sorgen: Während die Verjüngung in der Bundestagsfraktion perfekt über die Bühne ging, droht der CSU im Landtag das Spitzen-Personal auszugehen - obwohl sie auch künftig mit Abstand stärkste Fraktion bleiben dürfte.

"Das Amt des Münchner CSU-Chefs ist nur vergleichbar mit dem Vorsteher der Hölle."

Das Durchschnittsalter bayerischer Würdenträger nähert sich dem Zenit eines kommunistischen Zentralkomitees. Zwar sind im Ministerrat zwei 40er zu finden, von Hoffnungsträgern wagen in der Staatspartei aber nur wenige zu sprechen: Umweltminister Werner Schnappauf (49) blamiert sich immer wieder - zuletzt bei der peinlichen Suche nach einem Wahlkreis. Kultusministerin Monika Hohlmeier (40) gilt zwar als talentiert, hat aber neben ihrem skandalumwitterten Bruder Max noch den zerrütteten CSU-Bezirksverband München am Bein: "Das Amt ist nur vergleichbar mit dem Vorsteher der Hölle", sagt ein Partei-Stratege. Ob sich Hohlmeier dem Himmelfahrtskommando einer OB-Kandidatur wird entziehen können, ist fraglich.

Bewährte Kräfte in Stoibers Kabinett halten längst Ausschau nach dem Austragshäusl: Innenminister Günther Beckstein, der heuer 60 wird, gilt als amtsmüde. Sein Wunsch, Vorsitzender des Sparkassenverbands zu werden, ging nicht in Erfüllung. Während sich Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (58) wohl weiter zu Stoibers größtem Kapital zählen darf, schwebt über Finanzminister Kurt Faltlhauser (62) die Hypothek der Kirch-Krise, mit der die Landesbank noch lange zu kämpfen hat.

Stoibers treuer Chef-Manager Erwin Huber (56) gilt als möglicher Nachfolger von Alois Glück im Landtag. Der bald 63-jährige CSU-Fraktionschef wird als künftiger Präsident des Parlaments und der Hanns-Seidel-Stiftung gehandelt. Er kandidiert erneut für den Landtag, will sich weiter aber nicht festlegen. Sicher ist, dass Glück sich im Juni erneut zum Chef des einflussreichen CSU-Bezirksverbands Oberbayern wählen lässt. Insider kritisieren, damit werde der Generationswechsel erneut verzögert. CSU-Generalsekretär Thomas Goppel (55), der angeblich Interesse am Bezirksvorsitz hat, wird sich noch zwei Jahre gedulden müssen.

Wahrscheinlicher ist, dass Glück in der Fraktion den Weg frei macht für seinen Wanderfreund Erwin: Aus Niederbayern ist zu hören, Huber sei es leid, "Stoibers Wauwau zu spielen". Statt weiter den Beamten-Apparat der Staatskanzlei zu kontrollieren, dränge es Huber in eine unabhängigere Position. Offiziell verströmt Huber wie Glück freilich die Überzeugung, er habe "das schönste Amt der Welt".

Das sagt auch Wissenschaftsminister Hans Zehetmair - nur etwas glaubwürdiger. Der 66-jährige Schöngeist bringt gerade seine Geschütze in Stellung, um sein Ressort zu verteidigen. Nach Angaben aus CSU-Kreisen will Stoiber den dienstältesten Minister nach der September-Wahl verabschieden, um den Weg für Goppel frei zu machen. Den gelernten Lehrer zieht es zurück ins das Ministerium, in dem er bis 1990 als Staatssekretär gedient hatte. Generalsekretär könnte dann der eloquente JU-Chef Markus Söder (36) werden, der in Solidarität zu Stoiber so geübt ist wie im Sprücheklopfen.

"Söders Generation hat kaum viel mehr zu bieten als ihn selbst."

Sonnyboy Söder ist zwar in der älteren Hälfte der Partei umstritten, gilt aber selbst bei Skeptikern als einzige wahre Hoffnung der CSU. "Söders Generation hat kaum viel mehr zu bieten als ihn selbst", urteilt die "Frankfurter Rundschau" über die Enkel von Franz Josef Strauß. Der Fehler liegt im Detail: Zwar boomt die Junge Union, doch ihre Mitglieder fallen am 35. Geburtstag automatisch aus der Kartei. Jung-Profis und Quereinsteigern steht kaum eine Partei so skeptisch gegenüber wie die CSU.

Söder beteuert, die Landtags-CSU sei "nicht schlecht aufgestellt". Und dann verweist er pflichtbewusst auf jüngere Semester wie die Herren Spaenle, Hermann und Haedke, die leider "noch nicht ganz so im Fokus des politischen Interesses stehen". Die CSU stelle dafür im Landtag die drei jüngsten Abgeordneten, betont Söder. "Die Leute müssen eben eine Chance bekommen, den Freiraum, selbst etwas zu machen." Eine Chance kommt im September, wenn im Landtag langjährige Ausschussvorsitzende der CSU ihren Ausstand geben.

An Stoibers Abschied wagt niemand zu denken. Vielleicht auch, weil mögliche Nachfolger heute längst aufgebaut werden müssten. Einer drängt sich auf: Ex-Minister Horst Seehofer (52). Pure Spekulation, sagt der potenzielle CSU-General Söder. "Edmund Stoiber wird über 2008 hinaus Ministerpräsident bleiben. Bei ihm kann man mindestens noch mit einem Zeitraum von zehn Jahren rechnen." In zehn Jahren wäre Stoiber 71 - ein Alter, in dem Strauß vital waltete und Adenauer noch auf das schönste Amt der Welt wartete - die Kanzlerschaft.

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