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„Jetzt ist keine Zeit für Wasserballett!“ – Industrie-Chef bügelt Sozial-Sorgen bei „Hart aber fair“ ab

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Christian Kullmann zu Gast bei „Hart aber fair“
Christian Kullmann zu Gast bei „Hart aber fair“ © Screenshot/Das Erste

Bei „Hart aber fair“ ging es um eine mögliche Gas-Krise im Winter. Die Chemieindustrie steht hinter dem Kurs der Ampel – der Verbandschef doziert genüsslich.

Köln – „Es ist nichts schönzureden, der Weg ist noch ein weiter, ich kann eine Gasmangellage nicht ausschließen.“ Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, sitzt nicht im ARD-Talk „Hart aber fair“, um Entwarnung zu geben. Der Behördenchef, von Moderator Frank Plasberg als „wichtigster Mann des Abends“ bezeichnet, fühlt sich sichtbar unwohl mit seiner tragenden Rolle im Zentrum der Gas-Krise: „Es ist nichts, was sich gut und machtvoll anfühlt“, erwidert er. Die Lage sei dafür zu ernst und belastend. Die deutschen Gasspeicher seien derzeit zwar bereits zu 75 Prozent befüllt und der Pegel steige bis zum Herbst weiter an - doch noch sei weiterhin unsicher, ob der notwendige Stand tatsächlich erreicht werden kann.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Mit Macht keine Probleme hat dagegen der Vorstandsvorsitzende des zweitgrößten deutschen Chemieunternehmens Evonik mit rund 12 Milliarden Euro Umsatz und 33.000 Mitarbeitern: Christian Kullmann ist zudem Präsident des Verbands der Chemischen Industrie. Er gibt in der Sendung den Prototypen des in staatstragenden Kategorien denkenden Wirtschaftsbosses und fordert, die Wirtschaft vor Indivdualschicksalen zu priorisieren, um damit Arbeitsplätze zu sichern.

„Frieren im Winter, bangen um Jobs: Was kommt, wenn uns das Gas ausgeht?“, fragt Plasberg in seinem ersten Talk nach der Sommerpause. Und zeigt dabei auch, wie kurzlebig die Medienwelt ist: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine, vor kurzem noch beherrschendes Talk-Thema, scheint zumindest für diesen Moment in den Hintergrund zu treten. Jetzt geht es um die finanziellen Sorgen und Befürchtungen hierzulande.

„Hart aber fair“: „Jetzt ist keine Zeit für Wasserballett“ - Industriechef bügelt Sozialsorgen ab

Ganz anderer Meinung als der selbstbewusst auftretende Wirtschaftsvertreter ist wenig überraschend die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Verena Bentele. Sie betont die Not der Menschen und will gar eine „soziale Krise“ nicht ausschließen. Sie bekomme schon jetzt „körbeweise“ Zuschriften von besorgten Bürgern, die bei 1000 Euro Monatseinkommen die immensen Belastungen nicht tragen könnten. Auch SPD-Chefin Saskia Esken, die sich in der Sendung als Wärmepumpen-Nutzerin outet, findet: „Die, die am wenigsten haben, die sparen ohnehin schon. Denen muss man nicht erklären, wie man kalt duscht.“

Kullmann sieht das anders: „Alle werden lernen müssen, in diesem Winter zu verzichten“. Er verteidigt die aktuell eingeführte Gasumlage, die auch die von ihm vertretene Chemie-Industrie drei Milliarden Euro kosten werde. Das sei bitter, wie eine „Flasche Lebertran, die man auf ex“ trinke – aber unumgänglich.

Doch die VdK-Präsidentin lässt nicht locker: „Die chemische Industrie und andere haben in den letzten Jahren irre Gewinne ausgeschüttet“, wirft sie ein. Die Gasumlage helfe der Wirtschaft, weiter Gewinne auszuschütten. „Was soll ich meinen Mitgliedern sagen?“, fragt sie Kullmann und fordert forsch: „Können Sie mir einen Briefentwurf diktieren?“

Das macht der Chemie-Chef, der mit seiner Zustimmung zur Ampel-Wirtschaftspolitik nicht hinter dem Berg hält, gerne und nutzt die Aufforderung für einen spontanen Vortrag in Sachen sozialer Marktwirtschaft: „Arbeit ist auch sozialer Kitt dieser Gesellschaft“, doziert Kullmann. Nur wenn Deutschland „eine starke Volkswirtschaft“ sei, „sind wir auch ein starkes Land“. Es brauche Wachstum, Innovation, Löhne, um sich nicht nur gegenüber der Ukraine „solidarisch“ zu zeigen, sondern um den „Sozialstaat aufrecht zu erhalten“. Kullmann untermauert seine Ausführung erneut mit einem sehr bildlichen Vergleich: „Jetzt ist keine Zeit für Wasserballett, jetzt ist Zeit für Brustschwimmen, und da muss der Kopf über Wasser gehalten werden“.

Gas-Krise auch eine „soziale Krise“: Im Winter sollte niemand frieren, fordert Bentele

Bentele widerspricht: „Für mich ist wirklich das Wichtigste, erst mal auch den Menschen zu sagen: Im Winter wird niemand frieren müssen“. Doch Kullmann findet, das könne der Staat nur „für die besonders Bedürftigen“ leisten. Diesmal stimmt Esken ihm zu: „Wir hoffen doch, dass wir mit weiteren Entlastungen vor allem die unterstützen können, die sich eben nicht alleine helfen können.“

Das ist das Stichwort für Plasberg, neben den steigenden Energiepreisen auch die Gasumlage ins Spiel zu bringen, die den Verbrauchern weitere Kosten aufbürdet. Müller sieht zur Umlage keine „Alternative. Sie sei nötig, um eine große Pleitewelle bei den Gaszulieferern abzuwenden, die durch die fehlenden Gasimporte gedroht habe. Es gebe bereits „signifikante Einsparungen aufseiten der Industrie“, meint er. Jetzt sei es wichtig, auch die Verbraucher über ihre Möglichkeiten beim Gassparen aufzuklären. Das, so Müller, sei ein Job für Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Sozialverbände und Verbraucherschützer.

CDU-Mann Jens Spahn kritisiert bei der Gasumlage vor allem eine „zynische“ Erhebung der Mehrwertsteuer bei der Umlage. Er zeigt sich verwundert über die in diesem Fall schnelle, aber falsche Entscheidung, während bei den Fragen zur Verlängerung der Atomkraftlaufzeiten oder weiteren Entlastungen für Verbraucher die Entscheidungsprozesse seiner Ansicht nach „verschleppt“ werden: „Beim Entlasten hält uns der Kanzler seit Wochen hin“, so Spahn.

Kritik äußerte Spahn auch daran, dass die Bundesnetzagentur, statt politisch gewählter Repräsentanten, bei einer Mangellage über die Verteilung der Energieträger allein entscheide. „Das wäre so, als hätte das Robert-Koch-Institut die Corona-Maßnahmen beschlossen“, vergleicht Spahn, der selbst Corona-Gesundheitsminister war, etwas unglücklich - und erntet Lacher bei den Zuschauern.

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

Der Talk geriet emotional in jegliche Richtung. Die Stimmung schwankte von konfrontativ über besorgt bis hin zu humorvoll. Es wurden Meinungen und bekannte Argumente ausgetauscht und dabei an vielen Stellen kritisiert, an manchen auch gelobt – aber hintergründig wurde es nicht. Vielmehr ging es den Gästen ums jeweiligen Positionieren. Auch gelang es Moderator Plasberg nicht, seine Gäste zum Blick in die Zukunft zu animieren und konkrete Wege aufzuzeigen, wie die Energiewende - auf staatlicher Ebene und für den einzelnen im Privaten - aussehen könnte. (Verena Schulemann)

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