Internetaktion #allesdichtmachen
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Die Internetaktion #allesdichtmachen sorgt für heftige Reaktionen (Screenshot)

Streit um Corona-Maßnahmen

#allesdichtmachen: Liefers zu Intensivstations-Schicht bereit - WDR-Rundfunkrat fordert seine Entlassung

Mehr als 50 Schauspieler haben die Corona-Politik kritisiert. Ihre Videoaktion spaltet: Beobachter beanstanden „zynische“ Clips, Befürworter sehen die Meinungsfreiheit gefährdet.

Update vom 28. April, 17.50 Uhr: #AlleMalNeSchichtMachen - Jan Josef Liefers hat auf die Aufforderung von Intensivmedizinern reagiert, sich nach seiner Videoaktion #allesdichtmachen für eine Schicht in einer Intensivstation freiwillig zu melden. Er sei dabei, so der in die Kritik geratene Schauspieler: „Ich habe mich schon angemeldet.“

Liefers zeigte in einem Interview mit der Zeit Verständnis für die heftigen Reaktionen auf die Videos: Es sei „total klar, dass man sie vollkommen daneben finden kann.“ Dennoch liest er an der Kritik auch ab: „Irgendeinen neuralgischen Punkt haben wir berührt.“

Liefers, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, sagte, er sei dort „für so ein Video wahrscheinlich in den Knast gekommen.“ Die Antworten auf die Video-Kampagne seien „nicht schön“ gewesen, so Liefers. Der Schauspieler weiter: „Es zeigt, dass einen Bubble-Kampf zwischen Angehörigen verschiedener Meinungsblasen gibt. Das führt zu einer nahezu totalitären Argumentation, bei der es ums Rechthaben, auch ums Zerstören des anderen Standpunkts geht.“

#allesdichtmachen: Kritik an ARD, ZDF und Slomkas Anmoderation

Erstmeldung: München - Mehr als 50 deutsche Schauspieler:innen haben mit der Videoaktion #allesdichtmachen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kritisiert. Unter ihnen: Die „Tatort“-Kommissare Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur und Richy Müller, „Babylon Berlin“-Star Volker Bruch, Nadja Uhl und Heike Makatsch. In ironischen Clips machen sich die Schauspieler:innen über Politik und Medien lustig, ein heftiger Shitstorm folgte.

Während einige Beteiligte die Videos offline nahmen und für ihre Aussagen um Entschuldigen baten, verteidigen andere ihren Protest. Aus der Politik, Medizin und der Schauspiel-Branche hagelt es Kritik, doch die TV-Stars um Jan Josef Liefers erhalten auch Zuspruch. Befürworter:innen, vor allem aus dem rechten Spektrum, fürchten um die Meinungsfreiheit.

ARD und ZDF nach „allesdichtmachen“ in der Kritik: CDU rügt im Wahlkampf Slomka-Anmoderation

Zuletzt wurde Kritik an den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für ihren Umgang mit der #allesdichtmachen-Protestaktion laut. So warf etwa die Bild ARD und ZDF in einem Artikel vor, unausgewogen über die Video-Clips zu berichten.

„Es ist schon bezeichnend, wenn für manche Journalisten der öffentlichen-rechtlichen Medien die eigene Bewertung einer Nachricht wichtiger erscheint als der neutrale Bericht über die eigentliche Nachricht“, zitierte das Blatt zudem den CDU-Chef von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, mit Blick auf eine Anmoderation von ZDF-“heute journal“-Moderatorin Marietta Slomka.

Marietta Slomka steht für ihre Anmoderation im ZDF-“heute journal“ in der Kritik (Screenshot)

Die seit Monaten laufenden Diskussionen über die Gesundheitsschutz und Freiheitsrechten sei an 53 Schauspielern „irgendwie vorbeigegangen“, hatte Slomka geurteilt - und auch die Rolle der Bild-Zeitung in den Debatten kritisiert. Schulzes CDU befindet sich vor der Landtagswahl im Zweikampf mit der den öffentlich-rechtlichen Sendern gegenüber äußerst kritisch eingestellten AfD - und hatte schon vor Monaten eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags blockiert.

WDR-Rundfunkrat nach Tweet in der Kritik: „Gegenteil von Pressefreiheit“

Die Bild führte den ARD-Moderator Georg Restle als Gegenbeispiel für die „einseitige Berichterstattung“ an. Der 56-Jährige hatte moniert, dass „einige der Reaktionen auf diese Aktion weit übers Ziel hinausschießen“ und von einem „neuen Untertanengeist“ gesprochen. Für seine Aussagen musste er unter anderem Kritik von seinem WDR-Kollegen Martin von Mauschwitz einstecken.

Auch der WDR-Rundfunkrat und SPD-Politiker Garrelt Duin geriet aufgrund seiner Äußerungen ins Kreuzfeuer. Auf Twitter forderte er die Entlassung des „Tatort“-Stars Jan Josef Liefers wegen der Teilnahme an der #allesdichtmachen-Aktion - Liefers spielt in den vom WDR verantworteten Münster-Krimis mit. Wenig später relativierte Duin zwar seine Aussage, doch der Tweet löst eine Debatte über die Kritik an den Corona-Maßnahmen aus. „Als Konsequenz den Rausschmiss zu fordern, ist das genaue Gegenteil von Pressefreiheit“, twitterte etwa die Berliner rbb-Rundfunkrätin Antje Kapek (Grüne).

#allesdichtmachen: Philosoph verteidigt Schauspieler:innen - „Mühle der sozialen Netzwerke“

Der Philosoph Markus Gabriel nahm in der Montagsausgabe des Kölner Stadtanzeigers die Teilnehmer:innen der #allesdichtmachten-Aktion in Schutz. Scharf kritisierte er die „Diffamierung“ der Schauspieler:innen, die „in die Mühle der sozialen Netzwerke“ geraten seien und „anscheinend teilweise zu ihrem eigenen Entsetzen in jene diskursiven Mechanismen verstrickt“ worden, die sie in ihren Videos bereits explizit vorhergesehen hätten. Der Philosoph fordert, die Mechanismen des Redens und Denkens über Corona zu durchleuchten.

Auch aus der Politik ließen die Reaktionen nicht lange warten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) teilte mit, sie verstehe die Nöte der Kreativen. Sie hätte sich aber von den an der Aktion beteiligten „deutlich mehr Empathie für die Menschen gewünscht, die vom Coronavirus betroffen sind oder im Gesundheitssystem harte Arbeit leisten“. Zuvor hatte es Kritik aus der Schauspiel-Branche für die Teilnehmer:innen der Videoaktion gehagelt.

Internetaktion #allesdichtmachen sorgt für heftige Kritik: „Heute bisschen für Kollegen schämen“

Mit ihrer Protestaktion wollen die an #allesdichtmachen beteiligten Schauspieler:innen auf die prekäre Lage der Kulturbranche während der Corona-Pandemie aufmerksam machen. Bei Kolleg:innen sorgt die Video-Kampagne für Unverständnis: „Come on, das ist doch Blödsinn“, kommentierte etwa Elyas M‘Barek. Nora Tschirner nannte die Aktion „unfuckingfassbar“, Christian Ulmen kommentierte: „heute bisschen für Kollegen schämen“.

Lobende Worte für die #allesdichtmachen-Schauspieler:innen findet AfD-Fraktionschefin Alice Weidel auf Twitter. Der Protest sei eine „tolle Aktion, die hoffentlich zum Nachdenken anregt“, resümiert sie. Der frühere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, nannte die Aktion „großartig“ - Maaßen will für die CDU als Direktkandidat in Sachsen in den Bundestag. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit twitterte, es handle sich um ein „Meisterwerk“, das „sehr nachdenklich“ machen sollte.

Internetaktion #allesdichtmachen: Schauspieler:innen ziehen ihre Videos zurück

Aufgrund der gespaltenen Reaktionen zogen mehrere Schauspieler:innen ihre Videos zurück. „Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie dadurch verletzen“, schrieb etwa Heike Makatsch auf Instagram. Ken Duken erklärte in dem Netzwerk, dass er sich von rechtem Gedankengut distanziere und sich nicht über die Opfer oder ihre Angehörigen habe lustig machen wollen. Auch Jan Josef Liefers reagierte. Er stehe „keiner Partei im Bundestag ferner als der AfD“, twitterte er.

Der TV-Mediziner muss sich für seine Aussagen im #allesdichtmachen heftiger Kritik stellen. Notfallsanitäter Tobias Schlegel schrieb auf Twitter: „Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben.“ Die Protestaktion der Schauspieler:innen stößt auf ein gespaltenes Meinungsklima.

Angesichts steigender Corona-Zahlen und über 80.000 Todesopfern* wirbt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für Maßnahmen, die das Coronavirus eindämmen. Im Hinblick auf die heftigen Reaktionen, die #allesdichtmachen hervorrief, appellierte er, „mit Anschuldigungen und Beleidigungen abzurüsten“. Am Sonntag stellte er über Twitter klar: „Ich habe gestern noch Jan Josef Liefers vor Hass verteidigt. Aber seine Inhalte sind fern jeder Realität“.

Am heutigen Montag beraten die Bundesregierung und Ministerpräsident:innen über das weitere Vorgehen während der Corona-Pandemie. (jjf/AFP/dpa)

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