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Angeknockt in die Wahl: Experte schildert brisante Stimmung in Laschets CDU - Zweifel am Kanzler-Kurs?

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Von: Florian Naumann

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Schmunzelnd im Ring: Armin Laschet am Mittwoch im Wahlkampf.
Schmunzelnd im Ring: Armin Laschet am Mittwoch im Wahlkampf. © Armando Babani/dpa

Eine Umfrage deutet an: Laschet und der Union könnte die Wahl noch entgleiten. Ein Experte sieht Versäumnisse beim Kanzlerkandidaten - und die Misere setzt sich fort.

Berlin/Frankfurt am Main - Die Umfrage-Ergebnisse befinden sich seit Wahlkampf-Start auf wilder Achterbahnfahrt - doch ein wenig nach Zäsur riecht der jüngste Zwischenstand schon: In einer Forsa-Umfrage vom Mittwoch (11. August) liegt die Union nur noch vier Prozentpunkte vor der SPD, drei vor den Grünen. Zugleich wäre der Erhebung zufolge sogar ein rot-rot-grünes Bündnis möglich. Ebenso wie eine Ampel - zwei Macht-Konstellationen ohne Armin Laschet, CDU und CSU.

In den sozialen Netzwerken feiern SPD-Politiker den Wasserstand, die Linke trommelt plötzlich wieder offensiv für ein Bündnis mit Sozialdemokraten und Grünen. Möglich, dass sich der Wind in Kürze wieder dreht. Aber einen Tag nach dem Corona-Gipfel stellt sich doch eine Frage: Verspielt Armin Laschet bei der nahenden Bundestagswahl noch das Kanzleramt? Mindestens seit dem kurzen Höhenflug der Grünen im Mai schien dieses Szenario nicht mehr so realistisch.

Bundestagswahl: Laschet legt die Boxhandschuhe an - der Union geht „der Arsch auf Grundeis“

Am Mittwoch beging der CDU-Chef seinen Wahlkampf-Auftakt betont kämpferisch: Der Kanzlerkandidat sprach in einem integrativen Boxclub in Frankfurt am Main mit Jugendlichen und stieg auch für einige Minuten in den Ring. Dazu legte er Boxhandschuhe an und teilte einige Hiebe auf Schlagpolster aus. Vor Journalisten sagte er im Anschluss, die CDU werde in den kommenden Wochen kämpfen. „Wir müssen endlich zu einem politischen Wahlkampf kommen, zu einer klaren Frontenstellung“, sagte Laschet.

Allerdings kursieren bereits nicht erst seit dem neuesten Umfragerückschlag intern wieder massive Zweifel an Laschets Kanzlerkurs - der Ruf nach einem „politischen Wahlkampf“ könnte auch eine Reaktion auf Kritiker in eigenen Reihen sein. Welt-Vizechefredakteur Robin Alexander schilderte in einem Podcast der Webseite The Pioneer am Mittwoch seinen Eindruck aus einer Polen-Reise mit Laschet in den vergangenen Tagen. „Sein Umfeld ist schon deutlich nervös, er aber nicht“, erzählte er. Die Gesamtstimmungslage in der CDU brachte Alexander noch prägnanter auf den Punkt. „Denen geht der Arsch langsam auf Grundeis.“

Laschet in der Kritik: Experte rügt Wahlkampf-Fehler - und gibt Ratschlag

Ein Kampagnen-Experte attestierte Laschet unterdessen massive Wahlkampf-Fehler. Zunächst habe die Lage Laschet zwar in die Karten gespielt, sagte Julius van de Laar, ehemaliger Mitarbeiter unter anderem in der Wahlkampagne Barack Obamas, der taz: „Solange die Aufmerksamkeit auf Annalena Baerbocks Fehlern lag, war es aus Sicht der Union richtig, die Füße stillzuhalten.“ Spätestens mit der Flut-Katastrophe habe sich das Blatt aber gewendet.

„Das war tatsächlich der Moment, in dem Laschet den Sack hätte zumachen können – er, der die Krise managen kann und bereit ist, Verantwortung an vorderster Front zu übernehmen.“ Eine gemeinsame Reise mit den Konkurrenten Scholz und Baerbock ins Krisengebiet, mit Laschet als selbsterklärtem „Leiter“, wäre die richtige Lösung gewesen, urteilte van de Laar.

Diese Chance habe Laschet aber versäumt. Stattdessen sei der CDU-Chef erst mit großer Verspätung in die Offensive gekommen. Zugleich habe Laschet unglückliche Bilder geliefert: „Und statt vorzupreschen, die Deutung zu übernehmen und zu sagen, wie er sich den Aufbau vorstellt, waren er und sein Team zu lange damit beschäftigt, dieses Bild wieder zu korrigieren“, fügte der Experte an. „Im Wahlkampf gilt: Wer erklärt, der verliert. Die effektivste Waffe im Wahlkampf ist die neue Information.“

Corona-Gipfel wird für Laschet nächster Rückschlag: Kanzlerkandidat kommt nicht aus der Defensive

Am Dienstagabend wirkte es fast, als wolle Laschet diese Maxime befolgen - und wäre trotzdem gescheitert: Kurz nach dem Corona-Gipfel stand er im „heute journal“ des ZDF Rede und Antwort. Und gab nach Meinung so einiger Beobachter erneut keine glückliche Figur ab. Auf die Frage von Anchorman Claus Kleber nach coronapolitischen Versäumnissen wollte der Kanzlerkandidat das Erklären vermeiden, er drehte fix zum Thema Flut ab, redete sekundenlang gleichzeitig mit dem einschreitenden Moderator - und zog doch den Kürzeren. „Es tut mir leid, dass wir jetzt gleichzeitig sprechen, aber ich muss darauf bestehen, dass wir bei unseren Fragen und beim Bau unserer Sendung bleiben“, grätschte Kleber den CDU-Politiker ab.

Zugleich musste sich Laschet erneut den Vorwurf gefallen lassen, sein Corona-Kurs sei wahlkampfgetrieben - etwa die (laut Ex-Konkurrent Markus Söder ohnehin vorläufige) Ablehnung für scharfe Zugangsbeschränkungen für Ungeimpfte. „Man achte sehr auf die Zwischentöne hier“, betonte Kleber: „Nicht-Geimpfte werden so etwas wie einen Lockdown erleben, weil sie an manchen Dingen eines Tages nicht mehr teilnehmen können, verstehe ich Sie da richtig?“, interpretierte er die Antworten des Kanzlerkandidaten. Laschet wich aus: „Heute sind wir einig, Test, geimpft oder genesen, das ist die Kategorie, mit der wir arbeiten.“ Über das Szenario exorbitanter Inzidenzen habe man „gar nicht gesprochen“.

Womit ein anderer Kritikpunkt van de Laars zum Tragen kam: „Wahlkampf ist jedoch immer ein Wettlauf um die Deutungshoheit. Und Laschet hat nie genau definiert, wo er hin möchte“, rügte der Experte in der taz.

Baerbock nicht einzige Zielscheibe des Spotts: Laschet nach ZDF-Auftritt im Fokus - „wie ein Hausmeister“

Die TV-Zuschauer jedenfalls sparten nicht mit Hohn und Spott für Laschet. Kritik gab es gar am Outfit des CDU-Politikers: Kleber sehe aus wie der Kanzlerkandidat, Laschet „wie ein Hausmeister“, war etwa zu lesen. Eine andere Kommentatorin höhnte, Laschet habe nach dem Insistieren Klebers ausgesehen, als fange er gleich an „zu weinen“. Womit immerhin bewiesen scheint, dass nicht nur Frauen im Allgemeinen und Annalena Baerbock im Speziellen unsachliche Kritik an Äußerlichkeiten erdulden müssen.

Abzuwarten bleibt jedenfalls, ob Laschet das Ruder noch einmal herumreißen kann. Zuletzt überstrahlte die Umfrage-Krise der Union sogar Negativkampagnen an die Adresse der Grünen. Womöglich ist nun tatsächlich klare Kante Laschets gefragt - der Corona-Gipfel könnte dafür die nächste verpasste Gelegenheit gewesen sein. Bereits am Mittwoch preschten erste Bundesländer mit neuen Maßstäben anstelle der Inzidenz am Bund (und an Laschet) vorbei. Und ließen damit den Kanzlerkandidaten mit dem Hinweis auf mangelnde Ratschläge des RKI schlecht aussehen. Zumal die Rufe nach neuen Maßgaben bereits Monate alt sind.

Alexander hatte indes auch eine konkrete Begründung für den eher blassen Wahlkampf parat: In seiner meist recht funktionalen NRW-Regierung habe Laschet stets „aggressivere“ Politiker-Charaktere an seiner Seite gehabt - etwa Innenminister Herbert Reul oder den sozial eingestellten Josef Laumann aus dem CDU-Arbeitnehmerflügel. Solche Figuren fehlten Laschet nun. Tatsächlich wird auch seit Wochen schon ein prominenteres Wahlkampfteam gefordert. Doch Laschet zögert offenbar. Und Umfrage-Liebling Söder hält sich zurück. Ob das Anlegen der Boxhandschuhe nun reicht? Es bleibt offen. (fn)

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