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Armut im Alter. Viele Senioren in Deutschland gehen jeden Tag zur Suppenküche. 

Armutsbericht

Der große Streit um die Armut

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Der Paritätische Wohlfahrtsverband zeichnet ein düsteres Bild. Die Armut in Deutschland befinde sich auf einem historischen Höchststand, gab der Verband Anfang März bekannt. Wissenschaftler kritisieren den Bericht. Die Streitfrage: Was genau ist Armut?

München – Als der Paritätische Wohlfahrtsverband Anfang März den „Armutsbericht 2017“ veröffentlichte, schlugen die Wellen mal wieder hoch. „Die Armut stieg fast flächendeckend“, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. Nie seit der Wiedervereinigung habe es im Verhältnis zur Bevölkerung so viele Arme gegeben. 12,9 Millionen Menschen – 15,7 Prozent der Deutschen. Deutschland verarmt? So weit ist es also gekommen?

Darüber, wie diese Zahlen zustande kommen, wird heiß diskutiert. Wer ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts hat, gilt in dem Bericht als arm. Diese Definition stammt von der EU. 2015 – aus diesem Jahr stammen die Zahlen des diesjährigen Berichts – lag die Schwelle etwa bei 942 Euro für Alleinstehende und bei 1978 Euro für Paare mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Während die EU allerdings noch von einem Armutsrisiko spricht, beginnt für den Paritätischen darunter die Armut.

Dessen Geschäftsführer Schneider bleibt dabei: Die Einschätzung, wonach jeder sechste Deutsche in Armut lebe, sei realistisch. Und zwar dann, wenn man unter Armut nicht verstehe, „dass Menschen erst unter Brücken schlafen oder in Papierkörben nach Pfandflaschen suchen müssen, bevor wir sie arm nennen, sondern wenn wir Armut als eine Situation begreifen, in der die Menschen so wenig Geld haben, dass sie am ganz normalen Leben nicht mehr teilhaben können“.

Was bedeutet das, ein normales Leben? Ist man arm, weil man kein Geld für die Autoreparatur hat? Ist man nicht arm, weil man am Wochenende im Kino war?

„Propaganda, die als Wissenschaft verkauft wird“

Der Statistik-Professor Walter Krämer von der TU Dortmund fällt ein vernichtendes Urteil über den Armutsbericht. „Das mechanische Festbinden der Armutsgrenze an einem Durchschnittseinkommen ist wissenschaftlich eine absolute Todsünde“, sagt er unserer Zeitung. „Kein seriöser Armutsforscher denkt auch nur im Traum daran, so einen Unfug anzustellen.“ Der Bericht sei „Propaganda, die als Wissenschaft verkauft wird. Und das macht mich als Wissenschaftler wütend“.

Das Problem an der Armuts-Definition, auf die sich der Bericht stützt, ist tatsächlich schnell erklärt: Man könnte das Einkommen eines demnach armen Menschen verfünffachen. Solange das aller anderen auch verfünffacht würde, wären nach dieser Statistik nicht etwa alle reich, sondern der Mann, der nun fünfmal so viel hat wie zuvor, wäre immer noch armutsgefährdet – laut Paritätischem Wohlfahrtsverband sogar arm.

Ein anderes Beispiel, das Kritiker gerne anführen, sind Studenten. Viele von ihnen rechnet der Bericht den „Armen“ zu, obwohl sie in ihrem Erwerbsleben einmal deutlich mehr verdienen als so mancher, den die Statistik nie als arm einstufen wird – und der das vermutlich auch selbst nicht tun würde.

Die Einkommenssituation erklärt nicht alles

„Der Paritätische versucht mit den Zahlen politische Aufmerksamkeit zu erlangen“, sagt Jörg Fischer unserer Zeitung. Der Armutsforscher von der FH Erfurt ist derzeit an der Temple University in Philadelphia (USA) tätig. Seine Kritik fällt aber weniger hart aus als die seines Kollegen Krämer. „Die Zahlen sind richtig und ein wichtiger Indikator. Aber die Einkommenssituation ist nur ein Zugang, der nicht alleine alles erklärt“, sagt Fischer.

Wie ginge es besser? Fischer sagt: „Man sollte auf die komplette Lebenssituation blicken.“ Soziale Teilhabe, Gesundheit – das gehöre alles dazu. Er hält die Armuts-Messung über das Einkommen aber deshalb keinesfalls für Schindluder, sie alleine sei nur einfach nicht ausreichend. Auch Krämer sagt: „Man muss herausfinden, was es für ein menschenwürdiges Leben braucht. Dann sieht man, was das kostet, und daraus ergibt sich dann die Armutsgrenze.“ Zu einem menschenwürdigen Leben könne heutzutage zum Beispiel auch der Internetzugang gehören, sagt Krämer. Die Grenze sei variabel. „Ich vermute, dass die Armut nach diesen Kriterien nicht gestiegen ist.“ Andere Indikatoren würden vielmehr dafür sprechen, dass extreme Armut in Deutschland abnimmt. Weniger Menschen suchen Suppenküchen auf, sagt Krämer, weniger Obdachlose erfrieren.

Armutsexperte Fischer sagt: „Es ging den Menschen in Deutschland noch nie so gut wie heute – das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt. Es gibt Lebenssituationen, die verbesserungswürdig sind.“

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