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Sie tragen ihn am Herzen: Kanzlerkandidat Martin Schulz als T-Shirt-Motiv.

Aschermittwoch der SPD

Genosse Schulz verzückt die Basis

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Das kommt nicht oft vor: Im Jahr 2017 steigt der spannendste Aschermittwoch bei der SPD. Martin Schulz zeigt, dass er auch bayerisches Bierzelt kann – und einen klaren Plan hat. Seine Partei ist kaum wiederzuerkennen.

Vilshofen – Am Ende stehen alle. „Martin, Martin“ schallt es durch das Zelt in Vilshofen, in dem es trotz der Kälte draußen so warm geworden ist, dass dem Martin Schweißtropfen auf der Stirn kleben. Auf der Bühne drängen sich die Mitstreiter um ihn, während sie unten die „Zeit für Martin“-Plakate nach oben recken. Die bayerischen Sozialdemokraten, die ein oft freudloses Dasein fristen, sind nicht wiederzuerkennen. Euphorie. Siegesstimmung für den „künftigen Bundeskanzler“, wie ihn Bayern-SPD-Chef Florian Pronold nennt. Martin Schulz, dieser kleine Mann aus Würselen, ist hier ein Riese. „Wir werden dir zeigen, dass die bayerische SPD Wahlkampf kann“, ruft Generalsekretärin Natascha Kohnen. Und nicht nur die Jusos, die einen Großteil dieses Wahlkampfs stemmen sollen, sind kaum zu halten.

Nein, dies ist kein gewöhnlicher Aschermittwoch bei der Bayern-SPD. Ja, auch bei Peer Steinbrück vor vier Jahren war das Zelt voll. Aber diesmal ist die Stimmung anders. Das merkt man schon vor dem Eingang. Zwei Besucherschlangen, hunderte Meter lang, warten geduldig auf Einlass. Man sieht Fans mit SPD-Fahnen und -Schals. 42 Busse aus Bayern und ganz Deutschland sind gekommen. 5000 Menschen. Alte Schule ist das hier: Kein Moderator, keine Hightech-Bühne, den einzigen Einspieler hat der österreichische Bundeskanzler Christian Kern („Ich bin nur die Vorband“) mitgebracht. Stattdessen: Blasmusik, Weißwurst und Reden, dass einem das Trommelfell dröhnt.

„Wir Sozialdemokraten treten an, die stärkste Partei in diesem Land zu werden“, hat Schulz vor vier Wochen bei seiner Vorstellung gesagt. Mitleidige Blicke habe er bekommen, erinnert er sich am Mittwochmorgen. Das war vor den Umfragen. Vor dem Martin-Hype, den die Genossen selbst nicht glauben können. Im Bierzelt wiederholt Schulz den Satz – rasender Applaus. Doch der Martin ist noch nicht fertig. „Dieser Satz hat eine Logik: Ich trete an, um deutscher Bundeskanzler zu werden.“

Den Ticker zum Nachlesen finden Sie hier

Keine Frage: Martin Schulz kann Bierzelt. Es ist ja auch schon sein vierter Auftritt beim Aschermittwoch. Politik aus dem Bauch für den Bauch. Einfache Verhältnisse. Geplatzte Fußballer-Träume. Persönliche Rückschläge. Der 61-Jährige benutzt seine wechselhafte Biografie, um zu seinem Kernthema zu kommen: soziale Gerechtigkeit. Pfleger, Busfahrer, Feuerwehrleute, Polizisten – er vergisst keinen. „Wenn Menschen hart arbeiten, kommt es nicht darauf an, ob jemand Abitur hat, damit sie unseren Respekt verdienen.“ Und auch Schulz arbeitet hart – immer das Lehrbuch der Sozialdemokratie im Blick.

Auch wenn er steif und fest behauptet, kein Taktiker zu sein, verfolgt dieser Martin Schulz einen klaren Plan: Die Fertigstellung seines Programms hat er um einen ganzen Monat auf Juni verschoben. Vorher reist er in aberwitzigem Tempo durchs Land, um mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Hören, was bewegt. Am heutigen Donnerstag ist er in Würzburg. Am Vorabend des Vilshofen-Auftritts trifft er sich mit der Bayern-SPD in Passau. Müde sieht er da aus. Aber nicht zu müde, um nicht auch den letzten Selfie-Wunsch zu erfüllen. Dieser Schulz-Hype, den auch er sich nicht ganz erklären kann, gefällt ihm dann doch zu gut.

Rhetorisch ist sein Bierzeltauftritt sehr geschickt. Klare Abgrenzung gegen rechts: Höcke werde niemals aus der AfD ausgeschlossen. Man brauche ihn noch für den rechten Rand. „Die AfD ist keine Alternative, sondern eine Schande für Deutschland“, ruft der SPD-Mann. Klares Bekenntnis zu Europa: „Mit mir wird es kein Schlechtreden von Europa geben. Wer ins Kanzleramt will, der muss Europakompetenz haben.“ Und klare Abgrenzung gegen den Ton, der die politische Debatte beherrscht: „Auch im Bierzelt wird aus dem politischen Wettbewerber kein Feind. Wir kämpfen mit harten Argumenten aber ohne persönliche Beleidigungen.“ Das sind klare Aussagen. Pfiffe, als er Orban, Trump und Seehofer erwähnt.

Und doch: Wenn es um sein Kernthema Gerechtigkeit geht, bleibt Schulz im Ungefähren. Er beschreibt die Probleme von Praktikanten, Pflegern, Krankenschwestern. Nur wie er diese lösen will, sagt er nicht. Das Programm hat Zeit. Es geht um Emotion.

„Der Schulz-Zug rollt“, ruft Generalsekretärin Natascha Kohnen. Die große Frage bleibt auch nach diesem Aschermittwoch: Hat er genug Schwung bis zum 24. September? Der Kandidat weiß, dass er aus Bayern deutlich mehr Stimmen braucht als seine Vorgänger. Doch der in Berlin oft verspottete zweitgrößte Landesverband bleibt ein unsicherer Kandidat. Für ein paar Tage wirkte es so, als wollten die Bayern in Schulz’ Windschatten ein ganz eigenes Aufbruchssignal senden: Der angeschlagene Florian Pronold kündigte seinen Rückzug an und plädierte für Natascha Kohnen als Nachfolgerin. Doch sofort moserte die Partei, die Generalsekretärin sei schon zu lange Bestandteil der glücklosen Landesführung. Mit dem Landtagsabgeordneten Florian von Brunn fand sich ein forscher Gegenkandidat – dem noch vier weitere folgten. Im Zelt von Vilshofen kann man an den Tischen großes Stirnrunzeln auslösen, wenn man nach allen sechs Namen fragt. Jetzt startet die Urwahl – der Sieger (wahrscheinlicher: die Siegerin) wird den Landesverband einen müssen.

Vielleicht kann der Martin auch dabei helfen.

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