München: Aschraf Ghani, Präsident von Afghanistan, spricht auf der 56. Münchner Sicherheitskonferenz.
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Der afghanische Präsident Aschraf Ghani wurde 2014 im Amt des Regierungschefs vereidigt.

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Aschraf Ghani: Leben und Karriere des Präsidenten von Afghanistan

Ein Akademiker als Staatspräsident: So stieg der einstige Anthropologie-Professor zum höchstrangigen Politiker seines Landes auf.

  • Aschraf Ghani lebte 24 Jahre in den USA, bevor er nach dem Sturz der Taliban zurück nach Afghanistan kehrte.
  • Dort schlug der Akademiker eine politische Karriere ein und wurde 2014 zum Staatspräsidenten Afghanistans gewählt.
  • Seine Amtszeit ist geprägt von Streitereien mit seinem Gegenspieler Abdullah Abdullah, der Vorwürfe der Wahlmanipulation gegen Ghani lautwerden ließ.

Der afghanische Politiker Aschraf Ghani wurde am 19. Mai 1949 in der Provinz Lugar in der Nähe von Kabul geboren. Er wuchs in einer bedeutenden paschtunischen Familie auf. Sein Vater diente als Beamter unter König Mohammed Zahir Schah. Schon als Schüler absolvierte er einen Auslandsaufenthalt in Lake Oswego im US-Bundesstaat Oregon. Nach seinem Schulabschluss studierte er an der Universität Kabul und an der Amerikanischen Universität in Beirut. Ursprünglich wollte Ghani Jura studieren, entschied sich dann aber doch für Kulturanthropologie. 1973 schloss er sein Bachelor-Studium erfolgreich ab. Anschließend lehrte er drei Jahre Anthropologie an der Universität Kabul. 1977 erhielt er ein Stipendium für die Columbia University in New York und schloss im selben Jahr sein Master-Studium ab. Sechs Jahre später folgte der Doktor-Titel und Ghani unterrichtete an der University of California, Berkeley und an der Johns Hopkins University. Ab 1991 arbeitete er für die Weltbank und spezialisierte sich auf die Reformierung von staatlichen Institutionen in weniger entwickelten Ländern.

Statt des geplanten Auslandsjahres blieb Ghani letztendlich 24 Jahre in den USA, nachdem sein Heimatland von heftigen Unruhen erschüttert wurde. Nach dem kommunistischen Putsch und der sowjetischen Besatzung entbrannte ein heftiger Bürgerkrieg, der zu den Schrecken des Taliban-Regimes führte.

Aschraf Ghani: Politische Anfänge und Werdegang

Nach dem Sturz der Taliban kehrte Aschraf Ghani 2001 als UN-Sonderbeauftragter zurück nach Afghanistan und fungierte als Berater für den damaligen Präsidenten Hamid Karzai. Von 2002 bis 2004 arbeitete Ghani als Finanzminister Afghanistans. Während dieser Zeit überwachte er auch die Einführung einer neuen Währung in seinem Heimatland und setzte eine Reihe von weiteren Reformen durch, wie etwa eine Stärkung der Digitalisierung und Transparenz im Finanzsektor. Außerdem gründete er die Initiative Afghan National Solidarity Programme (NSP), die die ländlichen Gemeinden in Afghanistan stärkten sollte.

Seine akademische Karriere setzte der Anthropologe fort, indem er ab 2004 vier Jahre lang als Kanzler der Universität Kabul tätig war. 2006 war Ghanis Name bereits so weit verbreitet, dass er als möglicher Nachfolger von Kofi Annan als UN-Generalsekretär im Gespräch war. Die amerikanische Denkfabrik Brookings Institution lobte den Politiker vor der Wahl für seinen „enormen Intellekt, Talent und Kapazität“. Letztendlich ging das Amt an den Südkoreaner Ban Ki-moon.

2009 kandidierte Ghani bei der afghanischen Präsidentschaftswahl und sicherte sich dabei die Unterstützung des politischen Beraters James Carville, der 1992 Bill Clinton zum Sieg gegen George Bush sen. verholfen hatte. Letztendlich reichte es für 3 Prozent aller Stimmen und einen vierten Platz hinter seinen Mitstreitern Hamid Karzai, Abdullah Abdullah und Ramasan Bashardost.

Aschraf Ghani: Aufstieg zum Präsidenten von Afghanistan

2014 trat Aschraf Ghani erneut bei der Wahl zum afghanischen Präsidenten an. Zu seinem möglichen Vizepräsidenten ernannte er den Milizenführer Raschid Dostum, der der usbekischen Minderheit in Afghanistan angehört. Dostum werden von Menschenrechtsorganisationen zahlreiche schwere Kriegsverbrechen angehängt, während er von Ghani selbst in der Vergangenheit als „Killer“ bezeichnet wurde. Mit seiner Ernennung verfolgte Ghani eine Wahlkampfstrategie, um auch nicht-paschtunische Stimmen für sich zu gewinnen.

Nachdem im ersten Wahlgang kein Kandidat mehr als die Hälfte der Stimmen bekam, kam es zu einer Stichwahl zwischen Ghani und seinem Mitstreiter Abdullah Abdullah. Das Ergebnis zeigte, dass Ghani 56 Prozent aller Stimmen bekommen hatte – und das, obwohl Abdullah als klarer Favorit galt und er von den meisten ausgeschiedenen Kandidaten unterstützt wurde. Daraufhin wurde der Vorwurf der Wahlmanipulation laut. Abdullah und seine Anhänger weigerten sich, das Ergebnis anzuerkennen und stellten eine Gegen-Regierung auf. Schließlich schaltete sich die US-Regierung ein und ihr Außenminister John Kerry flog nach Kabul, um zwischen den beiden Parteien zu vermitteln.

Daraufhin wurden die fast 8 Millionen Stimmen neu ausgezählt. Nach drei Monaten wurde Ghani am 21. September 2014 offiziell zum afghanischen Präsidenten erklärt und am 29. September im Amt vereidigt. Er habe mit 56 zu 44 Prozent der Stimmen gewonnen. Die genauen Wahlergebnisse wurden jedoch nicht veröffentlicht. Für Abdullah wurde dagegen die Position des Geschäftsführers in der afghanischen Regierung geschaffen. Außerdem durfte einer seiner Vertrauensmänner das Amt des Premierministers übernehmen. Tatsächlich war es die erste friedliche politische Machtübergabe in Afghanistan seit 1901.

Aschraf Ghani: Herausforderungen seiner Amtszeit

Die Rivalität mit Abdullah Abdullah sollte sich jedoch bis in die Gegenwart fortsetzen und Aschraf Ghanis politischen Ambitionen einen schweren Dämpfer versetzen. Ghanis Versprechungen, Korruption und der Vorherrschaft der Elite ein Ende zu setzen, erwiesen sich in der Realität schwer umzusetzen. Während sich bei seinem Amtsantritt noch 80 Prozent der Bevölkerung für Ghani aussprach, waren es rund eineinhalb Monate später nur noch 23 Prozent. Mit seinem Amtsantritt 2014 kam der internationale Truppenabzug aus Afghanistan, was zu einer Wirtschaftskrise in dem Land führte. Gleichzeitig lag es nun hautsächlich an der afghanischen Armee, die Taliban zu bekämpfen, und das mit weniger Waffen. Prompt flohen rund 154.000 Afghanen nach Deutschland.

Auch Ghanis Versuche, die Beziehungen zum Nachbarsland Pakistan zu verbessern, waren nur von mäßigem Erfolg. Damit erhoffte sich der Präsident, den Weg für Friedensverhandlungen mit den Taliban zu ebnen. Nachdem es jedoch zu einer Reihe von Terroranschlägen in Afghanistan kam, die hauptsächlich Pakistan zugeschrieben wurden, schlug Ghani einen deutlich kühleren Ton zum Nachbarland an. Der Regierungschef nannte Pakistan das „Zentrum der Taliban“ und sprach von einem „Krieg der Aggression“ gegen Afghanistan. Einem Bericht zufolge soll sich Ghani sogar geweigert haben, mit dem pakistanischen Premierminister zu telefonieren, was sein Sprecher allerdings bestritt.

Um Frieden mit den Taliban zu schließen, bot Ghani ihren Anhängern im Februar 2018 an, sie als legitime Gruppe anzuerkennen und ihnen afghanische Pässe zu übergeben, sollten sie sich zu Verhandlungen bereiterklären. Außerdem bezeichnete er sich als Präsident „aller Afghanen“, was auch die Taliban miteinschließe.

Aschraf Ghani: Neuwahl und innerpolitische Krise

Am 28. September 2019 wurden neue Präsidentschaftswahlen in Afghanistan abgehalten. Dabei ging Aschraf Ghani erneut gegen Abdullah Abdullah ins Rennen. Erste Ergebnisse zeigten, dass Ghani mit 50,6 Prozent der Stimmen gewonnen habe. Die Diskussion über umstrittene Stimmen führte dazu, dass er erst am 18. Februar als offizieller Sieger bekanntgegeben wurde. Wie bereits bei der Wahl 2014 erkannte sein Gegenspieler das Ergebnis nicht an und erklärte sich selbst zum Präsidenten. Am 9. März 2020 wurde Ghani für eine zweite Amtsperiode vereidigt. Folglich spitzte sich die innerpolitische Krise zu.

Ghani schaffte das Amt des Geschäftsführers der Regierung ab, das davor von Abdullah besetzt war. Dieser dagegen erklärte Ghani in einem Statement für abgesetzt und seine Dekrete für ungültig. Die USA gaben daraufhin im März 2020 bekannt, ihre finanziellen Hilfen an Afghanistan zu reduzieren und drohten mit weiteren Konsequenzen, sollte sich keine Einigung finden. Am 17. Mai 2020 einigten sich die zwei Kontrahenten schließlich darauf, sich die Macht zu teilen. Ghani blieb Präsident, während Abdullah Vorsitzender des Nationalen Aussöhnungsrates wurde und die Friedensverhandlungen mit den Taliban übernehmen wird. Außerdem wurden Mitglieder seines Wahlkampfteams Teil des Kabinetts. Davor hatten die Taliban Gespräche mit der afghanischen Regierung abgelehnt, weil diese aufgrund der innerpolitischen Spaltung nicht alle Interessen des Landes vertrete.

Aschraf Ghani: Familie und Privatleben

Während seines Studiums an der Amerikanischen Universität Beirut lernte Aschraf Ghani seine zukünftige Frau Rula Ghani kennen, die dort Politikwissenschaften studierte. 1975 ging das Paar den Bund der Ehe ein. Rula stammt aus dem Libanon und ist Christin, was sie zur ersten christlichen First Lady in dem fast ausschließlich muslimischen Land macht. In den USA bekamen die Ghanis zwei Kinder: einen Sohn namens Tariq und eine Tochter namens Mariam. Letztere ist mittlerweile etablierte Video- und Installationskünstlerin sowie Autorin und hat ihren Sitz in New York.

Rula Ghani hat sowohl die libanesische, afghanische als auch amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie gilt als Hoffnungsträgerin für ein liberaleres Afghanistan und setzt sich offen für Frauenrechte ein. Die Präsidentschaftsgattin zeigte sich nicht nur bei öffentlichen Auftritten mit ihrem Mann, sondern ergriff bei Wahlkampfveranstaltungen selbst das Wort. Bei seiner Antrittsrede richtete Aschraf Ghani dankende Worte an seine Frau und bestärkte sie in ihrer Mission, afghanische Frauen zu unterstützen, was einem Tabubruch gleichkam. 2015 wurde Rula in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen des ‚Time‘-Magazins gewählt.

Ghani ist für seine große Liebe zu Büchern bekannt. So soll er jeden Morgen um fünf Uhr morgens aufwachen und zwei bis drei Stunden lesen, bevor er seine Amtsgeschäfte beginnt. Nach seinem Amtsantritt 2014 ließ der Akademiker die Bibliothek des verstorbenen König Zahir, die unter seinem Vorgänger Hamid Karzai vernachlässigt wurde, neu organisieren. Sein Vermögen soll nur ein Bruchteil dessen Karzais betragen und neben seinem Haus im Westen Kabuls hauptsächlich eine Kollektion an 7000 Büchern umfassen.

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