Merkels Impf-Gipfel geplatzt

AstraZeneca-Knall: EU will Re-Start schon übermorgen - Minister-Aus für Spahn gefordert

Nach der Aussetzung des AstraZeneca-Vakzins auf unbestimmte Zeit müssen nun auch Bund und Länder umplanen. FDP und Linke kritisieren das Vorgehen der Regierung scharf und fordern Veränderungen.

  • Das Bundesgesundheitsministerium setzte die Impfungen mit AstraZeneca am 15. März „vorsorglich“ aus (siehe Ursprungsmeldung).
  • Teile der Opposition kritisieren die Entscheidung scharf und machen Druck auf Gesundheitsminister Jens Spahn (siehe Meldung vom 16. März, 15.07 Uhr).
  • Berichten zufolge soll der Impfgipfel zwischen Bund und Ländern frühestens am Donnerstag, womöglich auch am Freitag nachgeholt werden (siehe Update vom 17. März, 11.40 Uhr).

Update vom 17. März, 11.40 Uhr: Nach dem Impfstopp des AstraZeneca-Vakzins wollen Bund und Länder den Impfgipfel „zeitnah“ nachholen. Wie die AFP berichtet, sollen die Gespräche „möglicherweise am Freitag“ aufgenommen werden. Entscheidend hierfür ist die Stellungnahme der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). Eigentlich war der Impfgipfel zwischen der Bundesregierung und den Länderchefs für Mittwoch geplant. Nun warten die politischen Entscheidungsträger die EMA-Empfehlung zum AstraZenca-Vakzin ab.

Derzeit sind die Impfungen mit dem AstraZeneca-Präparat in Deutschland ausgesetzt, um einen möglichen Zusammenhang zwischen mit Thrombosen der Hirnvenen zu prüfen. Wie das Portal Business Insider schreibt, könne der Impfgipfel auch schon am Donnerstag, 16.00 Uhr nachgeholt werden. Falls die EMA ihre Empfehlung bis dahin nicht vorlege, sei der Freitag als Datum für den Impfgipfel geplant, berichtet das Portal. Vor allem die Einbindung der Hausärzte bei den Impfungen sei ein zentraler Verhandlungspunkt, schreibt die AFP.

Update vom 16. März, 19.44 Uhr: Die Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin sollen schon am Donnerstag europaweit wieder aufgenommen werden. Das hofft zumindest EU-Kommission. Das bestätigte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides der Agentur AFP nach einer Videoschalte mit den EU-Gesundheitsministern.

Am Donnerstag erwarte die Kommission die „abschließende Einschätzung“ der EU-Arzneimittelbehörde (EMA). „Darauf warten wir und folgen dem wissenschaftlichen Rat der EMA“, so Kyriakides. Dafür werde eine Sondersitzung einberufen. „Hoffentlich haben wir am Donnerstag Informationen zur Wiederaufnahme der Impfungen“, unterstreicht Portugals Gesundheitsministerin Marta Temido.

Natürlich liegt die endgültige Entscheidung über den AstraZeneca-Re-Start bei den jeweiligen Landesregierungen, merkt Kyriakides an. Sie habe die Gesundheitsminister aber aufgefordert, im Vertrauen auf die wissenschaftliche Einschätzung der EMA „alle verfügbaren Impfstoffdosen zu nutzen.“

AstraZeneca-Stopp in Deutschland: Patientenschützer schimpft über Bundesregierung

Update vom 16. März, 17.28 Uhr: Patientenschützer Eugen Brysch geht hart mit der Bundesregierung ins Gericht. Das Vorgehen im AstraZeneca-Fall kritisiert er heftig.

„Vollgas, Kritik ignorieren und beschwichtigen und dann Vollbremsung. Diese simple Impf-Strategie der Bundesregierung führt zu Misstrauen bei den Impfwilligen“, prangert der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland an.

Dabei stört er sich weniger an der Entscheidung von Gesundheitsminister Jens Spahn, denn am Verhalten der Regierung. „Beim Stopp des Impfens mit AstraZeneca gibt es aus Sicht des Patientenschutzes kein Richtig oder Falsch“, erläutert Brysch, „es ist vielmehr die Schwarz-Weiß-Kommunikation der Politik, die eine Vertrauenskrise schafft.“

Jens Spahn: Opposition fordert Aus von „Pleiten-, Pech- und Pannenminister“

Update vom 16. März, 15.07 Uhr: Die Opposition versucht nach der Aussetzung des AstraZeneca-Vakzins, den Druck auf Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) weiter zu erhöhen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer rief Bundeskanzlerin Angela Merkel
(CDU) auf, die Impfkampagne in die Hand zu nehmen. Spahn sei zum „uneingeschränkten Pleiten-, Pech- und Pannenminister dieser
Bundesregierung“ geworden, erklärte Theurer am Dienstag in Berlin.

FDP-Chef Lindner hat die Verschiebung des Corona-Impfgipfels von Bund und Ländern stark kritisiert. Er fordere eine sofortige Beratung mit dem schwedisch-britischen Hersteller, um die nächsten Schritte zu besprechen, so Lindner am Dienstag in Berlin. Zudem sei die Aussetzung „eine sehr dramatische Entscheidung.“ Lindner fügte hinzu: „Nicht zu impfen ist ebenfalls ein Risiko, und es muss genau abgewogen werden, ob die Aussetzung verantwortbar ist.“

Die Linke geht noch einen ganzen Schritt weiter und fordert sogar das Ende von Spahns Amtszeit. Wenn der Gesundheitsminister nicht freiwillig zurücktrete, müsse die Kanzlerin ihn entlassen, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion, Achim Kessler. „Die Bevölkerung hat das Vertrauen in die Krisenbewältigung des Gesundheitsministers und der Bundesregierung längst verloren.“ CSU-Chef Söder verteidigte Spahn jedoch. Er habe auf die Empfehlung seiner obersten Behörde so handeln müssen.

AstraZeneca-Knall: Merkels Impf-Gipfel wohl geplatzt - Hausarzt-Beschluss auf Eis?

Update vom 16. März, 9 Uhr: Nun ist es offenbar beschlossene Sache, der für Mittwochabend geplante Corona-Impfgipfel von Bund und Ländern wird aufgrund des AstraZeneca-Stopps vorerst verschoben. Das bestätigte ein Regierungssprecher am Dienstag.

Ursprungsmeldung: Berlin - Nach der Aussetzung von Corona-Impfungen mit dem Präparat von AstraZeneca soll die für Mittwochabend geplante Telefonkonferenz von Bund und Ländern zum Impfen voraussichtlich verschoben werden. Es sei davon auszugehen, dass die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA am Donnerstag zum weiteren Vorgehen bei dem Impfstoff abgewartet werde, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montagabend aus mit den Vorgängen befassten Kreisen.

Gesundheitsministerium setzt Impfungen mit AstraZeneca-Vakzin aus

Am Montagnachmittag hatte das Bundesgesundheitsministerium überraschend mitgeteilt, dass auch Deutschland die Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca vorerst ausgesetzt. Vorausgegangen waren Meldungen von Blutgerinnseln im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung mit dem Präparat. Den Angaben zufolge handele es sich um einen vorsorglichen Schritt, dem eine entsprechende Empfehlung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vorangegangen sei.

Bei dem Impfgipfel am Mittwoch wollten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder eigentlich über das weitere Vorgehen in der Impfstrategie beraten. Konkret sollte es dabei auch um die Frage gehen, wie die Hausärzte in Deutschland flächendeckend in den Impfabläufen berücksichtigt werden könnten. In den Praxen sollten dabei insbesondere der Impfstoff von AstraZeneca zum Einsatz kommen, da dieser dort auch gelagert werden kann.

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern peilen einen breiten Impfstart in Praxen spätestens in der Woche vom 19. April an. Einzelne Länder - darunter Bayern - hatten bereits angekündigt, ab Anfang April die Hausärzte flächendeckend einbinden zu wollen.

AstraZeneca-Impfstopp: „Weitere Untersuchungen notwendig“

„Nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa, hält das PEI weitere Untersuchungen für notwendig“, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken.

Zuvor hatten auch bereits andere Länder, darunter etwa die Niederlande, Impfungen mit dem Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca für zwei Wochen ausgesetzt. Die EMA erklärte allerdings bislang, dass es keine auffällige Häufung von Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gebe. Der Nutzen der Verabreichung des AstraZeneca-Mittels sei größer als die Risiken. Ausgesetzt worden waren die Impfungen mit dem Vakzin vorübergehend auch in Italien.

AstraZeneca hatte nach einer Analyse von Impfdaten erneut Sorgen über die Sicherheit seines Corona-Impfstoffes zurückgewiesen. Eine sorgfältige Analyse der Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Geimpften in der EU und Großbritannien habe keine Belege für ein höheres Risiko für Lungenembolien, tiefen Venenthrombosen und Thrombozytopenie geliefert, wie der Konzern am Sonntag in London mitteilte. Damit bezieht sich das Unternehmen nun auf noch mehr Datensätze. Am Freitag hatte AstraZeneca sich bereits ebenso geäußert und dabei auf 10 Millionen Datensätze verwiesen. (dpa)

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